Ein Schnellschalter als Gefahr von links

Heute entscheidet der Beirat der IG Metall über den Ausschluss des Physikers Josef Lutz: wegen MLPD-Unterstützung

Seinen guten Ruf hat der Mann längst weg: „Der baut die besten Chips“, heißt es über den Physiker Josef Lutz in der Maschinenbaubranche. Seit 1983 entwickelte er mit Kollegen für die Nürnberger Firma Semikron 16 Patente – schnelles Schalten ist sein Spezialgebiet. Zudem ist Lutz gewerkschaftlich aktiv, setzt sich für KollegInnen ein und warb, mit ausgesprochen ruhiger Stimme, für die IG Metall in Nürnberg laufend neue Mitglieder.

Dennoch sehen die Nürnberger Metaller in Lutz eher so etwas wie einen Querulanten und beantragten ein Ausschlussverfahren gegen ihn. Undank oder Ausdruck eines schon lange gärenden Konflikts? Immerhin gibt es in Nürnberg seit Mitte 1999 heftig Streit über so genannte innovative Tarifverträge, die die örtliche IG Metall favorisiert, während Lutz und andere Beschäftigte sie ablehnen – und Semikron im Herbst 1999 zwangen, aus befristeten feste Arbeitsplätze zu machen.

Den fränkischen Funktionären stieß das bitter auf. Als Lutz dann vor eineinhalb Jahren von einem Arbeits- und Gewerkschaftskollegen bezichtigt wurde, er habe während des Kosovokriegs Nato-kritische Erklärungen im Namen des Semikron-Vertrauenskörpers ins Internet gestellt, ohne den Segen der örtlichen Metaller einzuholen, kam es zum Eklat: Semikron kündigte Lutz wegen „geschäftsschädigenden Verhaltens“, und die IG-Metaller leiteten das Ausschlussverfahren ein: Er habe sich gewerkschaftsschädigend verhalten. Lutz legte Widerspruch ein.

Den Prozess gegen den Arbeitgeber Semikron gewann Lutz, doch die Gewerkschafter bleiben seither hart. Flugblattaktionen für das Exbetriebsratsmitglied beeindrucken sie wenig. Jürgen Wechsler vom Nürnberger IG-Metall-Ortsvorstand will der taz gegenüber keine Stellung beziehen: „Über interne Vorgänge reden wir nicht öffentlich.“

Aber eine Entscheidung steht bevor: Heute will sich der Beirat der IG Metall in Frankfurt mit dem Fall befassen. Ein Sprecher des Bundesvorstands tippt vorab auf die Bestätigung des Ausschlusses. Dafür haben die Metaller einen originellen Grund gefunden: In einer vom Metall-Bundesvorstandsmitglied Jürgen Peters abgezeichneten Begründung des Rausschmisses heißt es, Lutz sei inner- und außerbetrieblich als Aktivist der MLPD aufgetreten. Die kleine Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands gilt der Gewerkschaft als „gegnerische Organisation“ – laut einem Statut von 1972, das als Überbleibsel aus der Zeit der Kommunistenhatz und der Berufsverbote gilt.

„Gesinnungsschnüffelei“ nennt Lutz daher schlicht das Vorgehen der Metaller. Und pocht darauf, ihm sei keine MLPD-Mitgliedschaft nachgewiesen worden. Als Märtyrer will er trotzdem nicht dastehen. Für sein persönliches Zukunftsglück braucht er die Metaller nicht unbedingt: Er nahm eine Professur für Leistungsphysik an der Technischen Universität Chemnitz an und ist mittlerweile unbehelligtes Mitglied bei der Riesengewerkschaft Ver.di. Die hat, zumal in Ostdeutschland, andere Sorgen, als Mitglieder daraufhin zu überprüfen, ob sie womöglich zu links seien.

Ein endgültiger Ausschluss von Josef Lutz aus der IG Metall würde an eine längst begraben geglaubte Tradition anknüpfen: Die Vermutung kommunistischer Umtriebe wäre wieder ein salonfähiger Grund, Linke auszuschließen.