Die Illusion vom regionale Lebensmittel

Das Gute liegt so nah?

Der zeozwei-Korrespondent Jörn Kabisch beantwortet Fragen zum politisch und kulinarisch guten Essen.

Eine „Region“ ist in jedem Fall kleiner als Deutschland, meinten Befragte einer Studie der Stiftung Warentest Bild: barockschloss/flickr (CC BY 2.0)

Erst einmal die gute Nachricht: 76 Prozent aller Bundesbürger kaufen am liebsten regionale Lebensmittel. Das ist das Ergebnis des jüngsten Ernährungsreports, den das Bundeslandwirtschaftsministerium bei Forsa in Auftrag gegeben hat. Nun die schlechte Nachricht: Es gibt gar kein so großes Angebot, um rund sechzig Millionen Menschen zu befriedigen.

Richtig muss es heißen: 76 Prozent würden am liebsten regionale Lebensmittel kaufen. Und ich frage mich: Bei so großer Einigkeit – was muss geschehen, damit sie es auch endlich können? Nirgendwo klafft Realität und Wunsch so weit auseinander.

Der Grund dafür ist schon ein begrifflicher. Was darf man als regional verstehen? In der Theorie ist das einfach: Je kürzer der Weg eines Schnitzels vom Stall in die Küche, umso regionaler ist das Lebensmittel. In der Praxis ist das viel komplizierter, sodass ich mich manchmal frage, ob es den Menschen an einfachen Geografiekenntnissen fehlt.

So unterschiedlich, wie die Menschen

Ein Beispiel aus meinem Biomarkt. Ich führe dort schon seit längerer Zeit genauere Beobachtungen des Gurkensortiments durch. Das Jahr über kommt das Gemüse fast durchgängig aus Spanien und Holland, immer wieder aber auch aus Polen. Die polnischen Kisten mit Salatgurken leeren sich eigentlich nie. Gut, diese Gurken sind nicht ganz so gerade wie ihre Kollegen aus West- und Südeuropa.

Aber erstens ist die EU-Gurkenkrümmungsrichtlinie seit Jahren abgeschafft, zweitens dürfte der Krümmungsgrad für aufgeklärte Biokäufer kein Grund sein, denke ich mir. Auch, dass die polnischen Gurken mit Abstand billiger sind, hilft nicht. Ich habe nur eine Erklärung. Menschen in Ostberlin, rund achtzig Kilometer von der polnischen Grenze entfernt, sind Gurkenfelder in Almeria oder Zeeland gefühlsmäßig näher.

Die Stiftung Warentest hat vor ein paar Jahren Menschen gefragt, was sie unter „regional“ verstehen. Die Vorstellungen sind so unterschiedlich wie die Menschen. Einige begreifen Region als einen begrenzten Naturraum wie das Allgäu, die Rhön oder den Spreewald, andere meinen den eigenen Landkreis oder das Bundesland, in dem sie leben. Einig sind sich die Befragten nur, dass Region irgendwie doch kleiner sein muss als Deutschland.

Bedeutungsschwer ist der Begriff erst in den Achtzigerjahren geworden, als auch vom „Europa der Regionen“ die Rede war und die beginnende Globalisierung Angst machte, wie Sprachforscher meinen. Das Regionale steht seitdem für wie auch immer geartete, manchmal sogar sehr künstlich herbeigeredete politische, geografische, religiöse, mundartliche, kulturelle und angebliche auch räumliche Zusammenhänge, die aber einer echten Grenzziehung nie standhalten.

Eigentlich dienen sie nur als Distinktionsgewinn. Deshalb ist beispielsweise auch die objektive Vermessung des Weißwurst-Äquators unmöglich. Für die einen endet er gleich hinter der Münchener Stadtgrenze, für die anderen erst kurz vor Frankfurt am Main.

Nicht mehr als ein Anstrich

Trotzdem: „Regionalität“ ist der Anstrich, mit dem immer mehr Produkte verkauft werden. Erst recht, seitdem Verbraucher sagen, sie seien sogar bereit, dafür mehr auszugeben als für Biolebensmittel. Da wurden Eigenmarken kreiert, geschützte geografische Angaben definiert, Labels entworfen und Siegel definiert. Geholfen hat es nichts, es hat den Wust nur ins Chaos auswachsen lassen. Inzwischen werden schon Kaffee oder Schokolade als regionale Spezialitäten verkauft. Also Produkte, die einst das Kolonialwarenwesen erst entstehen ließen.

Doch es gibt Regionalität, die den Namen verdient. Im Einzelhandel, selbst im konventionellen Bioeinzelhandel sind sie nicht anzutreffen. Es sind kommunale und inzwischen auch einige gastronomische Projekte, die ihren Anspruch an Regionalität zwar sehr individuell definieren – das gehört zur Natur der Sache –, dann aber sehr konsequent neue Lieferketten aufbauen und mit Erzeugern und Herstellern und Wiederverkäufern verhandeln.

Städte wie Bristol, Rom, Zürich oder Toronto fördern nahe Landwirtschaft, lokale Großmärkte und örtliche Lebensmittelverarbeitungsbetriebe und vernetzen die Akteure. So zeigt sich: Wenn der lokale, nachhaltige Anspruch von Anfang bis Ende Prämisse ist, entsteht Regionalität, die gar kein Etikett notwendig hat.

JÖRN KABISCH ist kulinarischer Experte von zeozwei und beantwortet gern auch Ihre Frage. Schreiben Sie an: leserbriefe@zeozwei.de oder diskutieren Sie die aktuelle Frage auf unserer Facebook-Seite.