■ Seit Dada anfing, wird über die Etymologie von Dada spekuliert. Die Dadaisten selbst legten falsche Spuren und hatten ihre diebische Freude daran. Das Wort "Dada" gab es längst vor Dada - es war ein französisches...

Dada-Rätsel gelöst!

Seit Dada anfing, wird über die Etymologie von Dada spekuliert. Die Dadaisten selbst legten falsche Spuren und hatten ihre diebische Freude daran. Das Wort „Dada“ gab es längst vor Dada – es war ein französisches Wort, wurde auch im Deutschen gebraucht. Seine Bedeutung war bekannt. Aber kein Wörterbuch wagte sie zu nennen. Die taz hat das

Dada-Rätsel gelöst!

Wie Dada gegründet wurde, ist bekannt. Im Frühjahr 1916 kamen die Herren Hans Arp, Hugo Ball, Richard Huelsenbeck, Marcel Janco und Tristan Tzara, die vor dem europäischen Krieg in die neutrale Schweiz geflohen waren, im Zürcher Café Voltaire zusammen. Sie waren fest entschlossen, ihrer Verachtung gegenüber der Kriegsbegeisterung des europäischen Bürgertums radikalsten künstlerischen Ausdruck zu geben. Zu diesem Zweck gründeten sie ein Cabaret.

Unklar dagegen ist die Bedeutung des Wortes Dada. Richard Huelsenbeck, Mitbegründer, Psychoanalytiker und Geschichtsschreiber des Dadaismus, notierte 1920 seine Version: „Das Wort Dada wurde von Hugo Ball und mir zufällig in einem deutsch-französischen Diktionär entdeckt, als wir einen Namen für Madame le Roy, die Sängerin unseres Cabarets, suchten. Dada bedeutet im Französischen Holzpferdchen. Es imponiert durch seine Kürze und seine Suggestivität. Dada wurde nach kurzer Zeit das Aushängeschild für alles, was wir im Cabaret Voltaire an Kunst lancierten.“

Wer Hugo Balls Tagebuch kennt, wird etwas skeptisch gegenüber Huelsenbecks Geschichte. Das Französische war den jungen Herren keineswegs nur über einen „Diktionär“ zugänglich. Es gab rein französische Abende in ihrem Cabaret. Der 20jährige Rumäne Tristan Tzara trug begeistert Gedichte von Max Jacob, Laforgue und anderen vor; Huelsenbeck, Tzara und Janco erschreckten die Zürcher mit einem Poème simultan. Anschließend gab es einen Chant nègre. Der schon 28jährige Elsässer Hans Arp war aus Paris nach Zürich geflohen.

Hans Richter sät in seinem Buch „Dada – Kunst und Antikunst“ Mißtrauen gegen alle Namenslegenden: „Die einen behaupten, das Wort sei durch blindes Aufschlagen des Wörterbuches entdeckt worden, die anderen, es bedeute Steckenpferd, während Ball selbst alle Erklärungen offenläßt. ,Dada heißt im Rumänischen ja, ja; im Französischen Hotte- und Steckenpferd. Für Deutsche ist es ein Signum alberner Naivität und zeugungsfroher Verbundenheit mit dem Kinderwagen.‘ Aus den Zeitungen erfährt man außerdem, daß die Kru-Neger den Schwanz einer heiligen Kuh Dada nennen; die Würfel und die Mutter heißen in einer bestimmten Gegend Italiens Dada; Dada ist die Amme und was anderes Nahrhaftes zu dem Ursprung dieses Wortes etwa noch entdeckt werden kann.“ Und Verwirrung stiftet auch der Dadaist Theo van Doesburg. „Dada – das Wort ist ohne Bedeutung, (...) es hätte genauso Bébé, Sisi oder Lollo heißen können. (...) Dada stammt aus dem ,Nichts‘.“

Die taz hat das Dada-Rätsel gelöst.

Im Jahre 1903 veröffentlichte Alphonse Gallais unter dem anagrammatischen Pseudonym A.S. Lagail ein Buch mit dem Titel „Les paradis charnels, ou le divin bréviaire des amants, art de jouir purement des 136 extases de la volupté“. Das Buch erschien 1909 in einer Auflage von 600 Exemplaren auch auf deutsch. Der Titel lautete: „Das Paradies des Fleisches oder Das göttliche Liebesbrevier. Die Kunst, die Wollust in 136 Verzückungen zu genießen!“ Ein Verlag wird nicht genannt, dafür preist der bereits 1896 verstorbene Paul Verlaine das Buch mit etwas zu gewaltigen Worten: „Die Staaten werden sich auflösen, der Haß wird von der Erde verschwinden: Dein ,Paradies des Fleisches‘, mein lieber Kollege, wird für alle Zeiten der wahrste Ausdruck der ,Liebe zur Liebe‘ sein.“ Nun, es handelt sich um eine etwas prosaischere Angelegenheit: ein Positionenlexikon, eine Einführung in die Liebesgymnastik.

Was hat das mit Dada zu tun? Der überraschte Leser wird feststellen, daß das gesamte 15. Kapitel ein Spektrum von Positionen schildert, die alle „à dada“ genannt werden.

Arp mußte den Verwalter der erotischen Abteilung der Bibliothèque Nationale, Guillaume Apollinaire, nicht kennen, um dieses Buch zu kennen. Jeder der jungen Männer konnte es haben. Aber was spielen Bücher für eine Rolle, Gallais hatte das „à dada“ sicher nicht erfunden. Sein Buch ist nichts als eine Belegstelle für eine in den Wörterbüchern verschwiegene Bedeutung. Die jungen Männer waren bei ihren Bordellbesuchen bestimmt damit vertraut gemacht worden, und man kann sich ausmalen, was für einen Spaß es ihnen machte, das Skandalöseste in die Welt hinauszuposaunen. In meisterhaft gespielter Unschuld. Rügen konnte sie dafür keiner. Er hätte sich denn verraten. Die Dadaisten dagegen konnten sich aufs Wörterbuch und aufs Rumänische berufen und später auf den Satz von Hans Arp: „Dadaisten gab es, bevor der Name Dada für Dada und die Dadaisten da-da-waren.“

Wer, von Gallais belehrt, des Psychoanalytikers Huelsenbeck Loblied auf das Wörtchen Dada noch einmal liest, wird sich freuen: „Es imponiert durch seine Kürze und seine Suggestivität.“