Die Poesie des Verschwindens

Das Meer wäscht die einstigen Bunker von Ahrenshoop auf der Halbinsel Fischland-Darß langsam von der Bildfläche. Fünf Künstler, die die Bunker seit langem kennen, geben mit einer Ausstellung das letzte Geleit. Der Begegnung mit dem Ort ihrer Vergangenheit entwuchsen Sinnbilder eigenen Ortens

Die Betonbunker am Hochufer zwischen Wustrow und Ahrenshoop auf der Halbinsel Fischland-Darß, sind abgestürzt. Vor zehn Jahren rutschten die Nazibunker ins Meer, nun folgen gleichnishaft die Relikte des verschwundenen DDR-Grenzregimes. Dem Meer überlassen, werden die vom salzigen Wasser ausgewaschenen Betonklötze, die faserigen Armierungsdrähte und Kabelreste allmählich selber naturhaft.

Lautlos gleitet ein Drachenflieger über das Steilufer zwischen Wustrow und Ahrenshoop, schneidet haarscharf die Küstenkante. Der Pilot im Aufwind lacht, winkt und singt – noch vor 13 Jahren wäre er spätestens in diesem Moment tot vom Himmel gefallen. Bunter Vogel Phönix über ehemaligem Sperrgebiet. Damals hätte man ihn mit seinen breiten Flügeln nicht einmal in die Nähe der Uferzone gelassen. Fünf Kilometer grenznahes Hinterland waren in freiwilliger Grenzhelferhand. Die Bunker waren Teil des Überwachungssystems, dienten der Ortung des Feindes auf See.

Das Volk, der potenzielle Gegner im eigenen Land, umwanderte das abgeriegelte Gebiet und badete im Vergessen. Mit Blick zum Meer. Das Meer versprach Grenzenlosigkeit, der Himmel Weite, die Landschaft Idylle. Auf der Suche nach Heimat in der romantischen Synthese mit einer Freiheit, wie sie die übermächtige Natur vorführt, war Fischland-Darß-Zingst schon seit der vorletzten Jahrhundertwende Nische. Vor allem für Künstler. Hoch in den Norden hieß in DDR-Jahren auch raus aus dem Osten und manchmal, wenn die Weite der Landschaft nicht mehr die Enge des Systems auffangen konnte, weg in den Westen.

Vera Schwelgin und Wolfgang Reinke zogen 1986 vom mecklenburgischen Hirschburg ins Berliner Kreuzberg. Die Sommerausstellungen auf ihrem Gehöft in der Nähe von Rostock, die Atelierfeste, waren berühmt, bei der Stasi berüchtigt. Im vergangenen Herbst kehrten sie zurück, gemeinsam mit den Künstlerkollegen Reinhard Buch, Rolf Bibl und Jost Löber den Strand zwischen Wustrow und Ahrenshoop neu zu erkunden. „Orten“ nennen sie den Sinn dieser Aktion, deren Ergebnis nun in der Strandhalle, gleich hinter den Ahrenshooper Dünen, gezeigt wird. Bilder, Plastiken, Fotos, Videos.

Alle fünf Künstler sind seit Jahrzehnten mit dieser Gegend vertraut. Doch die Wege, die sie damals gingen, fraß längst das Meer. Was Sturm und Wasser hier alljährlich dem Hochufer entreißen, landet wenige Kilometer weiter östlich am Darßer Ort wieder an. Das Land unterm Wind, zerklüftet, bizarr, von herber Schönheit, ist immer in Bewegung, wird schmaler um knapp einen Meter im Jahr. Im Januar brachen an einigen Stellen fast fünf Meter Land weg. „Nichts ist statisch“, philosophiert Hans Götze, der Bürgermeister von Ahrenshoop, im unverkennbar sächsischen Dialekt. Seit 1972 lebt er im Norden, da standen die Bunker noch weit im Land.

Für jeden sind sie gleichsam private Erinnerung und Zeichen kollektiven Schicksals. Den Künstlern wurden die Relikte der Vergangenheit zum Indikator eigener gegenwärtiger Standortbestimmung. Reinhard Buchs voluminöser „Roter Mann“ beherrscht den Strand wie der Herr aller Bunker. Selbst noch in Segmenten zerlegt und auf dem Boden verstreut, entwaffnet die variable Figur spielerisch das kriegerische Betonmonstrum.

Der Bildhauer Buch, Initiator der gemeinschaftlichen Beschreitung des Bunkerorts, von bäriger Gestalt, ein Mecklenburger wie aus dem Bilderbuch, baut organische Formen von plastischer Vitalität, die er irritierend, provozierend immer wieder neu platzieren kann. Gegenüber stemmt sich Rolf Bibls „Rufer“ gegen das Elend der Welt. Eine apokalyptische Gestalt auf dünnen Beinen, gleichermaßen bedroht und bedrohlich. Wer Gewalt antut, gebiert Gewalt, versucht der Berliner Künstler den Bogen zu den Bunkern zu schlagen. „… es ging immer zu den Bunkern …“ titelt Wolfgang Reinke seine Zeichnungen. 1975, nach dem Studium an der Leipziger Hochschule für Buchkunst und Grafik wurde ihm Nord-Mecklenburg Ort innerer Emigration und künstlerischer Zentrierung. Schon damals umkreiste er zeichnend und fotografierend, fasziniert vom „Wagnerianischen“ dieser Landschaft, die „abstrusen Gebilde“, die noch heute Fixpunkte seiner Spaziergänge sind. Expressive Schwarzweiß-Dramatik auch in seinen Fotografien, in die hinein Vera Schwelgin Holzschnitte druckte. Das Bild eines Knaben im Bunkerschlitz etwa, eine ideale Gestalt, keimend im vergehenden Gehäuse. „Jeder hat seinen Bunker, aus dem heraus er sich entwickeln muss.“

Der Begegnung mit dem Ort ihrer Vergangenheit entwuchsen Sinnbilder eigenen Ortens. Für sie hat sich mit dieser Aktion „der Kreis geschlossen“. Für Jost Löber, Jahrgang 68, ist der Ort Kindheitserinnerung. „Der Bunker als Hort der Bewachung war da und irgendwie doch nicht real“, sinniert der schlaksige junge Mann. „Wie ausgeblendet. Nun ist er ins Wasser gefallen, löst sich allmählich von ganz alleine auf.“ Löber, Abkömmling des alteingesessenen Clans der Fischlandkeramiker, bündelt die Poesie des Verschwindens in einer Stahlplatten-Installation. Auf den Bunkerkubus im Meer montiert (und somit nur noch auf dem Video sichtbar), spiegelt die glatte Fläche die Sonne; der Himmel senkt sich in die starre Materie, gaukelt den endgültigen Vollzug des Auflösung vor. Tatsächlich aber würfeln sich noch immer Bunkerreste über das Feuersteingeröll des Strandes und in die Hochuferwiesen.

Selbst das Technische Hilfswerk scheiterte beim Versuch, die Landschaft zu bereinigen. Noch etwa zehn Jahre gibt der Bürgermeister den Betonklötzen, dann wird mit ihnen wieder ein Stück Geschichte abgesoffen sein. Wie schön, die Natur heilt sich selber. Und irgendwie schade, denn die Realität solcher Überbleibsel erinnert oft eindrücklicher als Denkmäler mit nachträglicher Bedeutungszuweisung.