Die Nachbarn des DFB-Quartier (2)

„Eine einmalige Chance, unsere Kultur zu zeigen“

Machos, Fifa- Rebellen, Karneval - Unweit von Salvador da Bahia liegt das DFB-Quartier. Wie blicken die Einwohner auf die WM? Weitere Stimmen.

„Auch die Weltmeisterschaft ist eine gewaltige Bühne für uns.“ - Waldemar J. de Souza in seinem festlichen Gewand. Bild: Adenor Gondim/Goethe Inst.

 

Ich halte Fußball für extrem machohaft, rassistisch und homophob. Die WM wird der Welt ein realistisches Brasilien zeigen: eines, das zwar unter den zehn größten Volkswirtschaften der Welt rangiert, aber nicht in der Lage ist, seiner Bevölkerung die elementarsten Grundlagen bei Sicherheit, Transport, Bildung und Gesundheit zu garantieren.

 

Die Besucher werden ein sympathisches Brasilien sehen, das aber gleichzeitig extrem gewalttätig ist. Brasilien ist Weltmeister bei Schwulenmorden! In Brasilien sterben jährlich Dutzende von Fußballfans nach den Spielen! Die WM wird aufräumen mit Brasiliens romantischem Image im Sinne Rousseaus, dem des ,verlorenen Paradieses'. Für die ärmeren und weniger gebildeten Brasilianer wirkt eine WM wie eine Betäubung, so wie Karl Marx sie einst beschrieb: ,Opium des Volkes'.

 

Fußball in Brasilien wird wie eine Religion verehrt. Die WM ist dann in Brasilien aber eher ein Zirkus. Es sind Spiele ohne Brot, dafür mit Tränengas und Gummigeschossen. Ich habe in den siebziger Jahren gegen die Militärdiktatur demonstriert. Doch nie habe ich so viel Tränengas, Gummigeschosse und Pfefferspray im Einsatz gesehen wie letztes Jahr beim Confed Cup.“

 

Luiz Mott, 68 Jahre, Professor für Anthropologie an der Universität Salvador und Gründer der Grupo Gay da Bahia, der ältesten Schwulenvereinigung Brasiliens

 

Hoffentlich gibt es nicht wieder Demonstrationen bei den Spielen, wie letztes Jahr beim Confed Cup. Da bleiben die Gäste in unserem Restaurant aus und wir verdienen nichts. Aber wir denken schon, dass diesmal vor allem ausländische Touristen kommen. 90 Prozent unserer Gäste sind ,Gringos': Italiener, Franzosen, Deutsche, Israelis.

 

Englischlernen hat nicht mehr geklappt. Der Verband der Restaurantbesitzer hatte zwar Englischkurse angeboten. Doch irgendwie haben wir das zu spät mitbekommen. Aber die Speisekarte ist sowieso zweisprachig. Wir zeigen einfach drauf. Hier etwa: ,Pititinga' sind ,Littlefishfriedinoilwithgarlic'. Alles klar! Wenn auch das niemand versteht, dann bekommen wir das mit Mimik schon hin.

 

So schwer ist das ja nicht, einen Gringo zu verstehen. Und ,okay, okay, okay' - das gibt es in allen Sprachen. Die Fifa-Auflagen mit den beschränkten Zufahrtstraßen sind auch kein Ding. Daran wird sich sowieso niemand halten, da kann die Fifa noch so viel drohen. Die Busse schlängeln sich dann irgendwo anders durch. Hauptsache, die Präfektur veranstaltet ein Public Viewing hier im Pelourinho. Dann wird unser Restaurant rappelvoll.“

 

Floresnice Peixoto dos Santos und Evani Buraem Lopes dos Santos, 36 und 51 Jahre, Kellnerinnen in Salvadors Altstadt Pelourinho

„Hoffentlich gibt es nicht wieder Demonstrationen bei den Spielen, wie letztes Jahr." - Evani Buraem Lopes dos Santos und Floresnice Peixoto dos Santos. Bild: Adenor Gondim/Goethe Inst.

 

Wenn am Karnevalssonntag die mehreren tausend „Filhos de Gandhy“ durch die Straßen Salvadors ziehen, dann wirkt es, als habe es plötzlich geschneit mitten in der tropischen Hitze: Die ausschließlich männlichen Mitglieder kleiden sich ganz in weiß- blaue Tücher und tragen Turbane. Sie trommeln Ijexá-Rhythmen und singen Lieder in Yorubá aus ihrer afrobrasilianischen Religion Candomblé.

 

Die Karnevalsgruppe wurde 1947 von Hafenarbeitern in Salvador gegründet. Sie nannten sich nach dem indischen Freiheitshelden, um trotz ihres imposanten Auftritts pazifistisch zu erscheinen und nicht als Bedrohung. Für Tio Souza, den Sprecher der Filhos de Gandhy, hat die Weltmeisterschaft im eigenen Land die Gesellschaft in Optimisten und Pessimisten gespalten: „Wir sind verwirrt.“

 

Einerseits habe die Regierung viele Hoffnungen enttäuscht, die die Bevölkerung mit der Copa verband. Die öffentliche Sicherheit sei schlechter als zuvor. Auch das Versprechen, dass das Land von der Weltmeisterschaft profitieren werde - alles eher enttäuschend, meint Tio Souza: „Doch die Kritiker vergessen, dass eine Weltmeisterschaft eine gewaltige Bühne für uns ist.

 

Eine einmalige Chance, unsere Kultur zu zeigen. Wer kennt schon diese Mischung aus afrikanischen, indianischen und europäischen Kulturen, die wir in Bahia haben? Diese Chance müssen wir nutzen! Wir müssen die Menschen willkommen heißen, so wie wir das am besten können und zu Recht stolz darauf sind.“

 

Sagts, streicht sich über den Bart, nimmt sein silbernes Hirtenstöckchen und entschwindet über den holprigen Pelourinho zum nächsten Termin.

 

Waldemar José de Souza - genannt „Tio Souza“, 67 Jahre, Sprecher der Karnevalsgruppe Filhos de Gandhy in Salvador