Gesundheit aus eigener Hand

Vor 25 Jahren wurde das bundesweit erste Frauengesundheitszentrum gegründet: Wo früher der eigene Körper erforscht wurde, wird heute professionell beraten  ■   Von Sabine am Orde

Bei Bettina Merten* ist vor zehn Tagen ein Myom diagnostiziert worden, eine gutartige Geschwulst in der Gebärmutter. „Meine Frauenärztin hat gesagt, das Myom muss raus und die Gebärmutter wahrscheinlich gleich mit“, sagt Merten, stockt einen Moment und nimmt dann einen Schluck aus ihrer Teetasse. „Ich war so geschockt, daß ich gar nicht fragen konnte, ob das wirklich nötig ist.“ Um das herauszufinden, sei sie jetzt hier.

Gemeinsam mit drei anderen Frauen, die ebenfalls Myome haben, sitzt die Dreißigjährige auf einem der hellen Sofas rund um den Couchtisch im Beratungsraum des Feministischen Frauen Gesundheitszentrums (FFGZ), das im ersten Stock eines Altbaus im Berliner Bezirk Schöneberg residiert.

Eine Frau nach der anderen beschreibt ihre Diagnose und ihre Fragen zum Thema Myome. Geduldig hört sich Heidi Bommer, Heilpraktikerin und Mitarbeiterin des FFGZ, die Beiträge der Frauen an. „Ich erkläre jetzt, was Myome sind und welche Behandlungsmethoden es in der Schulmedizin, der Naturheilkunde und der Selbsthilfe gibt“, sagt sie dann. „Wer Fragen hat, unterbricht bitte sofort.“

Heidi Bommers Gruppenberatung ist typisch für die Arbeit des FFGZ. Bei Themen von Abtreibung über Blasenschwäche und ungewollte Kinderlosigkeit bis zu Vaginalinfektionen bieten die FFGZ-Frauen Informationen und Entscheidungshilfen für Rat suchende Frauen an. Sie verstehen ihre Arbeit als Ergänzung und Kritik an der „Drei-Minuten-Medizin“ niedergelassener GynäkologInnen. „Wir wollen den Frauen die unterschiedlichen Behandlungsmöglichkeiten aufzeigen und ihre Lebenssituation mit einbeziehen“, sagt Mitarbeiterin Martina Schröder. „So soll die Eigenkompetenz der Frau gestärkt werden.“

Dieses Konzept verfolgen die Frauen des FFGZ, das in dieser Woche Geburtstag feiert, seit 25 Jahren. „Heute sind wir eine professionelle Beratungseinrichtung“, sagt Schröder und lacht, „auch wenn Politik noch immer eine wichtige Rolle spielt.“

Vor 25 Jahren sah das noch anders aus. Angefangen hat alles im November 1973. Damals kamen zwei Frauen der US-amerikanischen Frauengesundheitsbewegung nach Berlin und führten vor 400 Frauen eine vaginale Selbstuntersuchung durch. „Das war ein Aha-Erlebnis für alle“, erinnert sich die heutige Sozialpädagogik-Professorin Dagmar Schultz, eine der Mitbegründerinnen des FFGZ. „Wir stellten fest, dass die meisten Frauen keine Ahnung davon hatten, wie sie von innen aussehen.“

Noch an diesem Abend bildeten sich mehr als 30 Gruppen, die sich mit Hilfe von Plastikspekulum, Spiegel und Taschenlampe gemeinsam an die Selbsterforschung machten. Die bundesdeutsche Frauengesundheitsbewegung, die zunächst Selbstuntersuchung und Selbsterfahrung verknüpfte, war geboren und wurde schnell zu einer öffentliche Provokation. Denn die Frauen erforschten nicht nur die tabuisierten Bereiche ihres eigenen Körpers, sie eigneten sich damit auch ein Wissen an, das damals vollständig in den Händen der Ärzteschaft lag.

Eine der Gruppen ging über die Selbsterfahrung hinaus: Sie bot verschiedene Kurse an einer Volkshochschule an, organisierte Veranstaltungen und Straßenaktionen gegen das Abtreibungsverbot. „Es entwickelte sich eine unglaubliche Aufbruchsstimmung“, erinnert sich Dagmar Schultz. „Die Frauen stürmten zu Hunderten in die Volkshochschule, sahen sogar durch das gläserne Oberlicht der Tür in den Raum hinein. Wir legten uns im Kursraum auf die Tische: Bitte, ihr könnt mal gucken.“

Ein knappes Jahr nach dem Auftritt der beiden Amerikanerinnen gründete die Gruppe das bundesweit erste Frauengesundheitszentrum, das Berliner FFGZ. Bald folgten Einrichtungen in anderen Städten. Heute gibt es bundesweit über 20 Frauengesundheitszentren, 3 davon in den neuen Bundesländern.

Die Frauen vom Feministischen Gesundheitszentrum nehmen sich Zeit und treffen den richtigen Ton

Sexualität, Erfahrung mit Frauenärzten, Verhütung, Abtreibung, Menstruation und gynäkologische Erkrankungen sollten, so der politische Anspruch der frühen Aktivistinnen, aus dem Privaten herausgeholt und in einen gesellschaftlichen Zusammenhang gestellt werden – die Unterdrückung und Benachteiligung von Frauen. Wichtiges Medium dazu wurde schnell die Zeitung CLIO, die 1976 erstmals erschien und bis heute die einzige deutschsprachige Zeitschrift zum Thema Frauengesundheit ist.

Darin stellte das FFGZ das Monopol von Schulmedizin und Pharmaindustrie auf die Behandlung von Frauen in Frage. So suchten die Frauen nach gesundheitsverträglichen Verhütungsmethoden als Ersatz für Pille und Spirale und machten Anfang der 80er Jahre das Diaphragma und die kleinere Portiokappe als Verhütungsmittel wieder bekannt.

Wie provokant die Arbeit der Gesundheitsfrauen war, zeigt eine Reaktion im Ärzteblatt von 1979: Unter dem Titel „Von Feministinnen, Hexen, Kräutern und Gynäkologen“ warnte das Organ vor den FFGZ-Frauen als „Prototyp einer aggressiv-politisch, destruktiv wirkenden Minderheit“.

Seitdem hat sich in der Zusammenarbeit mit der Gynäkologie vieles geändert: Zwar kennen noch immer zahlreiche Berliner ÄrztInnen das FFGZ nicht, andere aber schätzen die Zusammenarbeit: „Die Frauen dort füllen eine Lücke, die Gynäkologen nicht abdecken können und vielleicht auch nicht wollen“, urteilt Hans-Joachim Koubenec, der die Brustkrebs-Sprechstunde am Krankenhaus Moabit leitet. Wichtig sei das FFGZ für Frauen mit hohem Beratungsbedarf. „Die Frauen nehmen sich Zeit und treffen den richtigen Ton“, sagt Koubenec.

Ähnlich sieht es die Frauenärztin Regina Lutterbeck, Beauftragte der Ärztekammer für Frauenheilkunde. „Gynäkolgen sind nun einmal schulmedizinisch ausgebildet“, sagt Lutterbeck, „da ist es umso wichtiger, dass es für manche Frauen eine ergänzende Beratung gibt.“ Das ist inzwischen sogar wissenschaftlich untermauert. Eine Studie im Auftrag der damaligen Frauenministerin Claudia Nolte (CDU) stellt fest: Frauengesundheitszentren seien eine „wichtige Ergänzung im Bereich der Gesundheitsvor- und fürsorge für Frauen“.

Im Berliner Frauengesundheitszentrum werden jährlich etwa 1.000 Frauen beraten, weitere nutzen das Archiv oder die Erfahrungsberichte über die hiesigen GynäkologInnen. Im Angebot sind auch Seminare, Vorträge und Beratungen in Volkshochschulen, Bezirksämtern, Schulen und Mädchentreffs. In den vergangenen Jahren kamen auch zunehmend ältere Frauen. Sie nutzen den neuen Beratungsschwerpunkt „Wechseljahre“. In diesem Jahr steht das Thema „Älter werden ist keine Krankheit“ ganz oben auf der Agenda.

Doch die FFGZ-Frauen, die seit 1983 „ganz solide“ vom Berliner Senat gefördert werden, wollen mehr sein als eine Beratungsstelle. „Die politische Arbeit bleibt wichtig für uns“, sagt Petra Bentz. Doch diese hat nichts mehr mit spektakulären Selbstuntersuchungen zu tun. „Vaginaluntersuchungen bieten wir zwar immer noch an, aber meist, wenn es um das Diaphragma oder die Portiokappe geht.“ Schließlich müssen Frauen wissen, wo die Gummikappen zu platzieren sind.

Politik findet in anderen Bereichen statt: Bei Anhörungen im Bundestag oder im Abgeordnetenhaus geben die FFGZ-Frauen Stellungnahmen ab zu Pille, Abtreibung und gesundheitlichen Folgen sexueller Gewalt. Und zu tagesaktuellen Fragen wie Abtreibungspille, vorgeburtlicher Diagnostik oder der Gesundheitsreform der grünen Gesundheitsministerin Andrea Fischer wird kritisch Stellung bezogen.

Für viele Frauen aber ist das FFGZ weniger politisches Projekt denn Serviceeinrichtung. „Ich finde den feministischen Background zwar gut“, sagt Bettina Merten, die in die Myom-Gruppenberatung gekommen ist, „aber jetzt wollte ich vor allem wissen, ob ich wirklich operiert werden muss.“

Am Freitag, 3. September, lädt das FFGZ zum Geburtstagsempfang und zur Eröffnung einer Ausstellung über die Arbeit in den vergangenen 25 Jahren.

FFGZ, Bamberger Str. 51, 10777 Berlin, Tel: (0 30) 2 13 95 97

* Name geändert