■ Standbild

Tatort Mehring

„Herz auf Rädern“, Montag, 0.05 Uhr, ZDF

Er zuckt mit den gutmütigen Augen, läßt die Brauen tanzen. Das fahle Fleisch unter den Wangenknochen schlottert, er lächelt und grient. Ein Schauspieler, der vor der Kamera spielt, wie er anderen Menschen beim Theaterspielen zuschaut, der sich wünscht, wie sein Publikum sein muß: jedes Wort der Spieler auf den eigenen Lippen wiederkäuend, jede Regung beim Laienspiel im oberbayerischen Mehring nicht aus den leuchtenden Augen lassend. Ein Regisseur, der in der Nahaufnahme alle Anzeichen unausrottbaren Theaterfiebers aufweist. Davon befallen ist Kommissar Flemming, eine „Tatort“-Größe: Martin Lüttge.

Lüttge ist im Nebenberuf leidenschaftlicher Regisseur, erdverbunden, altmodisch und idealistisch. In den Sechzigern war er als Schauspieler ein Senkrechtstarter, jetzt, vor der dokumentarischen Kamera von Claus Strigel und Bertram Verhaag, wägt er die Worte, um zu erklären, daß er bei Peter Brook, dem Megastar des Theaterbusineß, die Mitarbeit ablehnte, um 1971 auf einem verlassenen Bauernhof den „Theaterhof Priesenthal“ zu gründen. Ein Theater, dessen Kunst nicht „umklammert ist von Beton und Säulen“, nicht abhängig von der Dramaturgenkultur.

Sondern ein Volkstheater mit Schreinern, Melkern, Postlern, Lädchenbesitzern, LKW- Fahrern, der Dorfbevölkerung. Ein Zirkus kommt in die Stadt, Fremde also wie die, die unweit in einem Asylbewerberheim leben. Zehn der Bewohner dort spielen mit beim inszenierten Dorfzirkus. Bosnier als Leiharbeiter sprengten 1920 den nahen Kanal durch die Landschaft; heute wird ihr Volk gesprengt, und sie sind hierher geflohen. Das Dorf hat sich zusammengefunden, um auf der Wiese die Dialektik zu spielen von Heimat und dem Gebot, daß „Menschen sich mischen müssen“.

Lügt die von Martin Lüttge offenbar mitgestaltete Kamera nicht, so ist es ein zauberhaft intelligentes Improvisationstheater. Lüttge macht das mit viel Ernst und Humor. Doch keine Off-Stimme kommentiert den Film. Wer spricht, ist Lüttge. Die Filmemacher schweigen beharrlich, so, als sei nach der Abschaffung der „Aktuellen Inszenierung“ von ZDF und 3sat nur noch ein Werbefilm über das Hobbytheater eines ARD- Kommissars zumutbar. Arnd Wesemann