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Ukrainische Fußballkunst gegen Hitlers Flakelf

Das Todesspiel

Es war ein gespenstischer Menschenzug in Kiew, der sich am 9. August 1942 gen „Zenit-Stadion“ schleppte. Alle spürten die lebensbedrohliche Atmosphäre, die nichts hatte von einem gewöhnlichen Fußballspiel. Überall standen Soldaten mit Schäferhunden. Und mittendrin die SS, die seit einem Jahr die Ukraine in Angst und Schrecken versetzte.

Und doch waren zehntausende da. Sie wollten ihre Lieblinge sehen: Fußballstars, die früher in den blau-weißen Farben Dynamo Kiews aufgelaufen waren. Jetzt spielten sie für den FC Start, eine Betriebsmannschaft, denn alle Spieler arbeiteten in einer Brotfabrik. Deren Leiter hatte die Truppe zusammengestellt. Mit Zustimmung der Deutschen, denn Fußball hob die Arbeitsmoral, die so wichtig war für die Kriegsproduktion.

Die Spiele des Sommers 1942 hatten die Stars überlegen gewonnen, nur die letzte Begegnung war gefährlich gewesen. Aber nicht der Spielkunst des Gegners wegen. Sie hatten mit 5:1 die Flakelf deklassiert, die Vorzeigetruppe der deutschen Luftwaffe. Und weil die Luftwaffe die militärische Speerspitze des Hitler-Regimes war, hatten die Spieler nicht allein ein Fußballspiel gewonnen. Es war ein Sieg gegen die Besatzung gewesen, und die Mannschaft war zum Mythos geworden.

Die Deutschen reagierten. Einen Tag später hingen in ganz Kiew Ankündigungen für die Revanche. Das Papier wirkte offiziell; es war das gleiche, auf dem sonst Erlasse publiziert wurden. Jedem war klar: Die Deutschen würden alles daran setzen, eine erneute Niederlage zu verhindern. Als der Schiedsrichter in die Kabine kam, offenbarte sich auch der Mannschaft der Charakter dieses Spiels. Der große, kahle Mann in SS-Uniform beeindruckte die Akteure mit geschliffenen Manieren und perfektem Russisch. Er bat höflich um Einhaltung der Regeln – Zynismus angesichts der brutalen Spielweise der Deutschen im Spiel davor – und um formgerechte Erwiderung des Grußes. Die Spieler sollten „Heil Hitler“ schreien und anschließend verlieren.

Daraufhin Diskussionen. Für einige Spieler kam ein Einsatz so nicht in Frage; andere schlugen vor, die Anweisungen schlicht zu ignorieren. Schließlich lief die Mannschaft geschlossen auf. Die roten Trikots und Stutzen, die Torhüter Trussewitsch ergattert hatte, waren das erste Fanal: Hier spielte nicht Start gegen Flakelf – in den Augen der Zuschauer trat die Sowjetunion gegen Deutschland an. Den obligatorischen „deutschen Gruß“ – das zweite Fanal – erwiderte die Mannschaft provokativ mit dem traditionellen Gruß des kommunistischen Sports. Und wenn die Deutschen auch noch so brutal foulten, der ukrainische Siegeswille war nicht zu brechen. Selbst dann nicht, als ein Tritt gegen den Kopf des Keepers, der daraufhin kurz das Spielfeld verließ, die Führung der Deutschen ermöglichte. Zur Halbzeit führte Start mit 3:1.

Das einheimische Publikum, das dem Spiel so sorgenvoll entgegengesehen hatte, tobte und tanzte; alle Ängste waren für den Moment vergessen. Angesteckt von der Ekstase auf den Rängen, ließ sich Klimenko, der jüngste Spieler, hinreißen zu einer Demütigung; nachdem er Verteidiger und Torhüter ausgespielt hatte, stoppte er den Ball auf der Torlinie, und anstatt diesen einfach hineinzuschießen, lief er ins Tor und schoss das Leder zurück ins Spiel. Um die Situation nicht eskalieren zu lassen, pfiff der SS-Mann vorzeitig ab. Am Schluss hatte der FC Start 5:3 gewonnen.

Spätestens da waren die Spieler, wie Andy Dougan schreibt, zu Symbolen des Widerstandes geworden. Der britische Publizist – als Besitzer einer Dauerkarte bei Celtic Glasgow ein ausgewiesener Fußballfan – hat viele Legenden, die sich um das „Todesspiel“ ranken, in einem spannenden Buch fundiert widerlegt, einige bestätigt. Er thematisiert auch die heikle Frage der ukrainischen Kollaboration, die in dieser Mannschaft ebenfalls eine Rolle spielte. Dougans Buch ist nicht zu vergleichen mit dem unsäglichen Film „Escape to Victory“, den John Huston 1981 in Anlehnung an dieses Match drehte.

Unzweifelhaft ist nach Dougan, dass die Akteure bald in das örtliche Gefängnis abgeführt wurden. Schon dort kam jener Spieler, der vorher ein Mitarbeiter des sowjetischen Geheimdienstes gewesen war, zu Tode. Drei weitere wurden etwa sechs Monate später in dem Lager Siretz erschossen. Der Kommandant hatte nach Partisanen-Attacken angeordnet, als Vergeltungsmaßnahme jeden dritten Lagerinsassen zu vernichten. Die Behauptung der sozialistischen Sportgeschichtsschreibung, die Morde an den drei Spielern wären eine Folge des „Todesspiels“ gewesen, ist Dougan zufolge nicht bewiesen. Aber es hätte so sein können im Gefolge dieses Ereignisses, in dem es um mehr gegangen war als um Leben und Tod.

ERIK EGGERS

Andy Dougan: „Dynamo: Defending the Honour of Kiev“. Fourth Estate, London 2001, 243 Seiten, 14,99 Pfund