Hexenprozess anno 1962

Bisher war Regisseur Hark Bohm eher für gut gemeintes Sozialdemokratenkino zuständig. Mit „Vera Brühne“ gelingt ihm ein großer Wurf. Der Sat.1-Justizthriller entwirft ein düsteres Bild vom gar nicht mehr so jungen Rechtsstaat BRD der Adenauerzeit

Ihren Geschichtsunterricht lassen sich die Verantwortlichen bei Sat.1 einiges kosten. Für das Fluchthelferdrama „Der Tunnel“ machten sie rekordverdächtige 17 Millionen Mark locker. Und die Produktion des Justizthrillers „Vera Brühne“, der von einem der schillerndsten Prozesse Nachkriegsdeutschlands erzählt, verschlang mit 12 Millionen immerhin mehr als das Fünffache eines durchschnittlichen TV-Filmes.

Abgesehen vom Budget weisen die beiden Projekte allerdings wenig Ähnlichkeiten auf. Während die Maulwurf-Seifenoper „Der Tunnel“ eine verbürgte DDR-Flucht nachstellte, um eine Hymne auf den goldenen Westen anzustimmen, wird im Kriminaldrama „Vera Brühne“ ein Klima tiefer Verunsicherung geschaffen: Kann das ein guter Staat sein, der solch zweifelhafte Rechtspraxis zulässt wie in jenem Hexenprozess von 1962?

Verstörende Wirkung

Regisseur Hark Bohm nutzt das historische Gerichtsverfahren, in deren Verlauf Vera Brühne und ein Mitangeklagter aufgrund fragwürdiger Indizien wegen Doppelmordes verurteilt wurden, als Grundlage für ein verschlungenes Verschwörungsszenario. Die verstörende Wirkung stellt sich vor allem deshalb ein, weil die ausladende Geschichte sich bedenklich der Gegenwart nähert, ohne zu einem befriedigenden Abschluss zu kommen.

Vor zwei Wochen gab der BND Akten zur Einsicht frei, die eine Verstrickung des Geheimdienstes möglich erscheinen lassen. Zur gleichen Zeit beauftragte der Adoptivsohn der kürzlich verstorbenen Brühne den Hamburger Staranwalt Gerhard Strate, die Wiederaufnahme des Falles durchzusetzen. – Die Kosten übernehmen freundlicherweise Bohm und sein Produzent Bernd Eichinger.

Das Engagement der Filmschaffenden scheint nur konsequent. Denn die auf nahezu fünf Stunden ausgebreitete Faktenlage lässt nur eine Lesart zu: Vera Brühne ist Opfer. Und das gleich in dreifacher Hinsicht: Opfer einer legeren Handhabung des Rechts, wo Mutmaßungen zu Beweisen umgedeutet wurden. Opfer eines Komplotts, bei dem Bonzen aus Industrie und Politik mitgemischt haben. Und schließlich Opfer einer rigiden Moralvorstellung, die jede Abweichung vom Feinripp-Sex der Nachkriegszeit sanktionierte.

Um Sex geht es in diesem Film noch beim trockenen Verlesen eines Protokolls. Denn die in verschiedenen losen Verbindungen lebende Brühne, die von den Boulevard-Blättern deliziös als „Lebedame“ beschrieben wird, befeuert die Fantasien ihrer Zeitgenossen. Und natürlich auch die Ängste vor eben diesen Fantasien. Es ist Corinna Harfouch zu verdanken, dass die Titelfigur nicht zu einer heiligen Johanna der Aufklärung stilisiert wird. Harfouch, die mit ihrem blondierten Haar an Barbara Stanwyck erinnert und mit der gleichen kargen Noblesse spielt, hält ihre Figur ambig. Ihr gelingt es, die längst zur Ikone erstarrte Brühne mit Leben zu füllen, ohne ihr das letzte Geheimnis zu nehmen. Lediglich das schlüpfrige Gefummel zwischen Harfouch und Katja Flint, die Brühnes verräterische Freundin spielt, lädt zu Voyeurismus ein.

Diese Szenen bedienen jene Altmänner-Fantasien, die in anderen Momenten schonungslos entlarvt werden. Etwa wenn Brühne vom späteren Mordopfer Praun, einem veritablen Wirtschaftswunder-Widerling, allerlei Demütigungen erfährt. Alle Szenen, die zum Mord führen, sind als Rückblenden inszeniert. Um die medialen Spiegelungen und die immer wieder minimal variierenden Zeugenaussagen deutlich zu machen, greifen bei Bohm die Erzählebenen ineinander. Das macht Sinn, denn nur so kann die Komplexität des Automatismus dargestellt werden, der Brühne unweigerlich zur „Schuldigen“ werden lässt.

Zorniger Witz

Doch manchmal scheint der Regisseur, der in der Vergangenheit eher für gut gemeintes Sozialdemokratenkino zuständig war, im Gewirr der Flashbacks selbst den Überblick zu verlieren. Wie narrative Krücken wirken da die beiden Nachwuchsjuristen, die in solchen Momenten kluge Kommentare aus dem Off absondern. Wenn die unkorrumpierbaren Rechercheure, die den Fall noch einmal aufrollen, im Bild erscheinen, grimassieren sie wie Helmut Markwort im einem Focus-Spot.

Diese grobe Geste des Investigativen muss wohl sein – ohne sie ließe sich kein Primetime-Publikum bei der Stange halten. Gerade die zermürbenden Verhöre am Anfang, in denen der Staatsanwalt (verbissen gut: Ulrich Noethen) Brühnes Mitangeklagten (bestechend banal: Uwe Ochsenknecht) penetriert, stellen den Zuschauer auf eine harte Probe. Doch wer den ersten Teil durchhält, wird im zweiten belohnt: Da entwickelt sich „Vera Brühne“ eine ganze Stunde lang zu einem bestechenden Courtroom-Drama, das mit zornigem Witz zeigt, wie das Rechtsempfinden des Dritten Reiches unter bundesrepublikanischen Roben weitergedeihen konnte. Trotz kleiner Fehler: ein großer Wurf.