„Wir bereiten den Krieg völlig einseitig auf“

Tribunal-Organisatorin Laura von Wimmersperg und Tribunal-Vorsitzender Norman Paech wollen mit voller Absicht eine radikale Gegendarstellung zum Haager UN-Tribunal

taz: Viele Opfer der Nato-Bomben, die über Jugoslawien abgeworfen wurden, waren albanischer Nationalität. Wie kommt es, dass Sie keinen einzigen Kosovo-albanischen Zeugen haben?

Laura von Wimmersperg: Wir haben uns während des Krieges mit unseren Mahnwachen und anderen Aktivitäten sehr bemüht, Kontakt zu hier lebenden Albanern zu bekommen. Leider haben sich sogar die, die sich auch als Opfer fühlten, immer von uns bedroht gefühlt. Aber wir haben da viel unternommen und müssen uns gar nichts vorwerfen. Zudem gibt es hier in der Stadt eine Gruppe von sehr aggressiven albanischen Akademikern, von denen wir befürchtetet hatten, dass die sich hier einstellen würden. Ich bin sehr froh, dass wir die nicht hier haben. Aber wir machen dieses Tribunal nicht, um die einen oder die anderen als die Guten oder Schlechten darzustellen. Unser Tribunal richtet sich gegen den Völkerrechtsbruch der Nato. Wenn Albaner hätten aussagen wollen, dann hätten wir die selbstverständlich mit dazu genommen.

Auf dem Podium sitzen mehrere Vertreter des „Slawischen Bundes“, einer Organisation, die das Vorgehen Russlands in Tschetschenien gutheißt. Wie verträgt sich das mit dem Anspruch Ihres Tribunals, die Menschenrechte zu verteidigen?

Norman Paech: Ich habe das Podium nicht ausgesucht, sondern bin hier genauso eingeladen wie die Vertreter des Slawischen Bundes. Aber das hier ist auch kein Tribunal über Tschetschenien, genauso wenig wie es ein Tribunal über die serbischen Verbrechen ist. Das wir sie hier nicht benennen heißt nicht, dass wir sie nicht zur Kenntnis genommen hätten oder rechfertigten. Wir haben uns hier einer Lücke angenommen, die in der hiesigen Öffentlichkeit besteht und auch weiter bestehen wird – gerade hat Carla Del Ponte, die Vorsitzende des UN-Tribunals in Den Haag, ja erklärt, dass sie sich nicht mit den Kriegsverbrechen der Nato beschäftigen wird. Wir haben also nur eine Kompensationsfunktion. Wir berichten über einen Krieg, der sonst völlig in Vergessenheit geraten würde, und bereiten ihn völlig einseitig auf.

Seit 1991 sind durch die Kriege, die Milošević’ Serbien angezettelt hat, in Jugoslawien etwa 160.000 Menschen getötet worden. Im Kosovokrieg gab es nach serbischen Angaben zwischen 2.000 und 10.000 Tote. Planen Sie ein Tribunal gegen Serbien?

Laura von Wimmersperg: Nein, wir planen kein solches Tribunal, wir können als Friedensbewegung so etwas nur einmal leisten. Es geht doch um die Zukunft: Während des Krieges waren wir eine absolute Minderheit. Dabei waren die Menschen nicht für den Krieg, sondern sie waren total verunsichert aufgrund der widersprüchlichen Informationen aus der Presse. Wir wollen die Aufmerksamkeit darauf lenken, wie dieser Krieg geführt worden ist – und was uns bevorsteht, wenn Kriege in dieser Weise in Zukunft geführt werden.

Norman Paech: Ich habe einen anderen Grund: Das Den Haager Tribunal untersucht die serbischen Kriegsverbrechen in Kroatien, in Bosnien und im Kosovo. Ich bin sicher, dass wird eine umfassende Untersuchung werden. Wir versuchen nur, mit schwächsten Mitteln auch zu sehen, was die Nato dort getan hat.