Das A und O des Kinderfressens

O kann den geschichtlichen Zusammenhang nicht begreifen. Während ihr bei der Teezubereitung ein Löffel auf den Boden fällt, bemerkt sie anhand der Gleichzeitigkeit des Wassergießens und des fallenden Bestecks, dass die Schmerzen des Einzelnen wohl das Ergebnis von „Handlungen und automatischen Prozessen von Menschheits- und Erdgeschichte“ sein müssten. O lebt in Wien. Mit ihrem früheren Ehemann A hat sie zwei Kinder, die B und M heißen. Ungefähr gegen Ende des letzten Drittels von Thomas Raabs Roman „Verhalten“ stürzt sie ihren Nachwuchs in einer Verzweiflungstat aus dem Fenster.

Dem Erstlingswerk des jungen Wiener Kognitionsforschers und Autors liegt eine in der Boulevardpresse dokumentierte Begebenheit aus dem Jahre 1995 zugrunde: Im Zuge eines „Rosenkriegs“ feuert Dorrit Hermann, Exfrau des Wiener Psychiaters Dr. Peter Hermann, in Wien-Wieden auf ihren Mann, ohne ihn zu treffen. Anschließend wirft sie den dreijährigen Sohn und die sechsjährige Tochter aus dem vierten Stock und springt hinterher. Während beide Kinder sterben, überlebt die Mutter den Sturz. Im Dezember wird ihre Leiche im Park des psychiatrischen Krankenhauses Gugging gefunden.

Dennoch ist aus „Verhalten“ alles andere als die faktenbezogene Recherche einer Familientragödie geworden. Mit distanzierter Genauigkeit hält Raab das Scheitern menschlicher Beziehungen mit einer literarischen Versuchsanordnung fest, in der sich wissenschaftliche und lyrische Sprache annähern. Der „Kollateralschaden“, den seine großstädtische Medea durch den Akt der Kindestötung ihrer Zweierbeziehung zufügt, bringt nicht nur die akademische Reputation ihres Psychiatergatten zur Strecke, sondern trifft auch den Nerv des heimischen Kulturestablishments. „Ihr Körper sei ihr abhanden gekommen“, berichtet O den Beamten bei ihrer Festnahme, „ihre Arme hätten herabgehangen, sie habe nicht die Kinder auf dem Trottoir aufschlagen sehen, sondern sei einfach vom Fenster zurück in die Küche getreten und habe Teewasser aufgesetzt.“

Der Verlust autonomer Wahrnehmung ist in „Verhalten“ ein Phänomen, das nicht nur den persönlichen, sondern auch den gesellschaftlichen Körper betrifft. Als Geburtsstätte der Psychoanalyse erscheint Wien in Raabs Erzählung wie ein postmodernes Legoland, das von der Ärzteschaft einer psychiatrischen Anstalt geleitet wird. Den seelischen Orientierungsschwierigkeiten der einzelnen Protagonisten ist ein ganzes Arsenal soziologischer und psychologischer Modelle zur Seite gestellt. Von Anbeginn ist das Buch mit Diagrammen, wissenschaftlichen Statistiken, und einschlägiger Fachliteratur durchsetzt. An diesen Kanon können sich die von der Midlife-Crisis geschüttelten Romanfiguren ebenso klammern wie an ihre Gauloises Blondes, Bose-Stereoanlagen oder mit Barolo gefüllten Weingläser. Wie bitterböse die behavioristische Parabel ausfällt, bemerkt man bereits an den pseudoliterarischen Namenskürzeln: A ist das Alphatier, seine labile Partnerin Omega die letzte im Rudel, die Kinder werden als „Bub“ und „Mädel“ kategorisiert. Wo sich das gemeinsame Goutieren von Urs Widmers „Forschungsreise“ als Geruch von Belesenheit erweist, durch den eine Meute von Bildungsbürgern ihre Rangordnung erschnuppert, wirkt auch die Wahnsinnstat einer Professorengattin als bloße Übersprungshandlung. In der Phantasie ihres Mannes erscheint O als vom Rudel getrennte Kojotin, die in der Not ihre eigenen Kinder frisst.

„Nach einem Standardintervall von 20 Minuten erhielt jedes Tier am Ende eines kleinen Stocks ein bisschen Futter …“ – Das dem Roman vorangestellte Zitat zweier Verhaltensforscher verdeutlicht, mit welchen Mitteln hier konditioniert wird: Die Brocken, die Raab seinen Figuren in den Mund legt, schmecken nach Bachmann, Jelinek, Jandel und Handke. Als durchaus zeitgemäßes Cut-up verwurstet „Verhalten“ österreichische Hochkultur mit Popzutaten und Product-Placement. Neben Freud kommen auch die Simpsons, Johnny Walker oder Damien Hirst zum Einsatz.

Insgesamt erscheint Raabs Experiment jedoch eher absehbar. „Es macht uns ja nichts aus, dass wir uns gegenseitig benutzten, wir fühlten uns wohl, waren eingebettet in diese kleinen Gespräche und Gesten, wir tauschten uns aus.“ Dieser Gedanke des Psychiaters Aden zu den „Supervisionsgruppen der Welt“, der sich zum „Metametakünstler“ entwickeln will, trifft den Tenor von „Verhalten“ recht gut. Die kunstvolle Attacke auf das Establishment tut keinem wirklich weh. Viel eher handelt es sich hier um die ambitionierte Stilübung eines Allroundtalents, das sein Werk gerade in jenem Rudel diskutiert sehen will, das er angreift. Mit „Verhalten“ markiert Raab sein Revier – mit der distanzierten Kaltblütigkeit eines angehenden Alphatieres.

OLIVER KOERNER VON GUSTORF

Thomas Raab: „Verhalten“. Tropen, Köln 2002. 192 S., 17,80 €