CU L8ER, Wau Holland!

Der Gründer des Chaos Computer Clubs erlag vergangenen Sonntag den Folgen eines Schlaganfalls. Für den berühmtesten Hacker Deutschlands war das Internet keine technische Revolution, sondern ein Instrument der Freiheit und des guten Lebens

Er war ein Kopf, stur und voll von Gedanken, die er alle selbst gedacht hatte. Manchmal waren sie nicht ganz fertig, ein wenig sperrig. Wau Holland war kein Mitläufer, er dachte über jeden Trend in die Zukunft hinaus. „Wie immer bist du uns mindestens einen Schritt voraus“, steht auf der schwarz eingefärbten Eingangsseite des Chaos Computer Clubs. Darf man so anzeigen, dass Herwart Holland-Moritz, Gründer der ältesten und renommiertesten Hackergemeinde Deutschlands, verstorben ist? Als sei da einer nur mal vorangegangen? Wohin denn?

Man darf in diesem Fall. Hunderte von Beileidsadressen sind seit vergangenem Sonntag unter www.digitalis.org/wau eingegangen. „Hau rein, Alter, jetzt hast du root axs da oben“, hat einer geschrieben, und ganz sicher hat er sich unter solchen Freunden wohl gefühlt. „Root axs“ heißt unbeschränktes Zugriffsrecht. Alles unter Kontrolle also? Nein, das nun auch nicht. Gewiss hat Holland den Begriff des „Hackers“ in Deutschland geprägt wie kein anderer. Aber er war nicht einmal ein Mitläufer seiner eigenen Gemeinde. Er glaubte nicht, dass irgendeine Technik die ganze Welt beglücken könnte. Wer ihn danach fragte, bekam längere Ausführungen über Meinungsfreiheit und soziale Gerechtigkeit zu hören, nicht über Bitraten und Prozessoren.

Seine Biografie muss nun geschrieben werden. Auch an der Gründung dieser Zeitung war er beteiligt, wenn auch mit der für ihn typischen Distanz. Die „Datenschleuder“, die 1984 unter seiner Leitung zu ersten Mal erschien, entsprach besser seinen Vorstellungen. Daraus entstand der Chaos Computer Club, der mit einem digitalen Einbruch in die Hamburger Sparkasse über Nacht die Legende wurde, die er bis heute geblieben ist. Nichts davon hat Holland beeindruckt, er ließ sich zu Vorträgen und Podiumsdiskussionen laden, gab Interviews, hielt Kurse ab und beriet Unternehmen in Computerfragen. Eine Karriere machte er dennoch nicht, und schon gar nicht, als der Boom des Internets eine ganze Generation von Computerbastlern zu Millionären zu machen versprach. Um daran zu glauben, verstand Wau Holland zu viel von Computern und zu viel vom Kapitalismus. Denn er war ein Realist bei aller Fantasie, die ihn umtrieb.

Deswegen wohl hatte er auch das mutmaßlich einzige Restaurant in Berlins neuer Mitte ausfindig gemacht, in dem man zu vernünftigen Preisen satt wird und ohne Szenegetümel reden kann. Er kam eine Stunde zu spät zur Verabredung, weil er im Wirtschaftsministerium aufgehalten worden war. Es ging um Konrad Zuse, den Miterfinder des Computers – Holland hatte ihn zum Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs gemacht und half nun dem letzten persönlichen Mitarbeiter des großen deutschen Ingenieurs, ein Museum aufzubauen. Noch bevor der Kellner kam, war er bei der Sache. Nicht bei Zuse und dem Minister, Holland musste zunächst einmal die Vorteile des Morsealphabets erklären. Sein längerer Vortrag gipfelte darin, dass er sein Häuschen in Wuhlheide am liebsten durch Morse-Codes steuern würde. Natürlich wurde das Essen kalt. Smalltalk ist eine Kunst, die Holland nicht einmal dem Namen nach kannte. Ich erfuhr, warum Morse die Häufigkeit des Buchstabens „M“ zu hoch eingestuft hatte – Morse hat seiner Statistik die nach Gewicht bemessenen Bestelllisten für Bleibuchstaben einer Druckei zugrunde gelegt, und der besonders schwere Buchstabe belastete dort die Rechnung viel höher, als es seinem Verbrauch beim Setzen entsprochen hätte.

Solche Einzelheiten liebte er mehr als alles, sie erklärten ihm den Zustand der Welt und die Chancen einer Technik besser als jede akademische Theorie. Man konnte ihm zuhören, man konnte sich ärgern, widersprechen – es war nicht möglich, mit Holland zu reden, ohne dabei etwas Neues zu lernen. Allmählich begriff ich, dass er die ganze Zeit doch schon über Zuses Erfindung gesprochen hatte. Wer sie verstehen wollte, musste verstehen, was ein Code ist, zum Beispiel das Morsealphabet mit seinen drei möglichen Positionen oder das römische mit seinen 26 Buchstaben. Zuses letzter Mitarbeiter saß dabei, ab und zu Hollands Redefluss mit Anekdoten aus den letzten Jahren seines verehrten Meisters unterbrechend, und plötzlich war klar und einfach zu erkennen, worin Konrad Zuses große Erfindung bestand. Zuse hatte keine Rechenmaschine gebaut, wie es viele vorher schon gab. Zuses Maschine konnte Symbole und bedingte Befehle verarbeiten. Gar nicht mehr redselig auf einmal, aber mit funkelnden Augen holte Holland zur Definition aus: „Ein Computer ist keine Rechenmaschine, ein Computer ist eine symbolverarbeitende Maschine.“

Danach saßen wir fest in einer hochgradig abstrakten, philosophischen Diskussion über den Unterschied von Symbolen und Zahlen, dann über Alan Turing und das Problem berechenbarer Größen im Hinblick auf die möglichen Bedeutungen von Symbolen, und waren uns einig, dass die gängigen Theorien über künstliche Intelligenz nicht viel taugen. Holland erläuterte das Problem an der Schwierigkeit, einen brauchbaren Geldwechselautomaten zu bauen. Und ganz nebenbei lernte ich auch noch, dass Zuse seine fundamentale Idee mit mechanischen Apparaten, Räderwerken und Hebeln realisiert hatte, dann mit elektromagnetischen Relais; die digitalen Schaltkreise kamen viel später und sind auch noch heute nicht das bahnbrechend Neue des Computers, den wir täglich benutzen. Wir leben dank dieser Maschinen in einer erweiterten Welt der Symbole, nicht der Zahlen, und nur deshalb hat das Internet die Revolution ausgelöst, die wir gerade erleben.

Es war für Wau Holland eine Revolution der Art und Weise, in der wir miteinander leben. In einem seiner letzten längeren Texte (www.trend.partisan.net/trd1098/t021098.html) protestiert er gegen jeden Versuch, den Datenverkehr zu zensieren, auch dann, wenn damit rechtsradikale Propaganda verhindert werden soll. Er spricht als Hacker und Bürgerrechtler zugleich. „Es wird nicht funktionieren“, sagt er als Hacker, als Bürgerrechtler aber ruft er die französischen Enzyklopädisten, Galilei, Heine und Brecht als Zeugen für die Freiheit der Rede und Information an. Davon haben wir nicht gesprochen. Wozu auch? Dass Symbole missbraucht werden können, ist kein Argument gegen Maschinen. Allein die Frage ist schon weit unter dem Niveau, auf dem Wau Holland denkt und redet, heftig gestikulierend, lebendig von Gedanke zu Gedanke springend, mal spöttisch, dann wieder sehr ernst, missionarisch sogar, weil er unbedingt möchte, dass man ihm glaubt, es könne alles viel besser eingerichtet werden.

Es war einer der ersten warmen Frühlingstage im Mai dieses Jahres. Ein wenig müde im Kopf verließen wir das Lokal. Wir verabschiedeten uns in der Annahme, über die weiteren Umstände des geplanten Zuse-Zentrums auch noch ein andermal sprechen zu können. Dafür ist es für immer zu spät. Kurze Zeit danach erlitt Holland eine Gehirnblutung, von der er sich nicht mehr erholt hat. Er erlag am Sonntag den Folgen des Schlaganfalls. niklaus@taz.de