Reise nach Afghanistan: Die Faszination extremer Orte
An der Grenze zu Afghanistan muss sich unsere Autorin eingestehen: Der Reiz des Verbotenen lässt sie nicht los.
D ie Männer sehen aus wie in den Auslandsnachrichten meiner Kindheit: Rauschebärte, knielange Gewänder und weite Hosen, schwere Westen und runde Kopfbedeckungen. Nur die Waffen, die damals viele Afghanen in der „Tagesschau“ trugen, fehlen. Ich bin auf einem Markt in Tadschikistan, an der Grenze zu Afghanistan. Seit 2024 ist er wieder für beide Seiten offen, und viele Afghanen kommen für Kauf und Verkauf, für Gemüse, Teppiche, Kleidung, Haushaltswaren, sogar Babywiegen. Ich schaue auf die Männer. Afghaninnen sind keine hier, sie dürfen nicht.
Kaum ein Land wird so exotisiert, ist so bedrohlich konnotiert wie Afghanistan. Es fühlt sich surreal an, ihm so nahe zu sein. Ich schäme mich für meine Faszination, aber kann mich nicht entziehen. Über den reißenden Fluss Pandsch sieht man dem Leben drüben zu: Menschen, die vor Lehmhäusern Gemüse anbauen, einsame Mopeds oder Eselskarren auf einer Staubpiste. Der Wohlstandsunterschied zu Tadschikistan ist heftig. Und auf alle, scheint es, hat der Grusel des Gottesstaats eine Wirkung. Die Tadschik:innen sprechen oft über Afghanistan als Horrorvision. Aber sie erzählen auch, dass viele Afghanen zufrieden seien. Die Taliban würden aufräumen, bei Korruption, bei säumigen Schuldnern. Die Frauen, gewiss, seien nicht zufrieden.
Auch unter Reisenden ist Afghanistan ein großes Thema. Denn viele kommen direkt von dort, teils sogar mit Kindern. Im Hostel hängen alle an ihren Lippen, wenn sie erzählen. Von Tourist:innen, die trotz Verbots Taliban fotografierten, und dem Guide, der dafür mit dem Tod bedroht wurde. Vom Gefühl der Gesetzlosigkeit, weil ein Talib einen jederzeit erschießen könne. Von atemberaubender Schönheit. Dass sie naiv waren, worauf sie sich einließen, dass es schlimm und auch gut war.
Als ich Deutschen daheim von diesem Tourismus berichte, reagieren sie empört. Und fragen doch lange nach. Sie haben recht: Tourismus, der aus Grauen einen Kick zieht, ist entmenschlichend. Aber die Faszination für verschlossene Orte kann ich verstehen. Und ist es so viel ethischer, die Neofaschisten in Italien, die Diktatur in Ägypten oder ein Steuerparadies in der Karibik mitzufinanzieren?
Riskante Reisen funktionieren dennoch anders als das konsumorientierte, sie kopieren die Tradition der imperialen Eroberung. Entdecker, die im Packeis erfroren, Extrembergsteiger:innen, adrenalingetriebene Kriegsreporter:innen und Familienurlaub in Afghanistan, das entspringt einer Wurzel: der Gier, sich Zutritt zu extremen Gebieten zu verschaffen. Thrill durch Risiko. Es hat sehr unangenehme Subtexte. Aber ich würde lügen, würde ich sagen, es wäre mir fremd.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen
meistkommentiert