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Eine Oper durchlöchert den Mythos Paavo Nurmi

Der Ausdauer-Kapitalist

Es gibt Dinge, über die spricht man nicht. Nicht, wenn sie mit Geld zu tun haben. Und schon gar nicht, wenn sie einen Volkshelden in ein schlechtes Licht stellen könnten.

So auch bei Paavo Nurmi: Der finnische Mittel- und Langstreckenläufer (1897–1973) gelangte zu Weltruhm, als seine Heimat Helden dringender denn je benötigte. Es war 1920, Finnland hatte erst drei Jahre zuvor seine Unabhängigkeit vom Riesenreich Russland erstritten, da lief „der fliegende Finne“ erstmals allen davon. Nurmis Bilanz nach den Olympiaden von Antwerpen (1920), Paris (1924) und Amsterdam (1928): neun Goldmedaillen und 22 offizielle Weltrekorde über 1.500, 5.000 und 10.000 Meter.

Fragt man einen Finnen, wofür Nurmi steht, dann lautet die Antwort: „sisu“. Sisu, das bedeutet Selbstdisziplin, aber auch Kampfkraft, Ausdauer und Siegeswillen. Paavo Nurmis „sisu“ hatte eine Kehrseite. Doch darüber sprach man in Finnland nicht. Bis letzte Woche. Denn ausgerechnet eine dem laufenden Wunder gewidmete Oper (Kostenpunkt: umgerechnet fast 2,7 Millionen Mark) bringt die Widersprüche in Nurmis Charakter auf den Punkt. Ihr Titel: „Paavo der Große. Sein großer Lauf. Sein großer Traum.“ Die Autoren: der 70-jährige Lyrik-Altmeister Paavo Haavikko und der 30-jährige Komponist Tuomas Kantelinen. Aufführungsort: das Olympiastadion von Helsinki. Finnlands Hauptstadt ist in diesem Jahr eine von neun europäischen Kulturhauptstädten.

Im Mittelpunkt des Dreiakters stehen Paavo Nurmis Ehrgeiz und seine, auch materielle Gewinnsucht. In Sportkleidung erscheint der Läufer, gespielt von dem schwedischen Bariton Gabriel Suovanen, nur kurz. Ganz der Geschäftsmann, trägt er einen eleganten hellen Anzug. Aus ärmlichen Verhältnissen stammend, macht Nurmi das Laufen zu seinem Kapital. Zeit ist für ihn bares Geld. In der ganzen Welt läuft der begehrte Star Rennen. Und verdient daran nicht schlecht. Auch seiner Heimat kommen die Leistungen zugute.

Die Amerikaner sehen in Nurmis Spitzenleistungen ein Symbol für den Aufstieg Finnlands und gewähren dem skandinavischen Staat Darlehen. Ironie der Geschichte: Ausgerechnet die US-Gelder bringen Nurmi schließlich zu Fall. 1932 schließt ihn die International Amateur Athletics Federation (IAAF) von der Teilnahme an der Olympiade in Los Angeles aus. Der Vorwurf: Nurmi habe Startgeld kassiert.

In Haavikkos und Kantelinens Oper wird Paavo Nurmi zum Leichtathletik-Faust. Seine Seele verkauft er an den Profisport. Er will übermenschliche Leistungen erbringen, will „Zentaur“ sein, „halb Mensch, halb Pferd“. Seine Ehe geht daran zugrunde, er wird zum unnahbaren Einzelgänger. Sein Mephisto ist der Sportfunktionär und spätere finnische Präsident Urho Kekkonen, gespielt vom Tenor Seppo Ruohonen. Er überredet Nurmi, das finnische Läuferteam für Olympia in Nazi-Deutschland zu trainieren. Im Gegenzug verspricht er, die Olympiade von 1940 nach Helsinki zu holen. Nurmi willigt ein, doch sein Traum vom Sieg auf heimischem Boden endet in einem Armageddon: Das Stadion geht in Flammen auf, ein russischer Panzer richtet seinen Lauf auf die Opernbesucher, die Musik wird vom Lärm eines Helikopters überdröhnt.

Das Schlussbild: Verwüstung pur. Verbrannte Erde, angekohlte Kreuze wie auf einem Friedhof. In der Mitte, auf einem Hügel: der traurige Held, Paavo Nurmi. Mit einer Schaufel durchpflügt er den Boden, als wolle er seinen eigenen Ruhm begraben.

„Nurmi war ein widersprüchlicher Charakter“, urteilt die größte finnische Tageszeitung Helsingin Sanomat. Aber sie spart auch nicht mit Kritik an den Sportfunktionären: „Wenn Nurmi noch lebte, könnte er fragen, wie es heute um die Moral der olympischen Götter bestellt ist.“

Das Stadion von Helsinki wird in der Sportoper zum Ort des nationalen Traumas. Gebaut für die Spiele von 1940, die nie stattfanden, wurde es erst bei der Olympiade von 1952 eingeweiht. Sie begann mit einer Sensation: Ein kahlköpfiger 55-Jähriger lief plötzlich als Fackelträger ins Stadion ein. Sein Schritt war dem Publikum noch allzu bekannt. Chaos brach auf der Aschenbahn aus. Zuschauer und Athleten strömten herbei, um einen letzten Blick auf den legendären „König der Läufer“ zu erhaschen. Nurmis Glanz war schon 1932 erloschen. Doch der Mythos Paavo Nurmi lebte immer noch. STEPHANIE LOB