documenta11 spot

Nomeda und Gediminas Urbonas’ „Transaction“-Projekt

Litauische Opfersyndrome

Als Nomeda und Gediminas Urbonas 1993 in der litauischen Hauptstadt Vilnius den Kunstraum „Jutempus“ gründeten, lehnte der litauische Staat ihre Bitte um finanzielle Unterstützung ab. Die Begründung: Das Künstlerpaar erfülle die Standards nicht. Fragt sich, welche Standards gemeint waren. Denn inzwischen sind Nomeda, 34, und Gediminas Urbonas, 36, die international erfolgreichsten Künstler Litauens. In den vergangenen zwei Jahren zeigten sie ihre Werke in England, den Niederlanden, Spanien und Schweden. In Deutschland hatten sie 2002 eine Ausstellung im Sprengel Museum Hannover, sie nahmen an den Kurzfilmtagen Oberhausen teil, zeigten eine Arbeit auf der Minifesta 4 in Frankfurt und sind nun auf der Documenta11 vertreten.

Und doch, als die Urbonas auf der Teilnehmerliste der Kasseler Kunstschau auftauchten, wussten auch Insider mit ihrem Namen wenig anzufangen. Bereits seit 1997 arbeiten Nomeda und Gediminas zusammen, doch schon zuvor war jeder in seinem Bereich erfolgreich: er mit Skulptur und Plastik, sie mit Grafik und Fotografie. In ihren gemeinsamen Arbeiten reflektieren die Urbonas den Zustand der litauischen Gesellschaft – nun vor allem in der Auseinandersetzung mit den Massenmedien. Das Ehepaar, das vornehmlich mit Video arbeitet, gründete 1999 auch das interdisziplinäre Labor für Medienkunst „Vilma“. Es bezieht daher auch die unterschiedlichsten Medien von Performance bis zum Internet in ihre Arbeit ein. Mit der Arbeit „tvvv.plotas“ von 1998 versuchten sie, das litauische Fernsehen mit 24 halbstündigen Sendungen zu infiltrieren, in denen Künstler und Kreative in unterschiedlichen Sendeformaten über künstlerische Überlebensstrategien berichteten. Gesendet wurden allerdings nur zehn Folgen der Serie, zu provokativ war die unkonventionelle Ästhetik von Wackelkamera und unglamourösen Bildern.

Die Urbonas bezeichnen ihre Kunst gerne als „Forschung“. Was sie damit meinen, wird an ihrer Arbeit in der Documenta-Halle deutlich. Es handelt sich um die Neufassung ihres „Transaction“-Projekts, das sie seit zwei Jahren ständig erweitern und modifizieren. Die von Eric Berne (1910–1970) entwickelte Transaktionsanalyse dient ihnen dabei als methodisches Gerüst, in ihrer Auseinandersetzung mit dem „Homo sovieticus“, zu dem seit Ende des Zweiten Weltkriegs auch die Litauer zählen. Den Ausgangspunkt bildete der Zeitungsartikel eines bekannten litauischen Psychiaters, der die These aufstellte, die Gesellschaft des baltischen Staates lebe permanent in der Rolle eines Opfers. Diesem Opfersyndrom des Landes mit der höchsten Selbstmordrate der Welt spüren Gediminas und Nomeda nach, und zwar zugespitzt auf die Frage, wie sich das Frauenbild in Litauen seit dem Zweiten Weltkrieg verändert hat.

„Transaction“ geht also der Entstehung und Manipulation von kollektiven und auch individuellen Identitäten nach. Dabei kommt auch der Erinnerung eines in seiner Geschichte zwischen den großen Mächten Deutschland, Russland und Polen fast aufgeriebenen Volkes eine wesentliche Rolle zu. Der eigentlichen Arbeit gingen also umfangreiche kulturhistorische, soziologische und psychologische Recherchen voraus. Richtig fündig wurden sie aber in den litauischen Massenmedien, den Filmen, Fotografien und der Musik. Zu den Mediendokumenten, die sie von Psychiatern und Psychotherapeuten analysieren lassen, kommen persönliche Erfahrungsberichte von Frauen verschiedener Generationen dazu, die sie interviewten. Ganz im Sinne der Documenta verstehen die Urbonas ihr Projekt als eingreifende Arbeit. Mit Hilfe ihrer Untersuchungen, Interviews und Präsentationen möchten sie der von ihnen beobachteten Lähmung, die die litauische Gesellschaft paradoxerweise seit der Unabhängigkeit 1990 erfasst hat, entgegenarbeiten.

EVA-MARIA SCHNURR