■ Der Nato-Einsatz im Kosovo ist die richtige Lehre aus Ruanda

Ein zivilisatorischer Fortschritt

Fünf Jahre ist es in diesen Tagen her, daß in Ruanda einer der blutigsten Massenmorde der Geschichte begann. Schätzungsweise 800.000 Menschen wurden in einem organisierten Völkermord an den ruandischen Tutsi ermordet. Es war eine straff organisierte Aktion, von höchster militärischer Kommandostelle geplant und von gut eingespielten Milizen ausgeführt. Die Milizen gingen von Haus zu Haus auf der Suche nach Tutsi, trieben ihre Opfer zusammen und brachten sie dann um. Ruanda gehöre den Hutu, verkündeten sie in krasser Leugnung der eigenen Geschichte und erklärten den Tutsi, sie sollten nach Hause gehen – am besten auf dem Wasserweg, als Leichen auf den Zuflüssen des Nils, der sie in ihre angebliche äthiopische Heimat zurückbringen werde.

Fünf Jahre danach sind die gleichen Methoden erneut am Werk – diesmal in Europa, beim serbischen Vernichtungs- und Vertreibungskrieg gegen die Albaner des Kosovo. Ob das Ergebnis genauso schlimm ausfallen wird, kann bislang niemand sagen – aber das Vorgehen der serbischen Milizen ist identisch und im Ziel eindeutig: Ein gut geplanter Vernichtungsfeldzug findet statt, denn Kosovo soll serbisch bleiben.

In Ruanda blieb der Westen passiv. Die UN- Truppe, die zur Überwachung eines Hutu-Tutsi- Machtteilungsabkommens im Land war, schaute dem Massaker zu und zog schließlich vollends ab. Die Großmächte weigerten sich zu intervenieren, auch als das Ausmaß des Genozids offenkundig war. Bei manchen, wie Frankreich, spielte Solidarität mit dem ruandischen Hutu-Regime eine Rolle. Bei anderen, wie den USA, war es schlichtes Desinteresse.

Heute dagegen greifen die Großmächte ein. Trotz aller Bedenken über den Sinn massiver Nato-Luftangriffe und dem Zweifel, ob die Nato eine Strategie zur Rettung der Bevölkerung des Kosovo hat, gilt: Es ist ein immenser zivilisatorischer Fortschritt von historischer Tragweite, daß die Nato-Länder militärisch gegen die Organisatoren eines möglichen Genozids vorgehen. Robin Cook und Joschka Fischer erweisen sich heute als die wahren Erben des abgelutschten Begriffs der internationalen Solidarität. Wer die Apartheid in Südafrika bekämpft habe, so Cook kürzlich, könne sie nicht in Europa zulassen. Und endlich werden hehre Worte von Taten begleitet. Zum ersten Mal in der europäischen Geschichte haben die Verfechter einer an Menschenrechten orientierten Außenpolitik, indem sie an der Regierung sind, auch die Möglichkeit zum Handeln – und nutzen sie auch: oft wenig durchdacht zwar, aber doch mit greifbaren Ergebnissen. Jede gesprengte Polizeizentrale im Kosovo ist ein Sieg für die Opfer. Angesichts dessen ist das Verhalten gewisser Teile der Linken um so krasser. Manche Leute, die noch vor zehn Jahren militärische Siege von Befreiungsbewegungen in entfernten Ländern bejubelten und deutsche Polizisten Faschisten nannten, verschließen plötzlich vor dem real existierenden Faschismus der Arkan-Milizen im Kosovo die Augen. Und demonstrieren nicht gegen den serbischen Krieg, sondern gegen die Nato. Dominic Johnson