Berlin

Programm im April

vom 24. bis 27. April 2019

Mitte © visitBerlin Bild: Wolfgang Scholvien

Diese  Reise haben wir 2019 aktualisiert. Sie wird zu den drei Terminen mit ähnlichem, aber nicht identischem Programm angeboten. Das Programm für April steht hier in der aktualisierten Fassung.

Die Programme der anderen beiden Termin finden Sie hier jeweils ca. 2 Monate vor der Reise.

1. Tag (Mittwoch)

"Geteilte Stadt" - Auftakt in Kreuzberg und Mitte

Mauerreste am Martin-Gropius-Bau unweit der taz Bild: Norbert Fasching

Der erste Tag beginnt um 9.30 Uhr mit einer kurzen Einführung im taz Café in der südlichen Friedrichstraße in Kreuzberg. Nach der Begrüßung und einer kleinen Vorstellungsrunde geht es auch gleich los zum ersten Programmpunkt, einem Rundgang zum Thema „Geteilte Stadt“.

Taz-Berlin-Redakteur Uwe Rada führt Sie zu Fuß vom Checkpoint Charlie zu den Resten der Berliner Mauer am Martin-Gropius-Bau und weiter über den Potsdamer Platz zum Brandenburger Tor – durch das ehemaligen Grenzgebiet zwischen Ost und West-Berlin. Nach einer individuellen Mittagspause geht es am Nachmittag nach Neukölln.

Nachmittags auf dem Tempelhofer Feld und in Neukölln

Auf dem Tempelhofer Feld Bild: © visitBerlin, Philip Koschel

Am Nachmittag geht es ins Grüne. Naja, fast. Taz-Berlin-Redakteurin Malene Gürgen führt Sie über das Tempelhofer Feld: das Gelände des ehemaligen Flughafens Berlin Tempelhof, heute eine der wohl größten unbebauten inner- städtischen Flächen Europas. Seit der Schließung des Flughafen vor acht Jahren haben sich die Berliner das Gelände angeeignet: sie nutzen es als Park und Sportanlage, als Fläche für Stadtgärten und zur Erholung.

In den ehemaligen Hangars waren seit Ende 2015 Flüchtlinge untergebracht. Die später für sie dort aufgestellten Container sollen bis Ende 2019 geräumt werden.

Malene Gürgen wird Ihnen etwas zur Geschichte des Flughafens, aber vor allem auch über die umstrittene Entwicklung des Geländes in den Jahren seit 2008 und die-Pläne zur zukünftigen Nutzung erzählen.

Im Anschluss erfahren Sie, eventuell im Gespräch mit AktivistInenn etwas zur rechten Szene im angrenzenden Bezirk Neukölln und wie sich die Menschen dort in Initiativen gegen Neonazis wehren.

2. Tag (Donnerstag)

Neue Alternativen: Co-Working in Kreuzberg

Im ehemaligen taz-Redaktionsgebäude in der Rudi-Dutschke-Straße beginnt der Vormittag im ‚betahaus‘, das dort jetzt ein neues Zuhause gefunden hat. Donata Künßberg, in der taz u.a. zuständig für Digitale Transformation, wird Sie begleiten. Sie nehmen am „open breakfast“ teil, einer kurzen Vorstellung der im Haus vertretenen Projekte. Der Name ist Programm: es gibt etwas zu essen und die Präsentation ist in englischer Sprache, Donata Künßberg ist im Bedarfsfall mit einer Flüster-Übersetzung behilflich. Anschließend wird sie Ihnen noch etwas über das Haus erzählen, in dem über viele Jahre die taz zu Hause war.

Blick von der Dachterasse des ehemal. taz-Gebäudes auf die Rudi-Dutschke-Straße Bild: Norbert Fasching

Im Betahaus selbst, in der benachbarten taz-Kantine oder Restaurants und Cafés der Nachbarschaft gibt es anschließend die Möglichkeit für eine individuelle Mittagspause.

Von neuen Townhouses zur alten Arbeiterpalästen im Friedrichshain

Die Tour startet auf dem alten Schlachthofgelände, das zum Ortsteil Prenzlauer Berg gehört, und sich wie eine Landzunge zwischen Lichtenberg und Friedrichshain hinein zwängt. 1881 eröffnet, wurde der Schlachtbetrieb 1991 eingestellt. Das meiste wurde abgerissen. Lange Zeit gab es hier Brachen; um deren Erhalt hart gekämpft wurde. Doch die Brachen – und mit ihnen auch der Fuchs – sind bis auf eine Ausnahme verschwunden. Auf rund 50 Hektar entstand ein neues (und umstrittenes) Stadtviertel mit Townhouses.

Der taz.berlin-Redakteur Andreas Hergeth wohnt seit 20 Jahren vis-á-vis des Schlachthofgeländes, also im Nordkiez von Friedrichshain, und hat die Entwicklung dort hautnah miterlebt. Der Spaziergang wird von einer Pause im Café der Kalter-Hund-Manufaktur Rose in der Ebertystraße unterbrochen.

Frankfurter Allee mit Blick auf den Alexanderplatz Bild: Archiv

Weiter geht es durch den Nordkiez von Friedrichshain mit seinem Mix aus Gründerzeit- und Plattenbauten, wo die Gentrifizierung langsamer als in anderen Stadtteilen von statten ging und geht. Vorbei an den letzten besetzen Häusern in der Rigaer Straße nehmen wir den Weg zur Karl-Marx-Allee, der ehemaligen Stalin-Allee mit den prachtvollen Zuckerbäckerbauten. Der einstige Prachtboulevard ist fast durchgängig saniert. Flanieren macht dort wieder Spaß. Wohnen aber ist auch hier teuer geworden. MieterInnen wehrten sich zuletzt gegen eine Übernahme eines deutschen Immobilienriesen – mit Erfolg. Das Land Berlin half dabei. Und auch das DDR-Traditionscafé Sibylle, 1953 eröffnet und 2018 unter Protest geschlossen, ist wieder zurück.

Schöneberg: Russen in Berlin: von der Bohème der 1920er Jahre bis heute

Der späte Nachmittag wird literarisch und führt zunächst in eine andere Zeit: Sie unternehmen mit der ehemaligen Moskau-Korrespondentin Barbara Kerneck einen literarisch-unterhalt-samen Spaziergang zur „Russische Bohème der 1920er Jahre“ in Schöneberg. 80 Jahre vor Wladimir Kaminer hat es in Berlin schon einmal eine boomende Russenszene gegeben. Um 1922 lebten hier mindestens 250 000 RussInnen.

Verarmte Großfürstinnen und expressive Maler trafen sich auf der Flucht vor Revolution und Bürgerkrieg in Wilmersdorf und Charlottenburg in ihren eigenen Cafés und im märchenhaften Cabaret „Blauer Vogel“. Weltberühmte Schriftsteller gründeten im Berliner Exil einen geheimnisvollen „Großen Affenorden“.

Hochbahn in Schöneberg, unweit Potsdamer Straße Bild: Archiv

Die Führung dauert ca. zwei Stunden. Sie beginnt am U-Bahnhof Viktoria-Luise-Platz und geht über den Prager Platz bis zur Trautenaustraße. An dieser Strecke lagen einst die Wohnungen der beiden bedeutendsten russischen Prosaschriftsteller des 20. Jahr-hunderts, Andrej Bely und Vladimir Nabokov. Der Erfinder von „Lolita“ tat hier seine ersten literarischen Schritte. Stammkneipe des scharfzüngigen Skandalchronisten Ilja Ehrenburg war die „Prager Diele“ am Prager Platz, um die sich viele Anekdoten ranken.

Doch die Gegenwart soll auch nicht zu kurz kommen: nach dem Spaziergang treffen wir in der Nähe des Nollendorfplatzes Treffen mit politisch engagierten jungen RussInnen, wie sie, heute wie einst, wieder in Berlin leben und arbeiten. Schluss des Programm wird gegen 17 Uhr sein – aber wer Interesse hat, kann auch noch weiter diskutieren. Wer mag, kann auch noch mit Barbara Kerneck in einem russischen Restaurant zu Abend essen (fakultativ).

3. Tag (Freitag) 

Ein Vormittag in der taz

Der heutige Tag beginnt im neuen taz-Verlagsgebäude in der südlichen Friedrichstraße: Sie können an der morgendlichen Redaktionskonferenz teilnehmen, werden durch alle Etagen und Redaktionsräume geführt, Das gemeinsame Mittagessen findet praktischer Weise heute in der taz Kantine statt, in der auch die taz-MitarbeiterInnen essen.

Nachmittag in Kreuzberg: Kreuzberger Mix

Kreuzberger protestieren, gehen untereinander Bündnisse ein und zeigen gemeinsam Haltung: Gegen Gentrifizierung, Unrecht und Diskriminierung. Seit je her ist Kreuzberg ein Ort alternativer Lebensentwürfe, des friedlichen Zusammenlebens von Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, und Zentrum sozialer Kämpfe. Der 1. Mai ist nur einer von vielen.

Steigende Mieten haben Menschen im Kiez zusammen geschweißt, die sonst nicht viel gemeinsam hatten. Bei „Kotti & Co“ kämpfen vor allem Migranten gegen Mietwucher und Verdrängung.

Das alevitische Cemevi ist nicht nur ein Gotteshaus, sondern seit seiner Gründung auch ein Ort des Protests gegen Unterdrückung im Herkunftsland der Aleviten, die Türkei. Ein Besuch soll Einblicke verschaffen in das Gemeindeleben einer Glaubensgemeinschaft, die sich als humanistisch und diesseitig versteht.

Rund um das Kottbusser Tor sind Orte entstanden, die Begegnungen zwischen queeren und migrantischen Kreuzbergern ermöglichen. Taz-Autorin Hülya Gürler erzählt mehr bei einem Cay im Simidchi.

Die Tour führt vom Oranienplatz zum nahe gelegenen alevitischen Kulturzentrum. Danach geht es zum Kottbusser Tor, wo das „Gecekondu“, ein kleines Häuschen aus Holz steht. Hier ist der Sitz von „Kotti und Co“ und gleich in der Nähe befindet sich das türkische Lokal, wo Sie sich im Anschluss noch mit Hülya Gürler unterhalten können.

4. Tag (Samstag)

Auf der Sonnenallee in Neukölln Bild: Archiv

Vormittag in Neukölln: Einwanderung und Integration

In Neukölln leben Menschen aus über 190 Herkunftsländern. Davon, dass der Bezirk nicht erst seit gestern „multikulti“ ist, zeugt das Böhmische Dorf, Kern des alten Neukölln. Dort beginnt die Tour über Geschichte und Gegenwart des Einwanderer-Bezirks in Begleitung von taz-Berlin-Redakteurin Alke Wierth. Vom böhmischen geht’s ins orientalische Neukölln: An der Sonnenallee – von arabischen NeuköllnerInnen liebevoll Abu-Ali-Straße, von manchen Deutschen weniger liebevoll Gazastreifen genannt - bestimmen EinwanderInnen aus der Türkei und arabischen Ländern das Bild. Beim Bummel über die Geschäftsmeile berichten uns junge NeuköllnerInnen vom Alltag in dem Stadtteil und den Geschichten ihrer Familien. Die Jugendlichen werden von Streetworkern des Trägers „Outreach“ betreut und werden etwas zur Einwanderungsgeschichte ihrer eigenen Familien, ihrem Selbstbild, ihren Erfahrungen mit Integration, Vorurteilen und Stereotypisierungen erzählen. Und natürlich werden sie auf einem Stadtrundgang auch etwas von „ihrem“ Neukölln zeigen.

Symbol für Gentrifizierung: Prenzlauer Berg

Mittags fahren Sie mit der U-Bahn nach Prenzlauer Berg. Der (ehemal. Ost-) Berliner Stadtteil hat nach der Wende enorme Veränderungen durchlebt. Durch diesen Stadtteil mit der dichtesten Zuwanderung von Westbürgern in das ehemalige Berlin-Ost, der zum Symbol für Gentrifizierung wurde, führt der taz-Berlin-Redakteur Bert Schulz, der hier auch lebt.

Kapitalismuskritik - ehemal. besetztes Haus in der Kastanienallee Prenzlauer Berg Bild: Archiv

Vor der Wende bedeutete Prenzlauer Berg: Bröckelnde Fassaden, Außenklos, im Winter eingefrorene Wasserrohne und Balkons, die einfach abfielen. Aber auch 15 Euro Miete, heimliche Künstlerateliers unter dem Dach und Kneipen, die mal hier, mal dort für einen Abend öffneten: ein Eldorado für Dissidenten und Künstler wie Katharina Thalbach, Thomas Brasch, Cornelia Schleime, Harald Hauswald. Sie lebten hier zwischen den Kohlenschleppern, Verkäuferinnen und Rotznasen, die im Hinterhof heimlich rauchten. Hier befand sich ein Mittelpunkt der friedlichen Revolution 1989.

Heute ist alles anders. 80 Prozent der Bevölkerung sind ausgetauscht, jetzt wohnen hier vor allem Westdeutsche, aber auch Franzosen, Briten, Spanier und Russen. Sie haben den Kiez schöner gemacht, aber auch gleichförmiger.

Schluss des Programms gegen 16 Uhr.

Café Anna Blume am Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg Bild: © visitBerlin, Philip Koschel

Umstellungen und Änderungen im Detail sind möglich. Stand: 7. März 2019