100 Jahre trampen, singen, frei sein

Obwohl sich die Wandervogel-Bewegung nie einer Ideologie verschreiben wollte, geriet sie immer wieder in Konflikt mit der Politik. Das wilhelminische Deutschland beäugte die Jugendlichen skeptisch. Die Nazis verfolgten sie. Jetzt soll ein neuer, alter Anfang gemacht werden

Trampen wir durchs Land und fahren durch die Wälder hin. Wer fragt dann noch, wer fragt dann noch nach des Lebens Sinn?

Mit diesem Lied auf den Lippen, sieben Mark in der Tasche und jeder Menge Rosinen im Kopf stellten sich Ralf Tonnätt und sein Freund Justus an die Straße und streckten die Daumen raus. Das sollte der Beginn der wichtigsten Fahrt in Tonnätts Leben werden. Von Frühling bis Herbst 1955 tingelten sie durch das Nachkriegseuropa. Rheinland-Pfalz, Innsbruck, Florenz, Rom. Mit Straßenmusik verdienten sie ihr Geld. Mal sangen sie für amerikanische Offiziere, die begeistert waren von den deutschen Volksliedern, mal für Touristen in Hotels und Lokalen. Sie durchstreiften Wälder und saßen nachts gemeinsam am Feuer.

Ralf Tonnätt erlebte auf dieser Fahrt das, was hunderttausende im vergangenen Jahrhundert in den Bann der Jugendbewegung zog: Ungebundenheit, Natur, Abenteuer und vor allem tiefe Freundschaft. Das hatte sich schon der erste Bund auf die Fahnen geschrieben. Am 4. November 1901 gründete der Gymnasiast Karl Fischer in Steglitz den Wandervogel.

Anfangs machten die Jungen übers Wochenende Ausflüge nach Brandenburg. Bald jedoch dehnten sich die Touren zu längeren Fahrten aus. So entkamen sie der Enge des Bürgertums im wilhelminischen Deutschland. Sie wollten raus aus der Großstadt, die mit der industriellen Revolution in den Jahrzehnten zuvor stark gewachsen war.

Das Fernweh im Blut

Gitarre und Mandoline gehörten zum Gepäck wie Unterwäsche und Kochgeschirr. Von den Bauern lernten sie Volkslieder, die sie sammelten und 1908 im „Zupfgeigenhansl“ veröffentlichten. Von Mund zu Mund, von Generation zu Generation gaben sie die Melodien weiter. Ohne die deutsche Jugendbewegung und den Wandervogel würde sich unser heutiges Volksliedgut wohl auf den Samstagabend-Musikantenstadl beschränken. Sie vertonten Gedichte und komponierten selbst. Dabei knüpften sie oft an Traditionen und Bilder der Romantik an:

Es rauschen die Bäume, es murmelt der Fluss. Und wer die blaue Blume finden will, der muss ein Wandervogel sein.

Karl Fischer und seine Jungen trafen den Nerv der Zeit. Nach dem Berliner Vorbild entstanden Gruppen in ganz Deutschland. Bis zum Ersten Weltkrieg sollen sich um die 30.000 Jugendliche der Wandervogelbewegung angeschlossen haben. Parallel dazu entwickelten sich Reformbewegungen wie Vegetarismus oder Freikörperkultur. Der Wandervogel übernahm die Ideen zum Teil. Heute noch sind Badehosen bei den Jugendlichen verpönt.

Den Tonnätts liegt das Fernweh im Blut: Schon Wilhelm Tonnätt, Ralfs Vater, zog als Wandervogel durchs Land. Er war 15, als sich verschiedene Gruppen aus ganz Deutschland 1913 zum Freideutschen Jugendtag auf dem Hohen Meißner trafen. Diese imposante Veranstaltung habe seinen Vater tief beeindurckt, erinnert sich Ralf Tonnätt. Die Meißner-Formel, auf die sich die verschiedenen Wandervogelgruppen einigten, brachte das Lebensgefühl der Jugendlichen zum Ausdruck: „Die freie deutsche Jugend will nach eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung, in innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten. Für diese innere Freiheit tritt sie unter allen Umständen geschlossen ein.“

Zunächst sahen die Wandervögel ihre Bestimmung darin, das Vaterland gegen die Franzosen zu verteidigen. Wie die meisten jungen Männer zogen Wilhelm Tonnätt und seine Freunde freiwillig und begeistert in den Krieg, den sie als große Fahrt verstanden. „In Herrlichkeit und Glück, in Not und Tod, Vaterland nur dir“, hieß die Parole. Militärische Fähigkeiten der Wandervögel sollten nun von Nutzen sein. Sie sahen den Weltkrieg als Bewährungsprobe für ihren Bund.

Der Tod reit’ auf einem kohlschwarzen Rappen, er hat ein undurchsichtige Kappen. Wenn Landsknecht in das Feld marschieren, lässt er sein Ross daneben gallopieren.

Die, die zurückkehrten, waren desillusioniert. Viele konnten oder wollten die Aufbruchstimmung der Jugendbewegung nicht mehr mittragen. Wilhelm Tonnätt schloss sich nie wieder einer Wandervogelgruppe an.

Trotz der Ernüchterung durch den Krieg lebte die Jugendbewegung in der Weimarer Republik wieder auf. Sowohl freie Bünde als auch konfessionelle Gruppen übernahmen Bräuche der Wandervögel. Die straff durchorganisierten, aus England stammenden Pfadfinder fanden immer größeren Anklang. Hunderttausende gingen nun auf Fahrt, machten Lagerfeuer oder trafen sich zu Heimabenden.

Der Wandervogel war in diesem Spektrum nur noch einer unter vielen und in viele Bünde gespalten. Die Brüder Karl und Robert Oelbermann gründeten den Nerother Wandervogel, der sich nach den Traditionen der Urwandervögel und der Meißner-Formel richtete.

Für die Nationalsozialisten war der Bund nicht fassbar. Er galt als anarchistisch und ging 1933 nicht wie viele nationalistische, bündische Gruppen in der Hitlerjugend auf, sondern wurde verboten. Robert Oelbermann wurde 1934 festgenommen und starb sechs Jahre später im KZ Dachau. Sein Bruder Karl überlebte den Krieg im Exil. Nach seiner Rückkehr 1951 machte er sich ohne seinen Bruder daran, den Nerother Wandervogel in den Westzonen wieder aufzubauen.

Lust und Traurigkeit verweben wir im Kleid der Zeit. Dunkle Stunden, Becherrunden, wir sind stets bereit.

Seinen Sitz hatte der Nerother Bund auf der Burg Waldeck im Hunsrück. Sie lag für die Hamburger Wandervögel Ralf Tonnätt und seinen Freund praktisch auf dem Weg Richtung Italien. Sie unterbrachen ihre Tramp-Tour für einige Wochen und kehrten von da an immer wieder zur Burg zurück.

„Auf der Waldeck habe ich Toleranz und Weltoffenheit gelernt. Dort habe ich meinen Lebensweg gefunden“, erzählt Tonnätt mit feierlichem Gesichtsausdruck. Heute noch trägt er voll Überzeugung Halstuch und Barett, auch wenn beim Singen die Stimme inzwischen etwas wackelt. Da jede Gruppe auf der Waldeck willkommen war, kam er dort zum ersten Mal mit schwer erziehbaren Jugendlichen in Kontakt. Seine Arbeit als Kaufmann in Hamburg erfüllte ihn immer weniger. Er beschloss umzusatteln – und wurde Sozialarbeiter im Problembezirk Kreuzberg.

Der Wandervogel Tonnätt wehrt sich zwar heute noch dagegen, sich einer Ideologie zu verschreiben. Idealismus gehört jedoch zum Wesen der Jugendbewegung. Ralf Tonnätt ging in die Politik. Von 1967 bis 1971 saß er für die SPD im Abgeordnetenhaus. Außer ihm habe es einen Bündischen bei der FDP und einen bei der CDU gegeben. „Wir haben uns gleich am Stallgeruch erkannt – und von da ab bestens verstanden“, erzählt er, und der Schalk blitzt in seinen Augen.

In dieser Zeit war Tonnätt im Wandervogeljargon ein „alter Sack“ – er war nicht mehr aktiv. Der Bund erreichte mit im Durchschnitt 2.000 Mitgliedern in den 50er- und 60er-Jahren nicht mehr die Größe der Vorkriegszeit. Auf der Burg Waldeck trafen sich im Vorfeld der Studentenbewegung Liedermacher zu Folklorekonzerten. Hannes Wader und Reinhard Mey sangen hier, prägten die Musik und wurden von der Waldecker Musiktradition geprägt.

1974 starb Karl Oelbermann und mit ihm der letzte Wandervogelführer, der die Anfänge der Bewegung unter Karl Fischer erlebt hatte. Seitdem regiert auf der Burg Fritz-Martin Schulz, von den Wandervögeln kurz F. M. genannt. Im Laufe der Jahrzehnte manövrierte er die Nerother immer weiter ins rechte Abseits. In Rundbriefen äußerte sich der auf Lebenszeit ernannte Bundesführer über Ausländer als „nicht integrierbare Teile der Bevölkerung“ und bezeichnete Neonazis als ein von den Medien erzeugtes Schreckgespenst, als einen „Medienpopanz“.

Tonnätt weigerte sich, F. M. weiter Mitgliedsbeiträge zu zahlen. Der Nerother Bund, immer noch einer der größten Wandervogelverbände in der Republik, schrumpfte auf wenig hundert Aktive zusammen.

Einige junge Wandervögel wollten nicht tatenlos zusehen, wie der Bund geradewegs in den Abgrund steuerte. Sie distanzierten sich von F. M. und gründeten 1997 den „Wandervogel – Bund für Jugendfahrten“. Nach dem Motto „Welt anschauen statt Weltanschauung“ wollen sie mit neuem Elan zur ursprünglichen, unpolitischen Linie zurück.

Tonnätt freut sich über diese Entwicklung. Er sieht auch heute noch eine Art Vakuum der Werte in der Gesellschaft, das der Wandervogel zumindest für einige Jugendliche füllen könnte. Missionieren will er jedoch niemanden. „Die Jugendlichen sollen ihr Leben in eigener Verantwortung führen. Alles andere würde der Meißner Formel und der Idee des Wandervogels widersprechen.“