Griechenland, der „kranke Mann Europas“?

■ Athen liegt im Clinch mit der EG/ Delors: „Den Beitritt zu Europa verfehlt“

Macedonia is greek. Study the history“ steht — für Ausländer englisch geschrieben — auf unzähligen Aufklebern, auf Autos, auf den Bürgersteigen, in Geschäftsauslagen... Griechenland macht nicht nur eine tiefe wirtschaftliche und politische Krise durch, sondern regelrecht eine Krise seiner Identität; so erwachen auch Gespenster der Vergangenheit, etwa der Traum, das ehedem jugoslawische Mazedonien zu annektieren. Die allgemeine Mobilisierung zu diesem Thema geht quer durch die politischen Guppierungen. So hat die einst für linken Internationalismus stehende ehemalige Kulturministerin und Schauspielerin Melina Mercouri zusammen mit dem Nobelpreistärger Odysseus Elitis einen Appell unterschrieben, der „die Anerkennung der Republik von Skopje“ (so nennen die Griechen zur Vermeidung des ihnen teuren Namens Mazedonien) durch die EG unter dem Namen Mazedonien als schweren Schlag gegen Griechenland gebrandmarkt. In Brüssel entstehen derweil nicht nur wegen des Mazedonien-Streits immer stärkere Aversionen gegenüber der griechischen Regierung. Das ständige Veto Griechenlands gegen Wirtschaftshilfen der EG für die Türkei stört die Chancen für eine wichtiger gehaltene Zusammenarbeit mit dem Land, das in den Augen der Euro- Politiker für alle künftigen Strategien gen Osten von entscheidender Bedeutung ist. Um so weniger Hilfsbereitschaft besteht in Brüssel nun, wenn Griechenland mit all seinen wirtschaftlichen Leiden anrückt. EG-Präsident Jacques Delors hat Griechenland im Juni dieses Jahres bereits zum „kranken Mann Europas“ erklärt, der „seinen Beitritt zur EG verfehlt hat“. Jährlich zahlt die Gemeinschaft 500 Dollar „Hilfsgelder“ pro Kopf der zehn Millionen Einwohner Griechenlands, ein einsamer Rekord. Doch all dies hat weder in der Landwirtschaft noch in der Industrie die von Brüssel erwünschten Strukturänderungen hervorgebracht. Der Rüffel Delors' war eine kräftige Maulschelle für den konservativen Ministerpräsidenten Constantin Mitsotakis. Um zu zeigen, daß er die Vorgaben Brüssels einhalten kann — Abbau der Inflation (derzeit bei 17 Prozent), Privatisierung des gefräßigen Staatssektors, Einschränkung der staatlichen Ausgaben — hat er seinem Land eine Roßkur verordnet. Die aber, das zeigt sich schon jetzt, wird das Land wohl nicht überstehen.

So wurde das öffentliche Transportwesen in den Städten privatisiert: Massenentlassungen waren die Folge. Dieselbe Kur auch für das Energiewesen — die Entlassung von mehreren tausend Angestellten führte innerhalb weniger Tage zum Desaster, seither ist Athen jeden Tag mehrere Stunden ohne Strom. Die Staatsbanken streiken seit einem Monat gegen den Abbau von Sozialleistungen. Bis 1993 sollen mehr als 60.000 weitere Beamte entlassen werden — und dies alles, wo es keine einigermaßen den Namen verdienende Arbeitslosenhilfe gibt.

Für viele Beobachter setzt diese Politik dabei nicht einmal an der richtigen Stelle an: „Während sie den während der sozialistischen Ära tatsächlich über alle Maßen aufgeblähten Staatssektor angeht“, so ein Kritiker aus Mitsotakis eigener Partei, „werden die traditionellen Übel nicht kuriert“: etwa die Schattenwirtschaft, die 40 Prozent des Bruttosozialproduktes erwirtschaftet, ohne dafür Steuern zu zahlen, oder die mangelnde Erfassung der Bevölkerung für die regulären Abgaben — mehr als ein Drittel der Bürger existieren für den Fiskus überhaupt nicht. Für sie, die keineswegs die Ärmsten sind, galt schon immer das Motto: Griechenland ist unser Vaterland — und steuerfrei dazu.

Redakteur der italienischen Zeitschrift „Panorama“, für die dieser Artikel auch entstand.