Zauberei ist machbar

Vom Portkey befördert: Die Hollywood-Verfilmung von „Harry Potter“ ist der Bilderbogen zum Buch – eine üppige Illustration, die nicht mit dem Objektzauber bricht und Raum für eigene Notizen lässt

Es war der vierte „Harry Potter“-Band, mit dessen Erscheinen vor anderthalb Jahren aus einer erfolgreichen Buchreihe ein Hundertmillionending wurde. In jener Folge der auf sieben Teile angelegten Geschichte führt Joanne K. Rowling gleich zu Beginn den Portkey ein: ein Objekt, das so verzaubert wird, dass es denjenigen, der es berührt, „mit unwiderstehlicher Gewalt nach vorne“ reißt und an einen bestimmten Ort katapultiert. Nicht nur für die Geschichte spielt der Portkey eine bedeutende Rolle. Auf der Ebene der Vermarktung funktioniert er auch als Metapher für den Stoff selbst.

Jeder, der Rowlings Zauberergeschichte verwertet, wird mittlerweile weit nach vorne und mitten hinein ins Geschäft seines Lebens katapultiert. Seien das die Buch- und Hörbuchverlage, Hausschuh-, Spielzeug- oder Radiergummihersteller, die britische Tourismusbranche, die Brillenindustrie, jugendliche Fanclubbetreiberinnen oder, allen voran, der Multimediakonzern AOL Time Warner.

Nur drei Tage nach dem Start in Großbritannien, Kanada und den USA hatte die 125 Millionen Dollar teure Verfilmung des ersten Bandes durch Chris Columbus am Sonntag bereits 116 Millionen Dollar eingespielt. Der Film ist prominent besetzt, gut gemacht und mit vierzig Millionen Dollar beworben worden. Aber auch eine bescheidener angelegte Produktion würde weit über ihren Verhältnissen angenommen werden.

Entscheidend für den Erfolg der Filmverwertung von „Harry Potter“ ist nicht die Qualität. Entscheidend ist, dass der Objektzauber nicht gebrochen wird. Dieser nun dürfte maßgeblich in der Selbstverständlichkeit bestehen, mit der das Außerordentliche vermittelt wird. Zauberei ist machbar, lautet Rowlings simple Formel, die sich in der Anwendung aber als durchaus kunstvolles Spiel mit dem Paradoxen erweist: Vormoderne Eindeutigkeit wird angeboten, ohne dass man auf postmoderne Komplexität verzichten müsste.

Nostalgie und Fantasy

Einerseits ist Zauberei hier eine spielerische Verklärung der Beliebigkeit des nichtmagischen Alltags, andererseits ist sie selbst das perfekte Beliebigkeitssystem, in dem jedes Problem mit einem neu eingeführten Trick gelöst werden kann. Einerseits ist sie die verbindliche Zeichenwelt einer Eliteschicht, andererseits ein Massenphänomen. Einerseits geben ihre Gesetze dem Leben eine feste Form, andererseits ermöglichen sie, die Form des Lebens ständig zu verändern. Einerseits zieht sie zwischen Gut und Böse eine scharfe Grenze, andererseits wird in Andeutungen bereits mit deren Auflösung gespielt.

Joanne K. Rowling, inzwischen eine der reichsten Frau der Welt, hat ein Stück Nostalgiefantasy geschaffen, dessen serielle Anschlüsse rundum kompatibel sind. Ein Passepartout für eskapistische Sehnsüchte, das auf längere Sicht in keinem Haushalt mehr fehlen wird. Nicht in Taiwan, wo nach 1,8 Millionen gedruckten „Harry Potter“-Büchern jetzt eine christliche Gemeinschaft mit Verbrennungen einzelner Exemplare reagierte; nicht in Katalonien, wo Sprachpflegeorganisationen mit einer Klage wegen Verletzung der Menschenrechte drohen, falls der „Harry Potter“-Film nicht katalanisch synchronisiert würde.

Was den Film selbst betrifft, so funktioniert er gut. Er lässt Platz für eigene Notizen. Es ist keine Bildermaschine geworden, sondern eine üppige Illustration. Trotz der Überlänge von zweieinhalb Stunden wird nur stichpunktartig erzählt, was unter dem Titel „Harry Potter und der Stein der Weisen“ im ersten Band passiert. Das allerdings, angemessen paradox, ganz aus dem Vollen geschöpft und nach Rowlings Vorgaben gleichzeitig so britisch unterspielt wie möglich.

Zu Anfang etwa wallt Nebel und braust Märchenmusik von John Williams auf, als das Waisenbaby Harry vor dem Haus seiner nichtmagischen Verwandten abgelegt wird. Die Stimmen der Zauberer aber klingen wie aus dem Off. Die anschließenden Szenen im Haus der Muggelfamilie Dursley sind in einem videokunstartigen Durcheinander von Nahsichten geschnitten und zielen genüsslich aufs Groteske. Fiona Shaw und Richard Griffiths, die ihren unverschämten Sohn Dudley (Harry Melling) hätscheln und das freundliche Pflegekind schikanieren, spielen eine comichafte Dauerentgleistheit, die dem jungen Dan Radcliffe als Nickelbrillen tragenden Harry Potter einen fast beiläufigen Einstieg ermöglicht.

Auch die Zaubererwelt hebt sich gleichsam reell und kultiviert als höhere Wirklichkeit von der Muggelwelt ab. Durch kalte, blasse Winterfarben tuckert der Bilderbuch-Dampfzug nach Hogwarts, vornehm erhebt sich das illuminierte Schloss-Internat aus der Nacht, und drinnen sorgt Harrys rotwollener Zopfpullover für eine rührende Handfestigkeit zwischen all den Rauschebärten, Zaubererhüten und fliegenden Eulen.

Die Computerarbeiten sind beeindruckend und sachdienlich. Beim Quidditch genannten Flugbesenmatch um den Goldenen Schnatz sitzt man wie in der ersten Reihe, Robbie Coltrane ist als Halbriese wirklich riesig, ein Drachenbaby schlüpft, ein Hund mit drei Köpfen sabbert eklig und der Bösnick zerfällt vor Harrys Augen am Ende zu Staub.

Match der Flugbesen

Charmant und versiert wird der Rowling-Leser bedient, kann alles zufrieden abnicken und weiß doch um seine Distinktion. Vom Zaubereralltag erfährt das unvorgebildete Filmpublikum nämlich nichts. Und es entwickelt sich auch keine filmeigene Handlung. Der von Chris Columbus („Kevin – Allein zu Haus“) zum Höhepunkt seiner Karriere erklärte Film ist ein Album, ist der Bilderbogen zum Buch. Nur ganz am Ende winkt der Regisseur ein paar Mal mit seiner Hollywood-Existenz und lässt aus der dialogischen Verknappung ein Pathos erwachsen, in dem sich die explizit wertkonservativen Bemerkungen des Buches predigtartig verdicken. Solcher Alleingang ist gefährlich. Denn das darf man nie vergessen, wenn man mit Portkeys arbeitet: dass man den richtigen erwischen und ihn nach Ankunft schnell wieder loslassen muss. Sonst kommt man in Lichtgeschwindigkeit irgendwo an, wo man gar nicht hinwollte.