Geysire des Wahnsinns

Fridrik Thor Fridrikssons Film „Engel des Universums“ erzählt vom Abgleiten eines isländischen Sonderlings

Über 80.000 ZuschauerInnen hatte dieser Film bereits in Island. Das heißt: Immerhin jeder dritte Einwohner des Landes sah die Geschichte vom Fall des unglücklichen Paul. In dessen Kopf schwirren eigenartige Gedanken herum. Wenn sie schließlich hervorsprudeln, verursachen sie bei seinen Gegenübern Verblüffung und eine gewisse Ratlosigkeit.

Erst sprudeln Pauls Gedanken sanft und ernten liebevolles Kopfschütteln: „Du bist ja ein Poet . . .“

Doch irgendwie verstärken sich die Eigenartigkeiten, als sich Paul verliebt, unglücklich verliebt in eine Tochter aus besserem Hause. Die Auffälligkeiten steigern sich, aus dem Sprudel wird sozusagen ein kochender Geysir, der schließlich mitsamt Paul in die Psychiatrie eingewiesen wird. „Kleppi“ nennen die Isländer liebevoll ihre Klapsmühle, die ziemlich hübsch gelegen ist, zwischen einer Ansammlung der im Land so raren Bäume und dem sehr kalten Meer. Fridrik Thor Fridriksson erzählt in „Engel des Universums“ mit wunderschönen, sanften Bewegungen die Geschichte des allmählichen Abgleitens von Paul in eine andere Wirklichkeit, die sich gelegentlich auf überraschende Weise mit den Gewissheiten der Vernunft kleine Scharmützel liefert.

Selbst schrille Figuren wie Kleppi-Insasse Victor, der sich für Hitler beziehungsweise einen Übermenschen hält, oder der Musiker Óli Beatle, der davon überzeugt ist, dass eigentlich er alle Beatlessongs komponiert hat, sind so gezeichnet, dass sie glaubwürdig, ja irgendwie fast unschrill und sympathisch werden. In ihnen verkörpert sich der ganze Wahnsinn der Welt, und sie müssen ihn tragen, ganz allein.

Dass die Grenze zwischen Realität und dem, was als Gegenteil davon bezeichnet wird, in Island eine ganz spezielle eigene Note erhält, wird ganz beiläufig deutlich, wenn Óli Beatle zum Besuch des Staatsoberhaupts aufbricht. Óli möchte ein neues Betätigungsfeld, einen neuen Job – nämlich den des Präsidenten. Bei Fridriksson ist alles echt: Das Haus des Präsidenten genauso wie das Haus, in dem die Psychiatrie untergebracht ist. In Island werden dafür nicht extra Filmkulissen gebaut, zu teuer, zu umständlich, nicht nötig. Nun, der Präsident im Amtssitz des Präsidenten ist jedoch nicht echt, er ist Schauspieler, genauso wie Paul, der von Ingvar Eggert Sigurdsson wunderbar verkörpert wird.

Ganz normale Elfen

Draußen glauben die Menschen an das fröhliche Treiben von Elfen und Trollen – jedenfalls 52,3 Prozent der Einwohner Islands – während in Kleppi die Insassen mit ihren ganz persönlichen Glaubensmodellen und Ansichten isoliert sind. Eine haarsträubende Ungerechtigkeit – das weiß auch irgendwie der Direktor der Anstalt. So sollen denn doch einmal die Pforten geöffnet werden für das Dreiergespann aus Adolf Victor, Óli Beatle und Paul: ein pflegerloser Tag im Freien. Die Resozialisierungsmaßnahme indes gerät zum Desaster, einem tragikomischen.

Die wahre Geschichte

Das dem Film zu Grunde liegende Buch des Schriftstellers Einar Már Gudmundsson basiert auf einer wahren Geschichte, einer tragischen ohne Happy End. „Engel des Universums“, das ist nämlich die Geschichte und Hommage an den schizophrenen Bruder des Buchautors, der auch ein guter Freund des Regisseurs ist. Und es ist schon eine sehr erstaunliche Leistung von Fridrik Thor Fridriksson, dieses gar nicht so lang zurückliegende Geschehen mit seinen Doppelgängern in Film und Wirklichkeit so umgesetzt zu haben, dass es eine Geschichte für alle geworden ist, die sich für diese Realitäten interessieren und für die Wechsel und Überschneidungen zwischen ihnen.