Es pfeift, es schnarrt

Kreuzberger Orgelbauertage sind lang: Wenn eine historische Orgel um die halbe Welt reist, wollen viertausend Pfeifen neu eingestellt werden. Ein Ohrenzeugenbericht

Töne nehmen ein paar Schritte der Halbtonleiter hinauf und herunter und wieder zurück, noch einmal, immer wieder, dann das Geräusch ausströmender Luft. Der Hall klingt in den Weiten der Heilig-Kreuz-Kirche an der Zossener Straße in Berlin Kreuzberg. Eine Männerstimme ist kurz zu hören, Werkzeug klimpert metallisch. Dann wieder Stille. Die Suche nach den Urhebern der Ohrenpein endet auf der Empore über den Eingangstüren. Dort, wo zwei Mitarbeiter der Orgelbauwerkstatt Herrmann Eule aus Bautzen ihre provisorische Werkstatt errichtet haben. Walter Rietsch und Christoph Herz, seit 1962 und 1979 dabei, haben meterlange Holztabletts um sich gestapelt, darauf Zinnpfeifen, nach Länge sortiert. Auf Arbeitstischen liegen teils chirurgisch anmutende Spezialwerkzeuge wie Klingen, Skalpelle und andere Messer, Drähte, buschmessergroße fein gezahnte Sägen, Lötkolben, Wachs, Zinn und Vogelfederkiele, teils banale Dinge wie Hämmer und Schraubendreher. Die beiden passen Klang und Lautstärke der Pfeifen an die Kirchenakustik an.

Für die Orgel ist dies der Abschluss einer abenteuerlichen Reise: Ursprünglich stand das Instrument in Woburn in Massachusetts. Die Bostoner Orgelfabrikanten Elias und George G. Hook hatten es 1870 in die First Unitarian Church eingebaut, als Opus 533. Rund einhundert Jahre später sollte das Gebäude verkauft werden, denn mangels Gottesdienstbesuchern drohte Kirche und Orgel der bauliche Verfall. Das „Organ Clearing House“, eine Hilfsorganisation für bedrohte historische Orgeln, vermittelte das Instrument 1991 für 15.000 US-Dollar an die Berliner Thomas-Kirchgemeinde. Es wurde abgebaut, in Kisten verpackt, nach Europa verschifft und in Berlin-Kreuzberg eingelagert.

Die Heilig-Kreuz-Kirche war zu dieser Zeit eine Großbaustelle. Die damalige Orgel war in einem so schlechten Zustand, dass sie schließlich abgebaut werden musste. Chöre und Orchester fanden reichlich Platz auf der Empore, eine Orgel aber fehlte. Die Lösung ergab sich durch die Offerte der Thomas-Gemeinde, das eingelagerte Instrument abzugeben. Hooks Pfeifenklang würde auch die Heilig-Kreuz-Kirche angemessen füllen, ermittelte ein Akustiker.

Architekten skizzierten die erforderlichen Korrekturen an Gehäuse und Außengestalt des Instruments. Die Orgelbauer verbreiterten den reichlich zwei Meter hohen, hellbeigen Gehäusesockel an beiden Seiten um je ein Feld. So wenig wie möglich sollte an der Orgel verändert werden, forderten die Denkmalschützer. Nur die größten vier Metallpfeifen wurden nachgefertigt, das Zinkblech glänzt noch werkstattneu. Insgesamt lässt sich die Gemeinde die Wiedergeburt des Instruments mehr als eine halbe Million Mark kosten.

Im Inneren der Orgel verrät helles Kiefernholz ein Stück nachgefertigten Windkanal. Ansonsten ist alles original belassen: Viele der großen Pfeifen sind mit Bindfaden an ihre Halterungen gebunden, eine heute unübliche Technik. Am hölzernen, dunkelbraun gebeizten Balkengerüst sind Namen und Montagehinweise von 1870 zu lesen. Auch die filigrane Zugmechanik zwischen Tasten und Tonventilen ist augenscheinlich unverändert.

Herz spielt einige Töne auf und ab und bleibt schließlich auf einem Ton. Rietsch hat sich indessen durch eine Öffnung im Gehäusesockel gezwängt und über eine Leiter die erste Etage des Gehäuseinneren erklommen. Zwischen ihm und den Pfeifen der Orgelansicht stehen weitere dreizehn Reihen: die kräftigen mannshohen Metallröhren des Hauptregisters „Prinzipal“, die schlankeren der „Viola di Gamba“ mit dem streichenden Klang oder die scharf tönende „Mixtur“. Dazwischen drängen sich Reihen trichterförmiger oder eckiger, hölzerner Pfeifen. Die Pfeifen eines Tones stehen jeweils hintereinander. Die großen für die tiefen Töne außen am Orgelgehäuse, die kleinsten, bleistiftgroß, in der Mitte.

„Friedrich zwei ist zu stark“, bemängelt Herz von der Orgelbank her und meint den Ton „f 2 “. Rietsch findet die richtige Pfeife, hebt das etwa dreißig Zentimeter lange, schlanke Metallgebilde von seinem Platz, Orgelluft strömt ins Freie. Er legt die Kehle frei, eine etwa streichholzlange Messingröhre, an welcher der Tonerzeuger, eine haarfeine Metallzunge, anliegt. Rietsch hält die Pfeife gegen das Licht des neugotischen Spitzbogenfensters. Er korrigiert, justiert, streicht mit einem polierten Stahlgriffel über die Zunge. Herz schlägt einen Vergleichston an, Rietsch lässt die Pfeife wieder an ihren Ort gleiten und reguliert die Tonhöhe. Der Eingriff an Friedrich zwei war erfolgreich, Herz geht zum nächsten Ton über. Nicht immer geht es so zügig, die Orgelbauer löten, feilen, schleifen und probieren stundenlang. Insgesamt 39 Register müssen sie zum Klingen bringen, fast viertausend Pfeifen.

Als das obere Ende der Pfeifenreihe erreicht ist, erwacht der Organist im Orgelbauer: Herz reiht ein paar Harmonien, kräftige Akkorde und Läufe aneinander, um die Ohren zu entspannen. Musik füllt den Raum. Doch was im Kirchenraum als Wohlklang ankommt, ist für Rietsch, im Inneren der Orgel, ein höllische Getöse: Es pfeift und tönt, es schnarrt und quäkt, ein Klanggewitter, mal von links, mal von rechts, von vorn und hinten.

Ist der letzte Hall verebbt, bleibt nur das leise Surren des elektrischen Ventilators zu hören: In der Unteretage der Orgel treibt er die benötigte Luft, den Orgelwind, in die hölzernen Kanäle. Und in ein Vorratslager, den fast zwei mal vier Meter großen Balg. Für seine Falten haben die Orgelbauer Holzbretter mit getrockneten Pferdesehnen und Lederstreifen beweglich verbunden. Dies hält dauerhafter als jedes Scharnier. Auf der oberen Balgplatte lasten dutzende Ziegelsteine und setzen dreitausend Liter Luft mit ihrem Gewicht unter den richtigen Winddruck. Den Druck ermitteln Herz und Rietsch mit der Windwaage, einem U-förmig gebogenen, wassergefüllten Glasrohr. Mit dem Zollstock messen sie den Abstand der beiden Wasserspiegel, den die Balgluft über einen Gummischlauch in die Röhre drückt. Etwa hundert Millimeter reichen, um die Pfeifen angenehm klingen zu lassen. In jedem halbwegs ordentlich aufgepumpten Autoreifen herrschen vierzehn Meter Wassersäule.

Der mittig am Gehäuse eingebaute Spielschrank ist die Steuerzentrale der Orgel. Unter der Orgelbank liegen dort die dreißig hölzernen Tasten für die Füße, das Pedal. Direkt vor dem Organisten liegen terrassenartig die Tasten der drei Manuale. Vom Spielschrank aus lässt sich der Aufbau des Hook’schen Orgelwerkes deutlich erkennen: Über das zweite Manual wird das „Hauptwerk“, die wichtigsten und stärksten Klangregister, zum Tönen gebracht. Das erste, unterste Manual bedient das „Solowerk“. Hier brachte Hook Klangfarben wie „Clarionet“, „Violine“ oder „Piccolo“ unter. Die dritte Klaviatur bedient das im Jalousiekasten gelegene „Schwellwerk“. Das „Pedalwerk“ schließlich bildet mit den Bassstimmen das Klangfundament der Orgel.

Nachdem die Intonateure Ende September die Empore geräumt hatten, verbrachte Gemeindekantor Gunter Kennel drei ganze Nächte an der Orgel: Für eine CD spielte er Werke von Reger, Liszt, Schumann und Brahms ein. Immer in der Hoffnung auf wenig Verkehrslärm von der tagsüber viel befahrenen Blücherstraße, jedes Martinshorn ruiniert die Musikaufzeichnung. Und dann reifte in Kennel die schmerzliche Erkenntnis, dass er seine Hook-Orgel wohl niemals problemlos mit einem Orchester zusammen wird spielen können. Die Bostoner Erbauer legten die Tonhöhe des Instruments etwa einen Viertelton höher fest als heutzutage üblich. Zu hoch, als dass Geigen oder Oboen sich darauf einstellen könnten. In den Unterlagen, so Kennel, habe er zuvor nirgendwo einen Hinweis darauf finden können. Für die feierliche Orgelweihe am Freitag der vorletzten Woche musste er schweren Herzens Francis Poulencs G-Moll-Konzert für Orgel, Streichorchester und Pauken aus dem Programm streichen. Es hätte nicht geklungen.