Jetzt droht die digitale Spaltung

Im Jahr 2003 werden nach einer Studie 20 Millionen Deutsche ohne Internet-Anschluss sein. Die Wirtschaft sieht Gefahr für den Standort Deutschland und die Chancengleichheit. Bertelsmann-Stiftung und der „Stern“ bieten jetzt VHS-Kurse an

von MATTHIAS SPITTMANN

Ein Viertel der Bevölkerung Deutschlands droht von der Informationsgesellschaft dauerhaft abgehängt zu werden. Allen Aktivitäten zum Trotz werden im Jahr 2003 noch über 20 Millionen Bundesbürger keinen Zugang zum Internet haben oder zumindest keinen Vorteil in der Nutzung des Netzes sehen. Das geht aus einer Studie hervor, die die Initiative zu Förderung der Informationsgesellschaft „D 21“ gestern in Berlin vorstellte.

Erwin Staudt, Vorsitzender der Initiative und Chef von IBM Deutschland, forderte, die Entwicklung des Internets wie ein Unternehmen zu managen. Die vielen Programme zur Förderung der Netznutzung müssten effizienter koordiniert werden. Im internationalen Vergleich wird Deutschland im Mittelfeld unter der Kategorie „Land im Aufbruch“ eingeordnet. „Wir haben zu viele Ziele, zu wenig Erfolgskontrolle und noch immer mehr Projekte als Computer in den Schulen“, sagte Staudt. Die Initiative D 21 habe 800 Schulen mit Rechnern ausgestattet, die Telekom AG zusätzlich 11.000 Schulen Internet-Anschlüsse gebracht. Bei insgesamt 40.000 Schulen sei aber der Staat gefordert.

Schüler und Auszubildende mit Internet-Erfahrung könnten „daraus Vorteile für ihre schulische Entwicklung ziehen“. Sie können sich Informationen für Hausarbeiten oder Referate direkt aus dem Netz holen.

Für benachteiligte Bevölkerungsgruppen wie Arbeitslose und Rentner müsse es besondere Förderprogramme geben. Internet-Zugänge sollten für jedermann bezahlbar werden und die Inhalte so erweitert werden, dass sich ein Nutzwert für alle ergebe. Öffentliche Bibliotheken sollten freie Netznutzung anbieten.

„Internet muss in der Schule anfangen“, forderte der IBM-Chef. Denn die „digitale Spaltung“ Deutschlands drohe die Chancengleichheit in der Ausbildung zu untergraben und langfristig den Standort Deutschland zu gefährden. Kenntnisse im Umgang mit dem Internet gelten nach der Studie immer mehr als Schlüsselqualifikation auf dem Arbeitsmarkt, auch für netzfremde Berufe. Einzelne Banken bieten inzwischen bestimmte Angebote wie Konten oder Aktiendepots nur noch online und meist zu deutlich besseren Konditionen an.

Menschen mit geringer Schulbildung sind selten im Netz zu finden. Akademiker haben nach der Studie deutlich häufiger Internet-Zugang als Menschen mit Hauptschulabschluss. Auch ältere Menschen zeigen sich scheu: Knapp 20 Prozent aller Surfer sind zwischen 14 und 19 Jahre alt und nur etwa 3 Prozent über 60. Auch Frauen haben noch Probleme mit dem Netz: 35 Prozent der deutschen Männer sind „drin“, aber nur 22 Prozent der Frauen. zudem gibt es starke Unterschiede in der Internet-Nutzung zwischen Stadt und Land – sie ist in Großstädten etwa dreimal so hoch wie in kleinen Gemeinden. Die informationstechnische Abkopplung der Dörfer dürfte mit Einführung neuer, leistungsstarker Übertragungstechniken wie dem neuen High-Speed-Standard ADSL noch zunehmen, da deren Installation sich nur bei hoher Bevölkerungsdichte rechnet.

Zeitgleich startete gestern die Bertelsmann-Stiftung eine Initiative mit dem Magazin Stern und über 500 Volkshochschulen. Ab September bieten sie Kurse unter dem Motto „Internet für Einsteiger“ an. Besonders die Zielgruppe der über 50-Jährigen liegt der Schirmherrin Rita Süssmuth dabei am Herzen. Süssmuth betonte, das Internet sei „für alle da“ und müsse dementsprechend auch für alle erlernbar und zugänglich sein.

www.initiatived21.de

www.internet-fuer-einsteiger.org