Flüsterndes Glas

■ Schöpfungsgeschichte der Farben

Am Anfang der Schöpfung, da hieß es: “Es werde Licht“. Und das Licht ist die Mutter der Farben, aus denen es sich zusammensetzt. Michaela Munteanu-Rimnic hat diese Schöpfungsgeschichte der Farben mit „Die Primären“ jetzt in der Oldenburger Lambertikirche reinszeniert.

Die in Bukarest geborene Künstlerin dokumentiert damit aber weniger ihre Nähe zur christlichen Botschaft als zur romanisch-mediterranen Kunst und Kulturgeschichte – wenngleich beides natürlich untrennbar verwoben ist. Denn genauso wie die christliche Lehre auf den Briefen der zwölf Apostel basiert, wird auch die Kirchenkuppel entsprechend von zwölf Säulen getragen. Sie markieren in der Lambertikirche den Standort der zwölf Ephemeriden, wie Michaela Munteanu-Rimnic ihre Plastiken nennt.

Denn tatsächlich wirken die Skulpturen wie Erscheinungen aus Farbe und Licht, die sich je nach Standpunkt des Betrachters und je nach Lichteinfall wandeln, sich aus einem bestimmten Blickwinkel sogar aufzulösen scheinen in ihre reine Lichtwirkung. Die Arbeiten sind aus Plexiglas. Das Material in rechteckigen Scheiben stammt aus dem Abfallcontainer. Michaela Munteanu-Rimnic hat die einzelnen Scheiben in mühsamer und filigraner Kleinarbeit jeweils mit Folien in den Primärfarben und ihren zueinander wirkenden Zwischentönen beklebt, in jeweils charakteristischer Weise für das jeweilige Objekt und seine Aussage.

Die so beklebten Scheiben wurden in unterschiedlichen Anordnungen geschichtet und montiert, meist in fächerartigen Überlagerungen. Die Objekte unterscheiden sich nicht nur in ihrer Form gänzlich voneinander, sondern vor allem in den Farbspektren, die die Überlagerungen je nach Blickwinkel und einfallendem Licht ergeben. Diese kompositorisch bis ins Detail der kleinsten Farbwirkung ausgereiften und sicheren Arbeiten tragen sinnbildliche Titel, die Symbolik wie von Tarotkarten heraufbeschwören.

Die Utopische etwa präsentiert sich als aufgefächerte Spirale, in der das von oben einfallende Licht die Farben kaleidoskopisch bricht. Die Melancholische hingegen wird von aufeinandergeschichteten Platten verbildlicht, die sehr eng mit Farbspektren beklebt sind, durch deren Verdichtung das Licht dann kaum mehr zu dringen vermag. Und die Göttliche schließlich steht von der Kanzel aus im Gegenlicht zum Portal und ist so nur als gleißendes Rad in seiner transparenten Lichtwirkung zu erfassen.

Tatsächlich wird diese Trommel durchzogen von Farbbändern, die in ihren Abstufungen , Zuordnungen und Verdichtungen eine prächtige Komposition gemäß der Farbenwirkungen ergeben. Diese gehorchen zugleich der räumlichen Gesetzmäßigkeiten malerischer Arbeit. Und enn die zwölf Ephemeriden erstrahlen, beginnen sie im Raum leise miteinander zu flüstern und zu vibrieren.

Bis zum 23. Mai geöffnet, Dienstag bis Samstag, 11.00-12.30 Uhr und 14.30-17.00 Uhr