HOLOCAUST-MAHNMAL-KAMPAGNE: EINEN JUX WOLLTEN SIE SICH MACHEN

Deutscher Humor

Man kann es sich durchaus so vorstellen: Eine Werbetexterin hat lustig in eine Runde gut aussehender, schwarz gekleideter Kollegen gefragt, was ihnen zum Holocaust-Mahnmal an provokanten Sprüchen so alles einfalle. Breites Grinsen auf den Gesichtern: „Den Holocaust hat es nie gegeben!“ Haha. „Die Juden sind unser Unglück!“ Hihi. „Deutschland den Deutschen!“ Hehe. Nur der Lehrling kam mit einem Spruch, den keiner komisch fand: „Lea, wir folgen dir!“ Merke: Niemals die Auftraggeber veräppeln!

Was wohl als Jux begann – einer der Schwarzgekleideten soll später zugegeben haben, dass er das alles schon einmal in einer Kaserne nach dem fünften Bier gegrölt hatte –, ist blutiger Ernst geworden. So blutig wie die Ermordeten der Benetton-Kampagnen. Denn der „Förderverein zur Errichtung eines Denkmals für die ermordeten Juden Europas e. V.“ hat einen der genialen Sprüche tatsächlich gekauft: „Den Holocaust hat es nie gegeben“! Und schon läuft eine Megakampagne auf Plakatwänden, in Zeitungen – und auf Postkarten, die in einer Auflage von 500.000 Stück in der „Szene-Gastronomie“ verteilt werden.

Wahrscheinlich gibt es es niemanden außerhalb der rechten Szene, der diese Plakate und Anzeigen lustig findet. Die einzigen Spender, die sich bisher fanden, sollen dem Gerücht nach dafür gespendet haben, dass die Kampagne noch möglichst lange weitergeführt wird. Ja, sie möge sogar ausgeweitet werden, damit auch noch die anderen Slogans („Die Juden sind unser Unglück“ und „Deutschland den Deutschen“) endlich „zum Einsatz“ kommen.

Vor mir liegt die juxige „Gratis-Postkarte“. Eine schöne deutsche (?) Alpenlandschaft, darüber in weißen Lettern der Satz: „den holocaust hat es nie gegeben“. Mehr nicht. Kein Kommentar. Keine Sternchenfußnote. Noch nicht einmal klein in einer Ecke (wie immerhin beim Plakat). Dabei müsste doch allgemein bekannt sein, dass die Deutschen keinen Spaß verstehen. Und dass man sie jeweils warnen muss: Vorsicht, ein Witz! Sonst greift einer womöglich zum Knüppel. Oder zum Telefon und ruft den Staatsanwalt. (Klaus Staeck kann ein Lied davon singen!) Wer zum Beispiel schreibt, „Soldaten sind Mörder“, und nicht sofort hinterher ruft „Tucholsky“, hat schnell eine Klage am Hals. Gott sei Dank gilt Tucholsky heute als Kunst. Aber noch niemand hat bisher beweisen können, dass es sich bei dem Satz „Den Holocaust hat es nie gegeben“ um Kunst handelt. Eher schon um Kunstdünger, und zwar zur Aufpäppelung von Holocaust-Leugnern. Verschärfend hinzu kommt, dass eine bestimmte Art von bösartigem Schwachsinn in unserem Land – wie ich meine: aus guten Gründen – unter Strafe steht. Wo kämen wir hin, wenn jeder Witzbold Postkarten oder Flugblätter verteilen könnte, auf denen zu lesen stünde: „Den Holocaust hat es nie gegeben“ oder „Die Juden sind unser Unglück“? Würden dann etwa die Anführungszeichen beweisen, dass es sich „nur“ um Ironie handelt? Oder würde der pseudo-naive Hinweis genügen, dass irgendwo auf der Rückseite der Postkarte ganz klein der schwer verständliche Satz stünde: „Es gibt immer noch viele, die das behaupten. In 20 Jahren könnten es noch mehr sein.“?

Klingt eher wie eine Schutzbehauptung. Und was meint hier eigentlich das Wort „könnten“? Ist das eine Drohung oder eine Aufforderung? So wie man sich freundlich nachschenken lässt: „Könnte es noch etwas mehr sein?“ Ich fürchte ja: Wer das ganze Land mit dieser Postkarte überschwemmt, die sich über die Opfer des Holocaust lustig macht, hat ganz offensichtlich den Verstand verloren und ist politisch gefährlich. Vor lauter Publicity-Sucht ist er sogar bereit, die Sprüche der Neonazis zu übernehmen, die er angeblich bekämpft. Schon zeichnet sich ab, dass einige Nazis die bunten Postkarten überall einsammeln, um sie – mit dem eigenen Spendenkonto versehen – in alle Welt zu verschicken. So schließt sich der Kreis: Good news aus old Germany, den Holocaust hat es nie gegeben!

Man sollte jetzt ganz schnell eine Postkarte oder Flugblätter drucken mit dem Appell: Wer immer die Möglichkeit hat, diese gefährliche Kampagne des so genannten „Förderkreises“ zu stoppen, der zögere nicht! Und falls gute Worte nicht mehr helfen, sollte – wenigstens dieses eine Mal, verdammt – die Staatsanwaltschaft ihre Pflicht tun.

PETER SCHÖTTLER

Historiker am Centre Marc Bloch. 1997 gab er „Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft 1918–45“ heraus