Clearasil ist nicht die Lösung

Aber Türkenklatschen vielleicht schon: Der Streetworker Rudolf K. und seine Kinder. Ein Bericht

Streetworker Rudolf K. macht die Arbeit Spaß. Er wird von seinen Kids akzeptiert. Die Kids und er, das ist wie eine große Familie. „Ha“, sagt Rudolf K. manchmal im Scherz, „wenn das wirklich alles meine Kinder wären, dann wäre ich ja ganz schön fleißig gewesen.“ Ja, er ist ein Mann, der den Humor nicht so schnell verliert. „Den Humor“, meint Rudolf K. oft, „den darf man nicht verlieren.“ Er sagt das leise und ernsthaft, wie um die Bedeutung dieser Worte zu unterstreichen.

Seine Kids, das sind etwa dreißig pubertierende Jungen und Mädchen mit Problemen. Großen Problemen. Alle sind schon mal sitzen geblieben. Rudolf K.: „Sie sind nicht dumm, meine Kids. Die Gesellschaft ist schuld.“

Aber es gibt noch mehr Probleme: Akne, Ausländerfeindlichkeit, Aggressivität, Alkohol. Unter Streetworkern auch die „vier großen ,A‘“ genannt. „Akne ist schlimm. Clearasil ist kein Allheilmittel. Man muss das Übel an der Wurzel packen“, so Rudolf K. Die Jungs von Rudolf K. tragen Glatze und finden Türken nicht so gut. Manchmal stechen sie einen ab. Die Mädchen finden das spannend.

Dazu Rudolf K.: „Man muss das verstehen. Diese Kids haben keine Zukunft, keine Perspektive. Sie setzen sich mit der Arbeitslosenproblematik auseinander. Sie überlegen: Warum hat mein Vater keine Arbeit? Manchmal sind ihre Schlussfolgerungen nicht ganz richtig. Aber das braucht Zeit, das muss reifen. Dazu bin ich da, ihnen dabei zu helfen.“

Wie ist das mit den Mädchen? Welche Probleme haben sie, wie kann man ihnen helfen? Rudolf K. schmunzelt, und seine Augen funkeln lustig. „Bei mir können sich die Mädels richtig ausquatschen. Ich bin sehr einfühlsam. Wenn sie mal Stress mit den Eltern haben, kommen sie zu mir nach Hause. Auch mitten in der Nacht. Das macht mir nichts aus, mein Job geht vierundzwanzig Stunden. In meinem Beruf kann man Arbeit und Privates nicht so leicht trennen.“

Ein Jugendklub ist für die Kids da, hier treffen sie sich zum Billardspielen oder einfach nur zum Quatschen. Hier wird auch mal richtig einer gesoffen. Rudolf K.: „Verbote bringen nichts.“ Wenn alle schön angeheitert sind, dann geht’s zum Türkenklatschen. Rudolf K. passt auf, dass es nicht gar so wild wird. „Man kann diese wilde, ungezähmte Jugend nicht bändigen wollen. Schon gar nicht mit Strenge und Autorität, das sind veraltete, völlig unwirksame Methoden. Man kann nur Ratgeber, behutsamer Lenker sein.“

Zweimal schon wurde der Jugendklub von linken Autonomen überfallen. Er soll geschlossen werden. Das macht Rudolf K. wütend. „Das wäre das Schlimmste. Wenn meine Arbeit und meine Erfolge durch solche Idioten zunichte gemacht werden. Aber ich werde kämpfen. Ich habe einiges erreicht, das lasse ich mir nicht so leicht nehmen!“ Noch gibt es den Klub. Die Schnapsflaschen kreisen. „Sieg Heil, Sieg Heil!“, brüllen die Kids. Rudolf K. lächelt sanft. „Manchmal sind sie eben noch wie kleine Kinder.“ Die Sonne geht unter in dieser kleinen idyllischen Stadt. Die Kids wanken nach Hause. Auch Rudolf K. begibt sich in seine 1-Raum-Wohnung. Er lebt allein, aber nicht einsam. Er hat eine große Familie.