DIE DEBATTE ÜBER 1968 VERKLEISTERT DEN BLICK NACH VORN

Schluss mit der Nostalgie!

Für mich Ost-Idioten war es eine Zeit lang ganz lustig zu erfahren, wer sich wann wie in welchem 68er-Bett räkelte. Wie groß welcher Stein war, der aus welcher Hand in welche Richtung flog. Aber jetzt reicht es. Nicht nur dass die aktuelle 68er-Debatte politisch irrelevant ist. Sie ist auch reaktionär – ein melancholischer Versuch, die alte Bundesrepublik zu restaurieren. Die westdeutsche Elite scheint nicht wahrhaben zu wollen, dass auch „ihr“ Staat am 3. Oktober 1990 untergegangen ist.

Momentan praktizieren die Westdeutschen genau das, was sie der ostdeutschen Elite lange Zeit richtigerweise vorgeworfen haben: den Blick nach vorn mit dem Gestern zu verkleistern. Natürlich können gerade Ostdeutsche dieses melancholische Revue-passieren-Lassen vergangener Zeiten gut nachvollziehen. Gleichzeitig wissen sie aber aus der eigenen Erfahrung, dass diese Nostalgie zwangsläufig in Sprachlosigkeit mündet – weil sie Kraft bindet, die für die Bewältigung der Gegenwart gebraucht wird. Nicht, dass dies falsch verstanden wird: Die Ergebnisse von 68 weiß ich wohl zu schätzen. Lange Zeit prägte diese Emanzipationsleistung meine Vorstellung vom Weg in eine erstrebenswerte Gesellschaft. Gerade deshalb ist es wichtig, von Zeit zu Zeit zu prüfen, was von den einstigen Realachtundsechziger-Errungenschaften noch vorhanden ist. Das allerdings ist etwas anderes als der seit Wochen anhaltende „Klärungsprozess“ zu einzelnen politischen Biografien.

Man mag zu Recht anführen, dass diese Debatte nicht die Linke, sondern das konservative Lager angezettelt hat. Aber die Linke hat sich mit Freude darauf eingelassen – und suhlt sich seitdem in 33 Jahre alter Revolutionsromantik. Schluss damit! Die gegenwärtige Situation bietet der Linken beste Chancen, erneut die politische Meinungsführerschaft zu erringen. Mögen die anderen Fragestunden einberufen, in 68er-Betten wühlen, Fotos rauskramen, Biografien auswerten – die besten Antworten auf solcherlei politische Vergangenheitsfledderei sind die auf die Fragen der Zukunft.

Wie soll Gesellschaft umgehen mit der ungezügelten Macht der Kapitalströme, dem Klimakollaps, der technischen Reproduzierbarkeit von Leben? Nach vorne denken wird der Linken nur gelingen, wenn sie akzeptiert, dass Dresden mitten in Deutschland liegt. Dass die ostdeutsche Realität ihre eigenen Handlungsspielräume heute sehr viel mehr bestimmt als 33 Jahre alte Steinwürfe. Dass sich die deutsche Geschichte zuletzt 1989 bewegt hat. Und dass 1968 zwar prägend für viele Biografien war – aber eben seit mehr als einer Generation vorbei ist. NICK REIMER