Streik der US-Drehbuchautoren

Durchschlagender als Irakkriegsdemos

Der Streik der US-amerikanischen Drehbuchautoren geht in die letzte große Runde. Die Grammy-Verleihung am 10. Februar soll aber wie gewohnt stattfinden.

"Mein Leben ist komplett ruiniert worden. So fühle ich mich zumindest. Ich weiß nicht einmal, welcher Tag es ist." Rachael Timinsky, eine 26-jährige Hedgefonds-Mitarbeiterin, kann es nicht fassen, dass der Streik der amerikanischen Drehbuchautorengilde (WGA) seit nunmehr Anfang November anhält und im Zuge dessen sämtliche ihrer allabendlichen Fernsehshows vom Bildschirm verbannt hat. Ob Erfolgssitcoms wie "30 Rock", dramatische Serienschlager wie "Greys Anatomy" oder Politik-Comedyshows wie Jon Stewarts "The Daily Show", keine ihrer regelmäßigen Freizeitkatalysatoren sind noch im Programm. "Selbst die paar Quiz- und Realityshows, die noch laufen, machen keinen Spaß mehr. Sie reichen einfach nicht aus!"

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So unglaublich es klingen mag, der Streik der rund 12.000 Autoren in Hollywood und New York hat sich als eine der wirksamsten sozialen Protestformen erwiesen, die im heutigen Amerika vorstellbar sind. Nachhaltiger als jede Irakkriegsdemo, durchschlagender als jede Präsidentschaftswahlkampagne. Für die überwältigende Mehrzahl der Amerikaner haben die Streikenden den Alltag, der ansonsten aus mindestens zwei Stunden feierabendlichen Fernsehens besteht, auf dramatische Weise umgekrempelt. Höhepunkt dessen war die abgesagte Golden-Globe-Verleihung, bei der kein Schauspielstar die schlechte Publicity eines Streikbrechers riskieren wollte und aus der deshalb lediglich ein Pressekonferenzchen wurde.

Nach drei Monaten Autorenboykott sind nun die ersten Anzeichen für eine Entspannung der Lage zwischen der WGA und der Produzentengilde (AMPTP) zu bemerken, welche für die milliardenschweren Medienkonglomerate Disney, Viacom oder TimeWarner am Verhandlungstisch sitzt. Anlass dafür war der Durchbruch, den die Regisseursgilde (DGA) letzte Woche im Windschatten des Autorenstreiks erzielt hatte. Bei deren Verhandlungen ging es um die gleichen Zweitverwertungsrechte an DVDs, Webstreams, Internet-TV und Downloads, an denen man bisher entweder lächerlich gering oder gar nicht beteiligt war.

Die neuen Medien bildeten dabei den springenden Punkt, sind sie doch der am schnellsten wachsende Markt im DSL-Land Amerika, wo heute selbst Top-Fernsehshows floppen, wenn sie keine ausgedehnte Netzpräsenz und Webstream-Wiederabspielmöglichkeiten besitzen. Der Tarifvertrag der Regisseure hat dieses juristische Niemandsland zum ersten Mal ausgeleuchtet und selbst bei gratis herunterzuladenden Filmen und TV-Shows eine Gewinnbeteiligung von 2,5 Prozent an den damit verbundenen Werbeeinnahmen herausgeschlagen. Angesichts dieses Erfolgs haben jetzt auch die Autoren "informelle Gespräche" mit der Produzentengilde aufgenommen, so die WGA in einer Pressemitteilung.

Der Druck auf WGA-Präsident Patric Verrone zur Aufnahme der Gespräche war enorm. Die Solidarität der Amerikaner sinkt mit jedem Tag Fernsehentzug. Viele der Autoren haben durch den Arbeitsausfall mehrere tausend Dollar pro Woche verloren. Auch von der anfänglichen Woodstock-Stimmung unter den Streikposten vor TV- und Filmstudios, wo schon mal Soulsternchen wie Alicia Keys impromptu ein Konzert veranstalten oder TV-Darlings wie Desperate Housewive Eva Longoria mit Snacks im Gepäck die Streikenden besuchen konnte, ist nur noch wenig zu spüren.

Unterdessen haben TV-Sender wie ABC und NBC gnadenlos Rahmenverträge von Autoren gekündigt, das Budget von Pilotfolgen für TV-Serien um 50 Millionen Dollar gekürzt. Sie schreckten selbst davor nicht zurück, Büroassistenten zu Chefautoren für den täglichen Dreh von Soaps wie "Reich und Schön" zu machen. Der Wiedereintritt ins Arbeitsleben dürfte deshalb nach Ende des Streiks nicht einfach werden.

Für die Grammy-Verleihung, die am 10. Februar vom Fernsehsender CBS ausgestrahlt wird, gab die Autorengilde schon mal grünes Licht und sagte zu, keine Streikposten aufzustellen. Die Musikindustrie atmete auf nach dieser Meldung, hätte das Fernbleiben der Musikstars doch einen ähnlichen, millionenschweren Werbeeinkunftsverlust wie beim Golden-Globe-Desaster bedeutet. Ob die Gilde ihren Autoren allerdings erlaubt, auch für die Grammy-Verleihung zu schreiben, ist noch unklar. Freundliche Tarifverhandlungen und eine baldige, heile Fernsehwelt sind in jedem Fall nicht zu erwarten. Dafür hat nicht nur die AMPTP mit ihrer schockierenden anfänglichen Forderung gesorgt, die Autorentantiemen gänzlich zu streichen.

Auch Patric Verrone wird nicht einfach klein beigeben. Ist er doch nach Angaben der New York Times für seine "selbst auferlegte Mission" bekannt, "die jahrzehntelange Statuserosion von Drehbuchautoren, Schauspielern und Filmemachern unter dem Druck von profitgeilen Korporationen zu korrigieren". Um dies unmissverständlich klarzumachen, hat sein Ostküstenbüro vorgestern gleich 30 Oscar- und Emmy-Preisträger im Players Club Gramercy Park in New York auffahren lassen. Mit charmanter Drohgebärde und ihren Trophäen in der Hand warnten sie vor einer überstürzten Entscheidung angesichts der Übereinkunft der Regisseure.

Steht bei den Verhandlungen langfristig nichts weniger als das Autorenrecht im digitalen Medienzeitalter auf dem Spiel, geht es kurzfristig vor allem um das Gespenst der Absage der Oscar-Verleihung am 24. Februar. Ein Ausfallen bezeichnet inzwischen selbst die WGA als "ein unwahrscheinliches Ereignis". Dass die Oscars stattfinden, ist nicht nur für die wirtschaftlichen Interessen von Film- und TV-Studios essenziell, sondern auch für das öffentliche Bewusstsein Amerikas. Die beginnende Auseinandersetzung mit der unrühmlichen Bush-Ära, der anhaltende Irakkrieg, die schon an allen Ecken zu spürende Rezession, die Klimakrise, der Tod von Heath Ledger und nicht zuletzt der dreimonatige Autorenstreik geben einem zurzeit das Gefühl, noch einmal die kollektive Depression der 1970er-Jahre zu durchleben. Diese öffentliche Katerstimmung braucht dringend einen Glamourstunt, einen, wie ihn nur die Academy Awards liefern können.

 

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