Berlin

Programm im April

vom 4. bis 7. April 2018

Mitte © visitBerlin Bild: Wolfgang Scholvien

1. Tag (Mittwoch) 

"Geteilte Stadt" - Auftakt in Kreuzberg und Mitte

Der erste Tag beginnt um 9.30 Uhr mit einer kurzen Einführung im taz Caféin der Rudi-Dutschke Straße in Kreuzberg. Nach der Begrüßung und einer kleinen Vorstellungsrunde geht es auch gleich los zum ersten Programmpunkt, einem Rundgang zum Thema „Geteilte Stadt“.

Taz-Berlin-Redakteur Uwe Rada führt Sie zu Fuß vom Checkpoint Charlie zu den Resten der Berliner Mauer am Martin-Gropius-Bau und weiter über den Potsdamer Platz zum Brandenburger Tor – durch das ehemaligen Grenzgebiet zwischen Ost und West-Berlin. Nach einer individuellen Mittagspause geht es am Nachmittag zum ehemaligen Flughafen Tempelhof.

Mauerrest am Potsdamer Platz © visitBerlin Bild: Wolfgang Scholvien

Nachmittags auf dem Tempelhofer Feld

Am Nachmittag geht es ins Grüne. Naja, fast. Der ehemalige taz-Berlin-Redakteur Rolf Lautenschläger führt Sie über das Tempelhofer Feld: das Gelände des ehemaligen Flughafens Berlin Tempelhof, heute eine der wohl größten unbebauten inner- städtischen Flächen Europas. Seit der Schließung des Flughafen vor acht Jahren haben sich die Berliner das Gelände angeeignet: sie nutzen es als Park und Sportanlage,als Fläche für Stadtgärten und zur Erholung. In den ehemaligen Hangars sind seit Ende 2015 Flüchtlinge untergebracht.

Rolf Lautenschläger wird Ihnen etwas zur Geschichte des Flughafens, aber vor allem auch über die umstrittene Entwicklung des Geländes in den Jahren seit 2008, die „Demokratische Initiative 100% Tempelhofer Feld“ und die Senats-Pläne zur zukünftigen Nutzung erzählen.

Auf dem Tempelhofer Feld Bild: © visitBerlin, Philip Koschel

Anschließend geht es zum gemeinsamen Abendessen in ein Restaurant im angesagten Neukölln.

2. Tag (Donnerstag)

Neue Alternativen: Co-Working und Urban Gardening in Kreuzberg

Am Kreuzberger Moritzplatz beginnt der Vormittag im ‚betahaus‘. Die taz-Sitemanagerin und Koordinatorin von taz.zahl.ich, Aline Lüllmann, wird Sie begleiten. Das Betahaus ist einer der bekanntesten Co-Working-Spaces in Berlin, ein Ort, an dem Freiberufler Werkstätten, Büros und Arbeitsplätze gemeinschaftlich nutzen und der als Treffpunkt der Berliner Start-up-Szene gilt. Bei einem kleinen Frühstück stellen einige der hier Arbeitenden sich und ihre Projekte vor.

Gleich um die Ecke befinden sie die Prinzessinnengärten, ein urban-gardening-Projekt, das 2009 auf einer ehemaligen Brache als mobiler Garten entstand und sich seitdem fest als Gemeinschaftsgartenprojekt, Lernort für Kinder und Erwachsene und natürlich als grüne Oase in der Stadt versteht. Auch ein kleines Café ist entstanden, regelmäßig finden Floh- und Staudenmärkte statt. Bei einer kurzen Führung über das Gelände erfahren Sie etwas über die Idee und Geschichte des Projekts und können sich diesen Garten mitten in der Stadt näher ansehen.

Prinzessinnengärten, Kreuzberg Bild: dpa

In den Prinzessinnengärten, im Café des Betahauses oder in der angrenzenden Oranienstraße gibt es viele Möglichkeiten für eine individuelle Mittagspause.

Muslimisches Leben in Berlin

Wir bleiben auch am Nachmittag noch in Kreuzberg. Auf einem Spaziergang zum Thema Mythos Kreuzberg und muslimisches Berlin begleitet taz-Autorin Hülya Gürler Sie durch den legendären Einwanderer- und Alternativbezirk, der nach dem Mauerfall von der Randlage in West-Berlin in die Mitte der Hauptstadt gerückt ist. Fast ein Drittel der Bewohner von Kreuzberg sind Migranten, die meisten davon türkischer Herkunft, und sie prägen das Bild des Bezirks.Sie sind heute aber auch am stärksten von der Verdrängung bedroht.

Der Spaziergang führt vom Oranienplatz über diverse Nebenstraßen mitten durch das pulsierende Zentrum des Bezirks bis zum Kottbusser Tor. Er zeigt das Besondere der „Kreuzberger Mischung“, die den Bezirk zu einem Touristenmagneten hat werden lassen, und führt die Vielfalt türkisch-muslimischen Lebens in Berlin vor Augen. In Kreuzberg sind gleich mehrere repräsentative Moscheebauten entstanden, aber auch Minderheiten wie Kurden und Aleviten haben sich hier etabliert. Steigende Mieten und der Tourismus, etwa die Umwandlung in Ferienwohnungen, gefährden das bewährte Miteinander jedoch.

Umar-Ibn-Al-Khattab_Moschee, Kreuzberg © visitBerlin Bild: Günter Steffen

Der Wedding: ein Arbeiterbezirk erfindet sich neu

Am späten Nachmittag besuchen wir einen weiteren ehemaligen Arbeiterbezirk: den Wedding im Norden Berlins. Unsere Tour streift die verschiedensten Facetten des historischen wie des modernen Wedding. Begleiten wird uns dabei Heiko Werning, u.a. Autor von taz und Titanic sowie Gründungsmitglied der „Brauseboys“, einer Lesebühne, die seit über 13 Jahren allwöchentlich im Bezirk auftritt. Mit seinen Büchern „Mein wunderbarer Wedding“ und „Im wilden Wedding“ ist Werning selbst ein Chronist des Stadtteils.

Dabei ist der Wedding nicht nur einer der buntesten und am wenigsten „touristischen“ Kieze der Innenstadt, sondern er hat auch eine reiche Geschichte. Vor allem als Arbeiterviertel und Wohngebiet von Linken machte er in der Weimarer Republik von sich reden, bis zum „Blutmai“, einer Gewaltorgie gegen kommunistische Demonstranten, der als Katalysator für den Aufstieg der NSDAP gilt. Die Kieztour startet am Gesundbrunnen, einem ehemaligen Kur- und Badeort. Um 1750 entdeckte man hier eine mineralhaltige Quelle. Sogar Königin Luise stattet dem Bad einen Besuch ab. Weiter geht’s auf der quirligen Badstraße, nach dem 2. Weltkrieg eine der bekanntesten Berliner Einkaufsstraßen.

Gesundbrunnen, Prinzenstraße/Ecke Badstraße, Boateng-Graffito

An ihrem Ende liegen die ehemaligen Werkstätten der Berliner Verkehrsbetriebe; heute Treffpunkt für Kunst- und Kulturschaffende. 2010 wurde hier neben Ausstellungsräumen und Ateliers ein neues Areal für zeitgenössischen Tanz geschaffen: die 'Uferhallen'. Nur eine Ecke weiter haben Architekten und Künstler den einstigen Produktionsstandort des ehemaligen Druckmaschinenherstellers Rotaprint zu einem Gewerbehof ExRotaprint entwickelt. Einmalig ist das Nutzungskonzept des Geländes, auf dem sich gleichermaßen Gewerbebetriebe, Kulturschaffende und soziale Einrichtungen befinden.

Dann machen wir noch einen kurzen Stopp auf dem Leopoldplatz ein, mit Blick auf die von Schinkel entworfene Nazarethkirche. Hier steht das Café Leo, ein mobiler Getränkestand, der von Hüseyin Ünlü betrieben wird, einem der besten Kiezkenner. Leider ist seine Bude dem Bezirksamt ein Dorn im Auge, aber derzeit kämpft eine Bürgerinitiative dafür, dass die Institution hier bleiben kann. Schließlich ziehen wir weiter durch das „holländische Viertel“, einem charmanten, lebendigen und doch bodenständigen Kiez, wo wir auch am Wohnhaus von Otto und Elise Hampel vorbeikommen, zwei Widerstandskämpfern gegen die Nazis, die im Gefängnis Plötzensee, direkt am Wedding gelegen, ermordet worden sind.

Die Tour endet schließlich in den Osramhöfen. Hier wurden einst Glühlampen für das ganze Land gefertigt, heute sind die denkmalgeschützten Hallen die Heimat von Läden, Agenturen, wissenschaftlichen Instituten und des Bühnen-Restaurants La Luz, wo man nicht nur eine gute Pizza bekommt, sondern wo direkt im Anschluss um 20.30 Uhr auch die Lesebühne der Brauseboys startet und eine Möglichkeit zu einem sehr berlinspezifischen Kulturerlebnis am Abend bietet. (fakultativ).

Schinkel-Kirche am Weddinger Leopoldplatz

3. Tag (Freitag) 

Ein Vormittag in der taz

Der heutige Tag beginnt im taz-Verlagsgebäude: Sie können an der morgendlichen Redaktionskonferenz teilnehmen, werden durch alle Etagen und Redaktionsräume geführt, erfahren etwas über die taz-Genossenschaft und lernen die Planungen für den Neubau des neuen Redaktionsgebäudes kennen, das Sie sich bei einem kleinen Spaziergang in die benachbarte südliche Friedrichsstraße auch ansehen können.

Ein gemeinsames Mittagessen mit taz-RedakteurInnen findet heute praktischer Weise im taz-Café statt, in dem auch die taz-MitarbeiterInnen essen.

Schöneberg: Kunst und Wandel im alten Berliner Westen

Am Nachmittag geht es nach Schöneberg. Taz-Kulturredakteurin Katrin Bettina Müller nimmt sie mit auf eine Tour durch die Galerien in der Potsdamer Straße, einer sich immer wieder wandelnden Kunstszene. Die Potsdamer Straße in Berlin Schöneberg ist ein schnelllebiger Ort. Vor fünfzehn Jahren hätte noch niemand geahnt, dass die Kunstszene hier im runtergerockten Westen zwischen Sexkaufhaus und Spielhallen so präsent sein wird mit Galerien. Aber Leerstand und der Umzug einiger Unternehmen nach Mitte, wie vom Tagesspiegel-Verlag, machten es möglich.

Hochbahn in Schöneberg, unweit Potsdamer Straße Bild: Archiv

Jetzt sind hier Galeristen wie Friedrich Loock, der zu den ersten freien Galeristen Ostberlins gehörte, aber auch Projekte wie die Camaro-Stiftung, die 1893 für den Verein der Berliner Künstlerinnen gebaute Räume nutzt. Man kann hier Big Player aus der internationalen Kunstszene treffen, wie die Galerie Blain Southern, aber auch feine Initiativen aus dem ehemaligen Westberlin, wie den Kunstbuchladen von Barbara Wien. Und wie an vielen Orten Berlins, bieten die Hinterhöfe ein überraschendes Leben. Der Abend steht Ihnen ab etwa 18 Uhr zur freien Verfügung.

4. Tag (Samstag)

Vormittags in Neukölln: Einwanderung und Integration

In Neukölln leben Menschen aus über 190 Herkunftsländern. Davon, dass der Bezirk nicht erst seit gestern „multikulti“ ist, zeugt das Böhmische Dorf, Kern des alten Neukölln. Dort beginnt die Tour über Geschichte und Gegenwart des Einwanderer-Bezirks in Begleitung von taz-Berlin-Redakteurin Alke Wierth.

Vom böhmischen geht’s ins orientalische Neukölln: An der Sonnenallee – von arabischen NeuköllnerInnen liebevoll Abu-Ali-Straße, von manchen Deutschen weniger liebevoll Gazastreifen genannt - bestimmen EinwanderInnen aus der Türkei und arabischen Ländern das Bild. Beim Bummel über die Geschäftsmeile berichten uns junge NeuköllnerInnen vom Alltag in dem Stadtteil und den Geschichten ihrer Familien.

Auf der Sonnenallee in Neukölln Bild: Archiv

Die Jugendlichen werden von Streetworkern des Trägers „Outreach“  betreut und werden etwas zur Einwanderungsgeschichte ihrer eigenen Familien, ihrem  Selbstbild, ihren Erfahrungen mit Integration, Vorurteilen und Stereotypisierungen erzählen. Und natürlich werden sie auf einem Stadtrundgang auch etwas von „ihrem“ Neukölln zeigen. 

Zum Abschluss kann in einem Café oder einer Shisha-Bar auf der Sonnenallee über die Eindrücke des Vormittags gesprochen werden.

Von West nach Ost: mit der Ringbahn in den Prenzlauer Berg

Die Ringbahn bringt Sie dann vom (ehemaligen West-)Berliner Tempelhof ins (ehemalige Ost-)Berliner Prenzlauer Berg. Durch diesen Stadtteil mit der dichtesten Zuwanderung von Westbürgern in das ehemalige Berlin-Ost, der zum Symbol für Gentrifizierung wurde, führt taz-Redakteur Rüdiger Rossig. Er lebt seit 1995 in diesem Kiez, der nach der Wende enorme Veränderungen durchlebte.

Café Anna Blume am Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg Bild: © visitBerlin, Philip Koschel

Vor der Wende bedeutete Prenzlauer Berg: Bröckelnde Fassaden, Außenklos, im Winter eingefrorene Wasserrohne und Balkons, die einfach abfielen. Aber auch 15 Euro Miete, heimliche Künstlerateliers unter dem Dach und Kneipen, die mal hier, mal dort für einen Abend öffneten: ein Eldorado für Dissidenten und Künstler wie Katharina Thalbach, Thomas Brasch, Cornelia Schleime, Harald Hauswald. Sie lebten hier zwischen den Kohlenschleppern, Verkäuferinnen und Rotznasen, die im Hinterhof heimlich rauchten. Hier befand sich ein Mittelpunkt der friedlichen Revolution 1989.

Heute ist alles anders. 80 Prozent der Bevölkerung sind ausgetauscht, jetzt wohnen hier vor allem Westdeutsche, aber auch Franzosen, Briten, Spanier und Russen. Sie haben den Kiez schöner gemacht, aber auch gleichförmiger.

Schluss des Programms gegen 16 Uhr. 

Umstellungen und Änderungen im Detail sind möglich. Stand: 4. Dezember 2017