Saxofon für den Kronprinzen

Der Norweger-Crossover: Jan Garbarek integriert Elemente nordischer Folklore in seinen Fjord-Jazz. Gemeinsam mit dem Hilliard Ensemble lässt es der Nationalheld derzeit in deutschen Kirchen rappeln

Jan Garbarek sei ein deutsches Phänomen, meinte kürzlich dessen Kollege Nils Landgren, der schwedische Posaunist und künstlerische Leiter des Berliner JazzFests 2001, das Anfang November stattfand. Dort stand die skandinavische Jazzszene im Mittelpunkt, und schnell wurde klar, dass es den skandinavischen Sound so nicht gibt. Es gibt viele Miles-Davis-Schüler, viel Old School, Retro und Lounge, und es gibt den oft belächelten Fjord-Jazz mit harmonischen Flächen und schönen Melodien, wie man es von Garbarek kennt. Dass es dabei das Münchner ECM-Label war, bei dem Garbarek seit 1970 unter Vertrag ist, das diesen Sound erfand, förderte und konservierte, gehört zu den Eigenheiten der europäischen Musikszene.

Seit dreißig Jahren tourt der norwegische Nationalmusiker Jan Garbarek, der bei der Kronprinzenhochzeit in diesem Sommer Saxofon spielte, regelmäßig durch Deutschland. Anfangs waren es noch merkwürdige Jazzlocations mit zehn Zuschauern – er erinnert sich sogar noch an einen Gig mit gerade mal zwei zahlenden Besuchern – heute füllt er Konzertsäle für 2.000 Gäste. Kontinuität ist ein wesentliches Stichwort beim Versuch, seinen Erfolg zu erklären, die Qualität von Sound und Performance sind zwei weitere. Im Unterschied zu vielen deutschen Jazzmusikern seiner Generation hat Garbarek sogar so etwas Ähnliches wie ein eigenes Bühnendesign hinbekommen: Ein weißes Leinentuch als imaginärer Bühnenhimmel suggeriert Wüste, Weite und die Einsamkeit des Kollektivs, eine rudimentäre Lichtdramaturgie korrespondiert mit der asketischen Klanglandschaft. Neben der intensiven Tourtätigkeit mit seinem Quartett komponiert Garbarek auch für Film und Ballett. Kontrapunkt und Polyphonie bestimmen die Klangwelt des Hilliard Ensembles, mit dem Garbarek seit der gemeinsamen CD „Officium“, die vor sieben Jahren erschien, ungeahnte Erfolge feiert. Das Zusammentreffen mit den A-capella-Sängern war zunächst nur als Experiment gedacht: Garbarek hatte erwartet, dass für dieses Off-Mainstream-Projekt mit alter Kirchenmusik und Improvisation nur ein sehr kleines Publikum bereit sei. Mit ihrem Doppelalbum „Mnemosyne“ erweiterten Garbarek und das Hilliard Ensemble ihr Repertoire um eigene Kompositionen und Interpretationen verschiedener Folksongs. Derzeit füllt das Gespann die deutschen Kirchen, allein drei Konzerte sind im Berliner Dom angesetzt.

Dabei war es zunächst John Coltrane, der Garbareks Leben verändert haben soll. Das war 1961, Garbarek war gerade vierzehn geworden. Coltranes Platten eröffneten ihm neue Welten, und so entstand der Wunsch, Saxofon zu spielen. Mitte der Sechzigerjahre spielte der Autodidakt Garbarek dann beim Molde-Festival. „Ich hatte wie gewöhnlich meine Augen beim Spielen geschlossen, und auf einmal hörte ich hinter mir so etwas wie eine Explosion – etwas so noch nie Gehörtes, von der eine wahnsinnige Energie ausging. Der amerikanische Pianist und Komponist George Russell war während des Stücks auf die Bühne gekommen und eingestiegen. Diese Erfahrung von unbegrenzter Energie und Freiheit – das Gefühl, dass es keine falsche Note gibt, dass nur das Gefühl und der Fluss der Musik zählt, hat meine Spielhaltung grundlegend verändert und geprägt.“

Garbarek, der als Jazzmusiker begann, sagt, dass das, was er Jazz nennt, heute nur noch zwei Minuten eines Garbarek-Quartett-Konzertes ausmacht. Aus heutiger Sicht war der Jazz für ihn schon in den Sechzigerjahren ein closed circle. Mit „Bitches Brew“ verabschiedete Miles Davis sich Ende des Jahrzehnts vom Jazz, zu dem er dann auch nie wieder zurückkehrte. Das Material schien erschöpft, die Entwicklung hatte einen Endpunkt erreicht. „John Coltrane hat meiner Meinung nach in den letzten fünf Jahren seines Lebens schon nicht mehr Jazz gespielt. Für das, was er da erfunden hat, gibt es einfach keine Kategorie. Für mich ist Jazz bestimmt durch die Musik von Louis Armstrong und Art Tatum. Wie Glenn Gould Bach interpretiert hat, das zählt für mich zur schönsten Musik, die ich kenne. Doch auch wenn es im Retro-Jazz heute einige große Interpreten mit sehr viel Eigensinn und Persönlichkeit geben mag, ist diese Musik für mich nicht mehr wichtig. Die wichtigen Einflüsse in der heutigen Musik gehen nicht vom Jazz aus. Im Prozess der Öffnung zu anderen Stilen hat er aufgehört, Jazz zu sein.“

Der amerikanische Jazztrompeter und Weltmusiker Don Cherry lebte vor dreißig Jahren zeitweilig in Südschweden, wo er zu einem wesentlich Impulsgeber für die skandinavische Szene wurde. Und wieder erweiterte sich Garbareks musikalisches Weltbild, als Cherry ihn bat, zu einer gemeinsamen Radioaufnahme einen norwegischen Folkloresänger einzuladen. Cherry bewirkte, dass Garbarek zunehmend Elemente der nordischen Folklore in seine Musik integrierte. Durch Cherry kamen auch Titel wie der Jim-Pepper-Song „Witchi Tai To“ und der kubanische Revolutionssong „Hasta Siempre“ in sein Repertoire. Das Album „Witchi Tai To“, 1973 aufgenommen, wurde neben den Aufnahmen mit Keith Jarrett zum Meilenstein in Garbareks Plattenwerk. „Ich hatte allerdings keine Ahnung vom politischen Kontext dieses Songs. Deshalb war ich auch so geschockt, als wir damals in Italien ‚Hasta Siempre‘ spielten und die Leute dabei total ausflippten. Ich dachte, dass sie auf etwas reagieren würden, was sich außerhalb der Halle ereignete. Später habe ich dann erfahren, dass der Song eine aktuelle Hymne der sozialistischen Bewegung war, die damals in Italien sehr stark war. Ich erfuhr, dass Musik, die ja als solche eigentlich unpolitisch ist, in einem politischen Kontext ungeahnte Wirkungen entfalten kann.“

In der interkulturellen Musikaneignung sieht Garbarek heute den Kern für neue Entwicklungen, auch wenn er dabei den Mangel an Aufrichtigkeit und eine Bastardisierung des Sounds als die zwei großen Gefahren des Crossover betrachtet. In jüngster Zeit hat sich Garbarek in seiner Osloer Wohnung ein Home-Studio eingerichtet, in dem er mit Apple-Rechner, Sampler, Synthesizer und Effektgeräten an der Anwendung aktueller Software und der Erfindung neuer Sounds bastelt. Der letzte Crash liegt drei Wochen zurück. Das nächste Update muss noch warten.