Mit 20 an Karl Marx glauben?

Schlauch und Fischer belächeln die heutige Jugend. Angeblich ist sie „Mainstream“. Aber was soll eine Revolution noch? Pragmatismus kommt auch ans politische Ziel

Es war der Joschka Fischer höchstpersönlich, der dem teils erstaunten, teils erschreckten Publikum in einer Diskussion mit „Generation Golf“-Autor Florian Illies den Unterschied zwischen der heutigen politischen Generation und den so genannten 68ern deutlich machen wollte: „Bei uns ging es um die Veränderung der Gesellschaft und des Staates. Heute diskutieren 20-jährige Anzugträger über so spannende Dinge wie die Rentenreform.“ Der einstige Revolutionär sprach vor grünen Politikern im Alter zwischen 20 und 30 Jahren – jene Altersgruppe übrigens, bei der Fischer innerparteilich wohl die meiste Unterstützung erwarten kann. Die Zuhörer durften aus dem bissigen Spott schließen: Der Außenminister hält die „Jungschen“ in der heutigen Politik und in seiner Partei im besten Fall für unpolitisch.

Mit 17 dachte ich mir, dass die Umsetzung von Marx allenfalls eine belächelnswerte Utopie ist

Auch Rezzo Schlauch ließ sich kürzlich zu einer bemerkenswerten Aussage hinreißen. Während des Fischer-Tribunals, das Union und FDP im Bundestag inszeniert hatten, bekannte der lebensfrohe Fraktionsvorsitzende: „Gegen diese Mainstream-Biografien sind wir doch immer aufgestanden.“ Mit wir waren wohl die 68er gemeint. Werde ich – dereinst in Schlauchs Alter angekommen – auf eine Mainstream-Biografie zurückblicken müssen? Schlauch und andere Revolutionsgenossen würden dies wahrscheinlich bejahen: Mit 17 habe ich mir im Geschichtsleistungskurs gedacht, dass die Umsetzung der Theorien von Marx allenfalls einen belächelnswerte Utopie ist.

Mit 20 bin ich den Grünen beigetreten; ich wollte Politik mit dem und nicht gegen das politische System machen, in dem mir selbst die einstige „Anti-Parteien-Partei“ längst und endlich angekommen schien. Mit 22 habe ich entschieden, (Partei-)Politik in den beruflichen Mittelpunkt zu stellen. Ich nahm das Angebot an, Sprecher der nordrhein-westfälischen Grünen zu werden. So verbringe ich mein drittes Lebensjahrzehnt hoffentlich nicht mit „der Verbreitung von romantischer Gesinnungsethik und ökologischer Volksgeistmystik“ (Peter Glotz).

Mit diesem sehr kurzen, aber doch schnellen politischen Lebenslauf habe ich mich – wie Schlauch weiter ausführte – auf die Seite derer gestellt, die „sich in gesellschaftliche und politische Mehrheiten einreihten, die Ja gesagt haben, zu dem, was sie vorfanden“. Wenn nicht im tagespolitischen, so doch mit Sicherheit im systemischen Sinne. Fischers Spott über den eigenen politischen Nachwuchs und Schlauchs Mainstream-Aussage könnte man in unzählige Beispiele einreihen, die ein Dilemma offenbaren, in dem die 68er schon lange stecken und das ihnen in der jüngsten Debatte um die wilden Siebziger vor allem bei den jungen Generationen Sympathien kostet: Sie machen – wie so viele vor ihnen – den Fehler, ihren Weg als, wenn auch nicht den grundsätzlich richtigen, so doch zumindest den einzig legitimen anzusehen.

Als junger Mensch, so ist es bei Fischer und Konsorten zwischen den Zeilen zu verstehen, muss man linksradikal sein, damit aus einem was wird. Dahinter steckt der stille Vorwurf, Biografien wie meine – von denen es bei den Grünen mittlerweile einige gibt – seien unpolitisch, konformistisch, gar karrieristisch. Sind sie nicht. Der Pragmatismus, mit dem heute viele Angehörige der „Sendung-mit-der-Maus-Generation“ in die Politik gehen, ist – bezogen auf die inhaltlichen Ziele – mindestens genauso effizient wie die Systemkritik der 68er. Wahrscheinlich wird meine Generation deswegen nicht in den Geschichtsbüchern landen. Aber: Wir machen mit den gleichen Ansprüchen Politik wie die Dutschke-Generation – nur unter anderen Voraussetzungen. Und vor allem: mit anderen Mitteln.

Schlauchs Unterstellung, dass die Studenten von heute unter „veränderten materiellen Voraussetzungen“ wieder den Weg auf die Straße fänden, darf getrost angezweifelt werden. Man kann durchaus mit „Business-Plänen und Case-Studies ringen“ (wie Glotz die heutigen Studenten kategorisiert) und sich trotzdem für Freiheit, Gerechtigkeit und Ökologie einsetzen. Denn, Herr Außenminister: Eine vernünftige Rentenreform kann die Gesellschaft für meine Generation mindestens genauso nachhaltig und positiv verändern, wie es eine Hausbesetzung für die Ihre konnte.

Vielleicht sind wir tatsächlich die Generation der politischen Mainstream-Biografien – im allerbesten Sinne: Denn man muss nicht mit 20 an den Sozialismus glauben, um als Fraktionsvorsitzender 30 Jahre später durchaus vernünftige, aber eben doch marktwirtschaftliche Mittelstandspolitik zu betreiben. Man muss auch nicht erst als Außenminister den Anzug als angemessenes Kleidungsstück entdecken. Man muss nicht die Institutionen erst in Frage stellen, um dann den Marsch durch sie zu beginnen. Der 68er Klaus Hartung sprach wohl vielen der alten Genossen aus der Seele, als er kürzlich in der Zeit verkündete, froh zu sein, dass aus seinen „Phrasen von damals nie Wirklichkeit wurde“. Viele Gleichaltrige werden mit mir froh sein, diese Phrasen erst gar nicht gedroschen zu haben.

Sicher wird es auch in meiner Generation Menschen geben, die Anzug tragen, um möglichst schnell in die Parlamente oder auf hoch dotierte Jobs zu kommen. Das ist die Gefahr des Mainstreams. Aber nicht erst das Beispiel Horst Mahler zeigt, dass auch die hochgejubelt-gebrochenen Biografien der 68er in die Irre führen können. Um nicht missverstanden zu werden: Ich bin froh, dass es die 68er gab. Vieles von dem, was Fischer, Trittin und Konsorten zu Recht als Errungenschaft ihrer Generation deklarieren, macht es meinen Altersgenossen einfacher. Erst recht bin ich froh, dass Leute wie Schlauch Vorsitzender einer Regierungsfraktion und Fischer, die gebrochene Biografie par excellence, Außenminister sein können.

Dank Fischer & Co. kann ich heute über die Rente diskutieren, statt gegen den Staat zu demonstrieren

Die grotesken Vorwürfe – bis hin zum politisch motivierten Ermittlungsverfahren – dienen nicht der Aufklärung von 1968, sondern der Rache für 1998: Angela Merkel, Friedrich Merz und Laurenz Meyer – flankiert von Bild, Welt und anderen Kampfgenossen aus vergangenen Zeiten – versuchen zwar verbittert und heuchlerisch, die Veränderungen von 1968 in ihr Gegenteil zu verkehren. Das zeigt: Sie sind nicht in der Republik des Willy Brandt angekommen.

Wir als zweite grüne Generation sind aber in dieser Republik gelandet – auch weil wir die alten Kämpfe nicht mehr führen müssen. Vielleicht ist gerade dies das Verdienst der 68er: dass wir nicht erst in die Verlegenheit kommen, System und Staat als Ganzes in Frage stellen zu müssen. Die 68er sollten uns dieses Privileg zugestehen. Sie sollten aufhören, uns als unpolitisch zu belächeln, nur weil wir nicht in Turnschuhen im Parlament erscheinen. Ich danke Fischer und anderen dafür, dass ich heute über die Rente diskutieren kann, statt mit Mao unter dem Arm gegen meinen Staat demonstrieren zu müssen. Es gehört zu den Errungenschaften der vorletzten deutschen Revolutionsgeneration, dass wir heute unsere Mainstream-Biografien leben können.

MICHAEL ORTMANNS