Das Glück der Erfolglosen

Vom Problem totaler Zufriedenheit: In seinem Film „Unloved“ wirft Kunitoshi Manda Fragen von philosophischer Tragweite auf und lässt seine Figuren sie durchspielen wie in einem Laborversuch

Man hat davon gehört, dass hartnäckige Unzufriedenheit zu einem Problem werden kann. Doch über die Problematik der dauerhaften Zufriedenheit weiß man nur wenig. Auch Mitsuko hat mit der problematischen Seite der Zufriedenheit bislang kaum Erfahrungen gemacht – doch wie sich herausstellt, soll sich das ändern. Sie arbeitet im Rathaus einer kleinen Stadt, hat eine bescheidene Wohnung und exakt so viel Geld, dass es gerade reicht. Sie ist zufrieden. Und da auch ihr Boss sehr mit ihr zufrieden ist, möchte er sie gern befördern. Das wiederum möchte Mitsuko nicht, weil sie ja mit allem genau so zufrieden ist, wie es ist. Solch ein Vorgang ist wahrscheinlich nicht nur in der japanischen Arbeitswelt ungewöhnlich. Wie sich denken lässt, ist ihr Boss verblüfft.

Doch weil Regisseur Kunitoshi Manda in seinem ersten Langfilm „Unloved“ weniger an beruflichen als vielmehr den persönlichen Implikationen totaler Zufriedenheit interessiert ist, hat der Vorgang nur bedingt mit dem Fortgang der Geschichte zu tun. Stattdessen produziert Manda Fragen über Fragen: Sollte man für den sozialen Aufstieg auch im Privatleben Kompromisse eingehen? Ist ein sehr erfolgreicher Mann einem erfolglosen Mann in Sachen Liebe und Lebensplanung vorzuziehen? Und was, wenn der erfolgreiche Mann einen nicht so ganz versteht? Und was, wenn der sehr erfolglose Mann nicht so ganz versteht, dass man sich mit ihm trotz seiner Erfolglosigkeit ganz gut mit ihm versteht? Was, wenn er nicht versteht, dass man sich nicht mit Erfolgreichen versteht? Was, wenn man erkennt, dass man mit dem, was man hat, und mit dem, was man ist, im Sinne des Fortschrittsgedankens eigentlich nicht zufrieden sein darf? Was, wenn die Zufriedenheit, in einer Gesellschaft, in der unterschwellige Unzufriedenheit der Motor ist, zu einer Provokation wird? Kann man dann noch zufrieden sein? Um diesen und anderen Fragen von durchaus philosophischer Tragweite auf den Grund zu gehen, bestellt Manda zwei Männer – einen Start-up-Unternehmer und einen Hilfsarbeiter – an Mitsukos Seite und spielt mit ihnen die einzelnen Aspekte in einer Versuchsanordnung durch.

Wie bei einem Brettspiel schiebt er seine Figuren durch die angenehm schlichten Kulissen, lässt nur wenig um sie herum passieren und vertraut ganz wie der japanische Großfilmer Ozu auf die suggestive Kraft unbedingt statischer Einstellungen.

Die Bilder sind folglich recht still, die Figuren meist auch. Wo sie sich mit Gefühlsausbrüchen zurückhalten, tritt die Natur mit ausgiebigen Wolkenbrüchen auf den Plan. Bald verstehen die Männer die Welt nicht mehr, und auch Mitsuko weiß weder ein noch aus. Ihr wird gesagt: „So wie du bist, wird dich nie jemand lieben!“ Dann beginnt sie zu weinen, aber alles kommt ganz anders. So was bekommt man nur in Japan hin. Und das ist ein beruhigender Gedanke, so oder so.