Im kollektiven Straßenrausch

Das große Rollen, das aus Übersee herüberschwappte: Inlineskater erobern auch die provinzstädtische Straßenwelt – zumindest stundenweise. Die Love Parade der Skater, das Freizeitvergnügen der Handy- und Internetgeneration

Eine kleine Universitätsstadt in der Dämmerung: Zwei Motorradpolizisten und ein Streifenwagen mit Blaulicht ziehen die Aufmerksamkeit auf sich. Dahinter eine vorwärts drängende Menschenmenge, die die gesamte Fahrbahnbreite des innerstädtischen Verkehrsrings ausfüllt. Eine Friedensdemonstration? Ein abendlicher Stadtmarathon? Oder Fußballfans im Glücksrausch? Nichts von alledem! Was sich hier jeden zweiten Dienstag durch die Straßen der Stadt bewegt, sind Zeitgenossen mit Rollen unter den Füßen: Inlineskater, die sich zum Rundendrehen treffen. Seit letztem Jahr hat auch Gießen jenes Szene-Event, das zunächst den Großstädten vorbehalten war. Es nennt sich Tuesday Night Skating (TNS) und ist dem gleichnamigen Frankfurter Spektakel abgeschaut. Mittlerweile gibt es in Deutschland mehr als 40 Skate Nights, die meisten am Dienstag, aber auch donnerstags, freitags und mittwochs.

Die deutsche Wiege des Massen-Skatings steht am Finanzplatz Frankfurt. Das Frankfurter Event wird seit 1996 vom städtischen Sport- und Bäderamt ausgerichtet und mit dem für die Durchführung notwendigen Polizeiaufgebot indirekt gesponsert. Weniger paradiesische Verhältnisse herrschen in Hamburg. Erstmals hatten die Grünen hier im Jahr 2000 eine Blade Night angemeldet – als Demonstration für ein ökologisches Verkehrsmittel. Doch schon die zweite Veranstaltung wurde seitens der Innenbehörde verboten. Sie stufte das bunte Treiben als Sportveranstaltung ein und verlangte für Straßensperrungen saftige Gebühren. So gründete sich der Verein „Green City Hamburg“, der Sponsoren suchte, die für die jeweils 50.000 Mark teuren Abende aufkamen. Vergeblich, wie sich schnell herausstellte. Seither dreht man unter der Regie einer Inline-Schule und der AOK wieder kleinere Runden.

Auch mit der klassischen Berliner „Bladenight“ ist es vorbei. Sie wurde seit 1998 jeweils mittwochs privat organisiert und hatte als Versammlungszweck „die Zulassung und Gleichberechtigung von Skatern im Straßenverkehr“. Mit bis zu 50.000 Teilnehmern war die Veranstaltung unbeherrschbar geworden und es fehlte an Unterstützung seitens der Behörden. Veranstalter Jan-Philipp Sexauer gab auch auf, weil er eine Vereinnahmung seitens der Spaßgesellschaft befürchtete: Die sich abzeichnende Kommerzialisierung widerspreche dem Geist der Blade Night, diese dürfe „nicht zur Love Parade der Skater mutieren“.

Das jüngste Grundsatzurteil des Bundesgerichtshofs hat freilich für eine neue Dynamik gesorgt. Demnach sind Inlineskater als Fußgänger zu betrachten und haben auf der Straße nichts verloren. Auftrieb bedeutet dies für den Berliner Rechtsanwalt Stephan Imm, der seit Frühjahr 2000 regelmäßige Demonstrationen unter dem Namen „Berlinparade“ veranstaltet. Die Behörden können die Skater zwar auf eine Demo-Geschwindigkeit von 7 bis 10 km/h herunterbremsen, müssen die Ausfahrten aber dulden. Auch auf seiner Homepage wehrt sich Imm standhaft gegen den Vorwurf, eine bloße Spaßveranstaltung zu organisieren, rühmt sich aber gleichzeitig, den 500 bis 4.000 Freizeitdemonstranten stets „attraktive“ Strecken anbieten zu können. Bei den Ausfahrten in den Städten der Provinz werden weitergehende Ansprüche dagegen gar nicht erst erhoben. In Gießen etwa wurde die Veranstaltung von einem überregional bekannten Speed-Skating-Fahrer angemeldet – um seinen Sport weiterzubringen, wie es heißt. Massiv unterstützt wird er dabei von einem Hauptsponsor, einer ansässigen Sportartikelfirma, bei der nicht nur alle Internetfäden zusammenlaufen. Ob das Event beim zuständigen Ordnungsamt als Sportveranstaltung oder Demonstration angemeldet ist, kann sich Geschäftsführer Hartmann nicht mehr erinnern. Wenn etwas funktioniere und so vielen Menschen Freude bereite, sei das doch völlig egal, sagt er. Die Frage, ob das Ganze eine politische Dimension habe, man also für die Rückeroberung des öffentlichen Raums auf die Straße gehe, erübrigt sich deshalb. Die Veranstaltung firmiert hier ganz ungeschönt als das, was sie ist: ein Freizeitvergnügen der Handy- und Internetgeneration. Die Ironie der Geschichte liegt auf der Hand: Wurden Straßenauftritte dieser Größenordnung in den Provinzstädten früher von Bürgerinitiativen und politischen Zirkeln organisiert, so sind heute Outdoor-Ausstatter die Drahtzieher.

Erstaunlich ist auch die neue Toleranz der Autofahrer. Bei den Fahrraddemonstrationen der 80er-Jahre kam es immer wieder zu aggressiven Hupkonzerten und zu Attacken auf Radler, die sich dem Recht auf freien Autoverkehr in den Weg stellten. Nicht so der Automobilist am Rande eines heutigen Rollerblade-Abends. Er muss keine Angst haben, dass er hier auf Zeitgenossen trifft, die die Verhältnisse verändern wollen. Die innerstädtische Vorherrschaft des Autos wird von ihnen nicht bestritten, sondern nur für einige Stunden ausgesetzt. Bei Lichte betrachtet liegen die Gemeinsamkeiten zwischen Autofahrern und Rollschuhläufern sogar noch tiefer: Kann es nicht auch für sie niemals genug „traumhaft glatten Aphalt“ geben? Reisen die meisten von ihnen zur Skating Night in der Provinzstadt nicht von weit her an – mit dem Auto? Bilden Nachtskater und Autofahrer nicht eine gemeinsame Front des Mobilitätsfortschritts gegen die Saurier der Fortbewegungsgeschichte, die Fußgänger?