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Was einem Künstler, der sich maßlos überschätzt, zum Terrorangriff auf New York einfällt

Als Karl-Heinz Stockhausen der Verführung Luzifers erlag

Seine Konzerte wurden inzwischen abgesagt. Die Auslassungen des 73-jährigen Komponisten Karl-Heinz Stockhausen zu den Torroranschlägen in den USA fand die „Zeit“-Stiftung, Hauptsponsor des Musikfestes Hamburg, „unentschuldbar“. Gestern und heute sollte Stockhausen hier eigene Werke dirigieren.

Doch er hatte sich bei einem Pressegespräch am Sonntagabend laut Tonband-Abschrift des NDR um Kopf und Kragen geredet. Wortwörtlich: „Was da geschehen ist, ist – jetzt müssen Sie alle Ihr Gehirn umstellen – das größte Kunstwerk, das es je gegeben hat. Dass Geister in einem Akt etwas vollbringen, was wir in der Musik nicht träumen könnten, dass Leute zehn Jahre üben wie verrückt, total fanatisch für ein Konzert und dann sterben. Das ist das größte Kunstwerk, das es überhaupt gibt für den ganzen Kosmos. Stellen Sie sich das doch vor, was da passiert ist. Da sind also Leute, die sind so konzentriert auf eine Aufführung, und dann werden 5.000 Leute in die Auferstehung gejagt, in einem Moment. Das könnte ich nicht. Dagegen sind wir gar nichts, als Komponisten.

. . . Stellen Sie sich vor, ich könnte jetzt ein Kunstwerk schaffen und Sie wären alle nicht nur erstaunt, sondern Sie würden auf der Stelle umfallen, Sie wären tot und würden wiedergeboren, weil es einfach zu wahnsinnig ist. Manche Künstler versuchen doch auch über die Grenze des überhaupt Denkbaren und Möglichen zu gehen, damit wir wach werden, damit wir uns für eine andere Welt öffnen.“

Auf die Rückfrage eines Journalisten, ob er Kunst und Verbrechen gleichsetze, antwortete Stockhausen: „Ein Verbrechen ist es deshalb, weil die Menschen nicht einverstanden waren. Die sind nicht in das ‚Konzert‘ gekommen. Das ist klar. Und es hat ihnen niemand angekündigt, ihr könntet dabei draufgehen. Was da geistig geschehen ist, dieser Sprung aus der Sicherheit, aus dem Selbstverständlichen, aus dem Leben, das passiert ja manchmal auch poco a poco in der Kunst. Oder sie ist nichts.“

Es folgte ein kurzes Stammeln Stockhausens: „Wo hat er mich hingebracht, Luzifer . . . Ist das nicht ungeheuer, was mir da eingefallen ist auf einmal? . . . ist ja irre. Wie gesagt: Zehn Jahre Arbeit für ein Konzert und das muss es sein . . . und dann: weg!“

Doch dann distanzierte er sich von diesen Äußerungen und bat die Anwesenden, sie nicht zu verwenden. Am späten Montagabend kam ein offizielles schriftliches kurzes Dementi, er habe an die Rolle der Zerstörung in der Kunst erinnern wollen.

Die Medien hätten der Bitte nachkommen sollen. Der Kommentar ist so dumm, unmenschlich und unpolitisch, dass man hoffen möchte, der Künstler sei der Verführung Luzifers erlegen und habe im Zustand vollkommener geistiger Verwirrung gesprochen. Doch es steht zu befürchten, dass Stockhausen in Hinblick auf die Rolle der Kunst tatsächlich so stockreaktionär ist, wie es seine Äußerungen nahe legen. Kunst ist für ihn noch heute ausschließlich Ästhetisierung der Welt. Und er glaubt noch immer an die altbackene Idee der Avantgarde des 20. Jahrhunderts von der Tabula rasa. Auch hier sollte die Welt nach dem 11. September nicht mehr dieselbe sein wie davor. Wann, wenn nicht spätestens jetzt, ist eine Kunstauffassung, die zu solchen Schlussfolgerungen führt, nicht endgültig obsolet? Sie erklärt allerdings, warum Stockhausen künstlerisch, und damit wohl auch intellektuell, schon lange tot ist. wbg