Angst und Ekel

Fruit Chans Interesse an Körpersäften und Fleischlichkeiten war schon immer heftig und als Mittel der Sozialkritik nur bedingt entschuldbar. Auch in „Dumplings“ geht er die Geschmacksnerven hart an

Es beginnt mit einer Kamerafahrt über einen zarten, weißen Hals. Man sieht Schweißtropfen und Schluckbewegungen. Zwischendurch zeigt die zauberhafte Kamera von Christopher Doyle, dem Leib- und Magenkameramann von Wong Kar-wai, den Blick der Essenden, der ins Leere läuft. Sie scheint wild entschlossen – den Ekel aber, den kann sie sich dabei kaum verkneifen.

Wie sollte sie auch: Die Teigtaschen, die die schöne, reiche Hongkonger Ehefrau Qing Li da gerade verspeist, sind mit menschlichen Embryonen gefüllt. Daraus macht Fruit Chan in seinem neuen Film „Dumplings“, der in Deutschland mit dem blöden Zusatz „Delikate Versuchung“ betitelt ist, von Anfang an keinen Hehl. Qing hat ihre Jugend und damit die Liebe ihres Mannes verloren. Sie würde alles tun, diese wiederzuerlangen. Und Tante Mei, die moderne Hexe aus der Volksrepublik, hat das passende Hausmittelchen zur Hand.

Nun wäre es sicher ein Leichtes, „Dumplings“ als sarkastische Abrechnung mit Schönheitswahn und als mutige Kritik an der Ein-Kind-Politik in der Volksrepublik China zu verteidigen – dem Land, in dem viel abgetrieben wird, in dem Mei ihre Ware besorgt, in dem sie aber kaum an die viel wirkungsvolleren männliche Embryonen herankommt. Doch dieser Film ist mehr als ein moralischer Wink: Fruit Chan zeigt in „Dumplings“ auch seine Stadt Hongkong von einer ungewohnten Seite – so, als sei sie im Untergang begriffen. Da ist zum einen die surreale Welt der weltfremden Nouveaux Riches: Dazu gehören das Hotel, in dem das Ehepaar Li residiert, und ihr dekadentes Haus mit Garten, synthetischen Rehen und einem Pool. Da ist zum anderen der Wohnblock, in dem Tante Mei wohnt, so zerbröselt und unzeitgemäß, wie man sich eher ein Haus in einem vergessenen Winkel Chinas vorstellt.

Dazu passen die beiden Schauspielerinnen, die auch außerhalb ihrer Rollen als Repräsentantinnen dieser alten und ganz neuen Welt auftreten. Miriam Yeung, eine der populärsten Sängerinnen und Schauspielerinnen in Hongkong, gibt Qing Li, die frustrierte Mittvierzigerin mit Föhnfrisur und knappen Kostümchen, die ihre Schauspielkarriere für einen Mann aufgegeben hat, der sich heute kaum mehr für sie interessiert. Man sollte annehmen, Qing Li sei stärker als ihre letzte Rettung, als Tante Mei – schon allein wegen ihrer gesellschaftlichen Stellung.

Mei aber, die von der chinesischen Schauspielerin Bai Ling dargestellt wird, bildet den vitalen Kontrapunkt zur gelangweilten Qing Li. Sie mag in ihrer abgeschabten Bude, mit ihrer wirren Frisur und ihren ausladenden Gesten prolliger wirken als ihre Kundin – dennoch ist sie es, die freier lebt. Sechzig Jahre ist sie alt, sieht aber wegen strenger embryonaler Kost wie dreißig aus. Früher war sie in China Gynäkologin, daher ihre guten Beziehungen und Quellen. Am Ende des Films verlässt Mei Hongkong. Nun geht sie nach Shenzhen, der chinesischen Wirtschaftsmetropole, wo sie schneller an ihre Ware herankommen wird und wo die Kunden inzwischen mehr Geld haben werden.

Am mächtigsten und rätselhaftesten aber scheint Mei, wenn sie beim Kochen und Hacken alte chinesische Volks- oder Revolutionslieder singt und vierzig Jahre alte Fotos von sich zeigt, die wie aus dem Bilderbuch aus Maos Zeiten wirken. In diesen Momenten scheint der Blick des Regisseur aus Hongkong durch, dessen Film nicht gruselig genug war, um in seiner Stadt als Horrorfilm zu punkten, und nicht zahm genug, um in China gezeigt werden zu dürfen. Wie vom Rand her kommentiert er die Angst der Bewohner seiner einst so regen Inselstadt, die misstrauisch nach dem „Sprung des Drachen“ schielen – auf Energien und Verwerfungen, die Hongkong alt aussehen lassen.

Und trotzdem: Stärker als diese Analyse des Zusammenpralls zweier Welten in diesem Film ist das bewährte Interesse Fruit Chans an konkreter Körperlichkeit. Schon seine früheren Filme versteiften sich mit einer Wucht auf Säfte und Fleischlichkeiten, die es nicht zuließ, bis zum letzen Rest durch ihre Sozialkritik entschuldigt zu werden: „Durian Durian“ (2000) zeigte eine Prostituierte, die sich so viele Freier wegduschen muss, bis sich ihre Haut von den Füßen löst – in „Public Toilet“ (2002) kamen Hunde vor, die menschliche Leichenreste fressen. Auch „Dumplings“ ist dann am eindruckvollsten, wenn man beim Anblick der schlürfenden Neureichen vom puren Ekel überwältigt wird – wenn man seinen mitgebrachten Schokoriegel wegpacken muss und keine Kraft bleibt, dies irgendwie zu deuten.