Ein Preis in der Kategorie Mann

■ Pädophilenlobbyist? Mißbrauchsverharmloser? Wie die Zeitschrift "Emma" verhinderte, daß der Sexualwissenschaftler Helmut Kentler den "Magnus-Hirschfeld-Emanzipations-Preis" bekam. Eine Darstellung des Herga

Ende April 1997 erhielt der renommierte Hannoveraner Sozialpädagogik-Professor und Sexualwissenschaftler Helmut Kentler ein Schreiben des Landesvorstandes der „Schwusos“ in Berlin, unterschrieben von Stephen Jens Grunberg, Vorsitzender der Jury „Magnus-Hirschfeld-Emanzipations- Preis“, in dem dieser ihm erfreut mitteilte, man habe sich entschlossen, ihm den Preis in der Kategorie Mann zu verleihen (siehe taz vom 16. Mai 1997). Fünfzehn Minuten vor Beginn der Preisverleihung im Mai wird Kentler (67) am Veranstaltungsort vom Vorsitzenden eröffnet, es sei ihm sehr peinlich, aber am Vormittag sei ein Fax mit einem Artikel über ihn von der Zeitschrift „Emma“ eingegangen, das die Jury veranlaßt habe, die Preisverleihung an ihn bis zu einer sorgfältigen Prüfung „auszusetzen“. Wir dokumentieren hier Helmut Kentlers Version des weiteren Hergangs.mn

Ich kenne diesen Emma-Artikel. In Nr. 2/1997 wird unter der Überschrift „Die Schreibtischtäter“ und Fotos von Prof. Reinhardt Wolff, Prof. Rüdiger Lautmann und mir behauptet, wir würden „pädophilenfreundliche Positionen“ vertreten und ließen uns als „Täterlobbyisten“ „instrumentalisieren“. Ich sei einer der „Hauptvertreter“ der These, daß Pädophile keine „Schädiger oder Schänder“ seien. Ich würde behaupten, „päderastische Verhältnisse“ könnten sich sehr positiv auf Jungen auswirken. Auch durch „weibliche Päderasten“ entstünden nach meiner „Theorie“ „keine Schädigungen, ihr Nutzen sei hingegen groß“. Ausführlich wird dann aus meinem Buch „Leihväter“ zitiert: Ich hätte dort über ein von mir „initiiertes Projekt“ berichtet, „jugendliche Trebegänger und Stricher in ,Pflegestellen‘ bei Päderasten unterzubringen“.

Ich erklärte der Jury, ich wolle alles tun, um bleibenden Schaden von dem nach Magnus Hirschfeld benannten Preis abzuwenden; meines Erachtens resultierten die Vorwürfe des Emma-Artikels gegen mich daraus, daß zwischen „Pädophilie“ – die ich nie befürwortet hätte – und „Päderastie“ nicht unterschieden würde. Ich hätte Verständnis für die Probleme der Jury und sei bereit, den notwendigen Abklärungsprozeß zu unterstützen, indem ich sämtliche Veröffentlichungen von mir zum Thema „sexuelle Verhältnisse zwischen Erwachsenen einerseits, Kindern und Jugendlichen andererseits“ zur Verfügung stelle; die Jury hätte dann Gelegenheit, etwas nachzuholen, was sie offensichtlich bisher versäumte, nämlich, meine Veröffentlichungen wenigstens zu diesem Punkt kennenzulernen. So geschah es.Ende Juni erhielt ich einen Anruf des Vorsitzenden der Jury: Die Jury hätte eine Entscheidung gefällt, die mich „sicher nicht freuen wird“. Alle Frauen hätten sich gegen mich ausgesprochen. Herr Stephen Jens Grunberg erklärte dies damit, frau habe zwischen „Pädophilie“ und „Päderastie“ nicht unterscheiden können; außerdem aber hätte ich irgendwo geschrieben, daß es auch Mütter gebe, die ihre Söhne sexuell mißbrauchen, und das „verletze schwer den feministischen Standpunkt“. Die Jury habe sich geeinigt, daß in diesem Jahr der Preis „in der Kategorie Mann“ nicht vergeben wird. Seitdem habe ich nichts mehr gehört. Einen schriftlichen Bescheid hält die Jury offensichtlich nicht für nötig.

Mißbrauchende Mütter gibt es nicht

Was die „Pädophilie“ anbetrifft, so habe ich dazu einmal pointiert festgestellt: „Das geeignete Sexualobjekt für das Kind ist das Kind.“ Erwachsene sollen Kinder sexuell in Ruhe lassen, allein schon darum, weil die Sexualität des Kindes von der des Erwachsenen ganz verschieden ist. Kinder suchen beim Erwachsenen Körperkontakt und Zärtlichkeit – sie haben keine Ahnung vom Sexuellen. In sexuellen Beziehungen zu Kindern hat immer der Erwachsene die „Definitionsmacht“ (er weiß, wann eine Beziehung sich „sexualisiert“), und insofern besteht hier immer eine „strukturelle Gewalt“.

1988 hatte mich das Land Berlin durch die Senatorin für Jugend und Familie mit einem Gutachten beauftragt, das zum Thema hatte: „Homosexuelle als Betreuungs- und Erziehungspersonen unter besonderer Berücksichtigung des Pflegekindschaftsverhältnisses“. Dieser Gutachtenauftrag hatte folgenden Hintergrund: Bei einem schwulen Paar war für einen zweijährigen von Geburt an HIV-infizierten Jungen eine Pflegestelle eingerichtet worden, dagegen war heftig protestiert worden mit dem Tenor: Da hat das Kind schon Aids und gerät nun noch in die Gefahr, homosexuell gemacht zu werden.

In der Einleitung zu meinem gründlichen Gutachten habe ich meine eigenen Erfahrungen und mein forschungsleitendes Interesse dargestellt und dabei auch über einen Versuch berichtet, in der Zeit der „Antiheimkampagne“ drei Trebegänger vom Bahnhof Zoo bei Männern unterzubringen, die päderastisch orientiert waren. Der Versuch lief unter streng eingehaltenen Bedingungen mit Genehmigung der zuständigen Senatsrätin und war ein voller Erfolg (ich habe das genauer ausgeführt).

Im Rahmen meines Gutachtens bin ich auch der Frage nachgegangen, welche Folgen möglicherweise zu erwarten wären, falls Homosexuelle (in seltenen Fällen) doch einmal sexuelle Beziehungen mit männlichen Jugendlichen (also: über 14jährigen) hätten. Unter anderem habe ich über eine gründliche Langzeitstudie in den USA berichtet, die Folgen und Wirkungen sexueller Beziehungen von 200 schwer gestörten Jungen im Jugendalter mit erwachsenen Männern untersucht. Trotz der außerordentlich positiven Ergebnisse bemerkte ich dazu ausdrücklich, ich wolle solche Beziehungen nicht empfehlen.

Seit der Abschaffung des Paragraphen 175 und der Herabsetzung der Schutzaltersgrenze auf 16 Jahre, für die ich immer schon eingetreten bin, sind meine Ansichten zu sexuellen Beziehungen zwischen Heranwachsenden und Erwachsenen völlig konform mit unserem Sexualstrafrecht. Ich glaube darum, daß es Emma mit ihren Angriffen gegen mich tatsächlich um etwas ganz anderes geht. In Nr. 3/1997 von Emma, in der ein Rundumschlag gegen Reinhardt Wolff, Katharina Rutschky, Ernest Bornemann, Burkhard Schade, Rüdiger Lautmann usw. und auch wiederum gegen mich geführt wird, heißt es denn auch plötzlich, ich fungierte „bei Mißbrauchsprozessen häufig als Gutachter für die Angeklagten“.

Verheerende Wirkungen

In der Tat: In den letzten sechs Jahren bin ich in fast 30 Verfahren als Gutachter tätig gewesen, in denen Väter, meist auch die Mütter angezeigt worden waren, sie hätten ihre Kinder sexuell mißbraucht. Oft waren die Kinder bereits in Heimen untergebracht, und es lagen psychologische Gutachten gegen die Eltern vor. Ich habe schreckliche Fälle kennengelernt und bin sehr stolz darauf, daß bisher alle Fälle, in denen ich tätig geworden bin, mit Einstellungen der Verfahren oder sogar Freisprüchen für die Eltern beendet worden sind. Offensichtlich macht sich Emma zur Sprecherin der „Wildwasser“-, „Zartbitter“- und ähnlicher Einrichtungen und versucht mich als Gutachter unmöglich zu machen. Emma will nun einmal nicht wahrhaben, wie leicht Kinder zu Falschaussagen zu bringen sind und wie verheerend sich die oft unprofessionelle Arbeit von Mitarbeiterinnen der Beratungsstellen, vor allem von „Wildwasser“ und „Zartbitter“, in allen großen Mißbrauchsprozessen in Deutschland („Montessori“- und „Nordhorn- Verfahren“, „Worms I, II und III“) ausgewirkt haben. Mitarbeiterinnen von „Wildwasser“ sind in den Urteilen auch wiederholt gerügt worden.

In meinem Beitrag „Täterinnen und Täter beim sexuellen Mißbrauch von Jungen“ zum „Handbuch sexueller Mißbrauch“, herausgegeben von K. Rutschky und R. Wolff, habe ich auch über sexuelle Beziehungen zwischen Frauen und Jungen berichtet. Beispielsweise habe ich in der Jugendstrafanstalt Plötzensee in der Mitte der 70er Jahre mit jugendlichen Gewalttätern gearbeitet; fast ohne Ausnahme erinnerten sich die Jungen – einige hatten entsetzlich grausame Morde begangen – an „Pullerspiele“, die ihre Mütter mit ihnen bis ins Schulkindalter getrieben hatten (ihre spätere schwere Straftat stand damit in einem engen Zusammenhang). Auch über „sekundären Inzest“ (starke Abhängigkeit des Jungen von seiner Mutter, ohne eigentliche sexuelle Beziehungen) habe ich berichtet.

Ich kann nur staunend zur Kenntnis nehmen, daß ein Mann erst dann des „Magnus-Hirschfeld- Emanzipations-Preises“ würdig genug erachtet wird, wenn ihm keine Äußerungen nachzuweisen sind, die „feministische Standpunkte“ verletzen könnten; er muß mit Emma glauben, daß Männer immer potentielle Verbrecher, Frauen aber immer gut sind. Darüber hinaus gilt, daß für die Jury, die für die Vergabe des „Magnus- Hirschfeld-Emanzipations-Preises“ verantwortlich ist, die Auffassungen von Emma maßgeblich und ausschlaggebend sind.

Dabei genügt es, den Artikel in Nr. 3/1997 von Emma durchzusehen, um zu erkennen, wie Emma mit Tatsachen umgeht: Der Freispruch im „Montessori-Verfahren“ sei „nicht zuletzt auch dank der einseitigen Parteinahme“ der Spiegel-GerichtsreporterInnen Mauz und Friedrichsen zustande gekommen; Professor Burkhard Schade wird als „jener Gutachter“ bezeichnet, „der als Spezialist für Aussage-Psychologie beim zweiten ,Mainzer Kindermißbrauchsverfahren‘ ... die Glaubwürdigkeit der kindlichen Opfer bezweifeln, ihre ,Wildwasser‘-Betreuerin attackieren und damit maßgeblich den Freispruch der Angeklagten bewirken wird“; Katharina Rutschky ist, als sie auf der Tagung „Sexueller Mißbrauch“ in der Alice-Salomon-Fachhochschule in Berlin Ende Januar 1994 den Saal betrat, nicht etwa (wie in Fernsehberichten deutlich zu erkennen war) von wütenden Frauen angegriffen, gewürgt und geschlagen worden, sondern dies war eine Erfindung.

Ich bin gespannt, ob sich im Jahre 1998 noch ein Mann finden lassen wird, der bereit ist, sich von der Jury „Magnus-Hirschfeld- Emanzipations-Preis“ auszeichnen zu lassen; es wird ihn nur geben, wenn er Emma genehm ist. Wäre es da nicht redlich, den Preis umgehend umzutaufen auf Emma?

Nachdem die männlichen Mitglieder nicht geschlossen zurückgetreten sind, bleibt zu hoffen, daß wenigstens einer (Stephen J. Grunberg, stellvertretender Landesvorsitzender der Berliner Schwusos, oder Rainer-Michael Lehmann, FDP Berlin, oder Stephan Reiß, Schwule Juristen, oder Klaus Timm, Gewerkschaft ÖTV) soviel Selbstachtung hat, sich von dieser Jury zu distanzieren.