zwischen den rillen

Pornorap-König Kool Savas

Debüt als Weichei

Aufgemerkt: „Ich geb dir meinen Penis.“ Auch da hinten in der letzten Reihe: „Ihr könnt meinen Dick kneten.“ Und jetzt alle zusammen: „Lutsch meinen Schwanz.“ Das musste jetzt mal gerappt werden. Nun zu den Fakten: Ja, das Album-Debüt von Kool Savas ist nach einem nun schon schätzungsweise drei Jahre dauernden Zeitlupenhype endlich erschienen und heißt „Der beste Tag meines Lebens“. Aus dem selbst ernannten „King of Rap“ wurde der meistdiskutierte Rapper der Republik mit Major-Label-Deal, größtmöglicher Freiheit, eigenem Sub-Label und Big-Player-Ambitionen. Und aus noch einer überflüssigen DeutschHop-Veröffentlichung mehr, als die dieses Album vor vielleicht 15 Monaten noch verbucht worden wäre, wurde die sehnlichst und zugleich ängstlichst erwartete Platte seit der Erfindung des heißen Scheißes.

Nun ist sie also da. Nur ein kleiner Silberling, hat aber ein schweres Päckchen zu tragen. Die einen erwarten die Rettung des HipHop hierzulande, die anderen nicht weniger als den Untergang des Abendlandes. Denn der Großmeister deutschsprachiger Porno-Pimp-Lyrics ernannte sich nicht nur selbst zum „King of Rap“, seine mit Sex-Metaphern geschwängerten, ins Parodistische lappenden Ausfälle gegen Schwule und Frauen im Zuhälter-Slang werden längst bei gymnasialen Klassenpartys mitgegrölt.

Auf der anderen Seite protestierten moralisch motivierte Menschen, verhinderten gar Auftritte, bis sich der Battle-Rapper gezwungen sah, die Öffentlichkeit daran zu erinnern, dass die Kunstfigur Kool Savas nicht notgedrungen identisch sein müsse mit der Privatperson Savas Yurderi, die seit sieben Jahren brav monogam mit Produzentin/Lebensgefährtin MelBeatz zusammenlebt. So wurde die Eminem-Diskussion um Authentizität und Sprecherpositionen neu aufgelegt – nur heruntergekocht auf bundesrepublikanische Verhältnisse. Trotz der damit einhergehenden Promotion feiert die BMG ihre umstrittene Neuerwerbung auf der konzerneigenen Website aktuell als „Geheimtipp der Woche“. Davon kann keine Rede mehr sein, stieg doch die vorab erschienene Single „Till’ ab Joe“ auf Platz 35 in die Charts ein. Die Erwartungshaltung war riesig, verschob sich das Erscheinen des Albums doch um Monate, als Savas die Plattenfirma wechselte und dazu Rechtsstreit und Schlammschlacht geführt wurden.

Aber wie das so ist mit überhöhten Produkterwartungen: So ganz können sie nie befriedigt werden. Schon gar nicht, wenn man gefangen ist zwischen den Forderungen der Altfans und den Zwängen des kommerziellen Erfolges. So rappt Savas denn auf „Der beste Tag meines Lebens“ zwar auf gewohnt allerhöchstem technischem Niveau, aber wechselt beständig zwischen der im Genre Battle-Rap unverzichtbaren Protzerei („Ich zerreiß jeden am Mike“) und für ihn ganz erstaunlichen Tönen: „S-A-V-A-S ist sonst nett und sympathisch“.

Vor allem aber: Keine Songs wie „LMS“ mehr, kein „Pimplegionär“, kaum mal ein „schwul“, nur ein paar „Bitches“, und damit sind selten Frauen gemeint. In Interviews hat sich Savas lange schon vom Sexismus distanziert, auf „Der beste Tag meines Lebens“ sucht er nun eine neue Identität, ohne die alte komplett aufgeben zu müssen. Also forscht er einerseits tapfer nach zwiespältigen Metaphern wie „ich bin bereit, die Welt zu verändern wie der 11. September“. Andererseits fordert er: „Gib deinen Liebsten die Hand“ und appelliert auch ansonsten öfters an das Gute im Menschen. Man möge doch nett zu seinen Eltern sein, um die Welt besser zu machen, und wenn man schon mal dabei ist, kann man auch noch Vegetarier werden. Das rettet nämlich Leben.

Entsprechung findet diese Weicheiisierung in der Musik. Die meist träge vor sich hinflirrenden Tracks, durchgehend von MelBeatz programmiert, sind zwar spartanisch, um viel Platz für die Reime zu lassen, aber jederzeit warm und fast heimelig. Mancher Song atmet den aalglatten Vibe des relaxten G-Funk der 90er-Jahre, den Savas mit „Keep it Gangsta“ würdigt, einem Mikrofon-Doppel mit Kurupt. Kein Kokettieren mit den verschränkten, synkopierten Rhythmen aktueller US-Produktionen, keine Spur mehr von den delirierenden, kränklichen, im Geiste von Punk bewusst unsauber gebauten Beats aus den Zeiten seiner Masters-of-Rap-Posse. Vor allem die souligen Frauenstimmen im Titelsong werden den alten Kreuzberger Kumpels gar nicht gefallen.

Nun bleibt also nur mehr die Frage, ob die eher jugendlichen Fans einen so handzahmen Savas noch für die pubertäre Revolte werden verwerten können. „Du kannst entscheiden, wohin es geht, was du gerne mal wärst“, schickt der gewandelte Ex-Pornorap-King in die gutbürgerlichen Kinderzimmer, „guck, was du lernst“. Doch Eltern mit so schlauen Sprüchen haben die schon zu Hause.

THOMAS WINKLER

Kool Savas: „Der beste Tag meines Lebens“ (Optik/Subword/BMG)