Auch Heiden wollen ihren Spaß

Gegen den Weltjugendtag in Köln regt sich Protest. Religionskritiker propagieren eine „religionsfreie Zone“. Insgesamt aber ist das gesellschaftliche Klima milder als beim letzten Papstbesuch 1987

Weltjugendtag – das muss nicht sein, denkt sich so mancher. Es gibt eine Alternative zu dem Christenspektakel, das Mitte August den Großraum Köln erschüttert. Sie heißt „religionsfreie Zone“, ihr Motto ist „Heidenspaß statt Höllenqual“, ihr Logo sind betende Hände in einem Verbotsschild. Das soll provozieren. „Die Hippen kommen zu uns, die anderen müssen draußen bleiben“, wirbt Michael Schmidt-Salomon, Sprecher des „Heidenspaß“-Komitees und Geschäftsführer der Giordano-Bruno-Stiftung, für weltliche Vergnügungen. Parallel zum Weltjugendtag bieten die Religionskritiker Vorträge und Diskussionsveranstaltungen, aber auch Geselliges wie den „Freigeistigen Frühschoppen“, die „Kirchenaustrittsparty“ und natürlich eine „Heidenspaßparty“.

Dem angeblichen Weltjugendtag – es geht ja nur um katholische Jugendliche – kann das „Heidenspaß“-Komitee nichts Positives abgewinnen. „Das ist eine erzkonservative Veranstaltung mit Missionierungscharakter, ein Jungbrunnen für die alten Männer in der Kirchenhierarchie“, kritisiert die Dokumentarfilmerin Ricarda Hinz von der „Heidenspaß“-Gruppe. „Es geht nicht um Inhalte, sondern nur darum, IHN anzubeten.“ Das Ziel habe der Kölner Erzbischof Joachim Meisner ja auch klar benannt: „Reevangelisierung“. „In anderen Ländern sind Kirche und Staat getrennt“, empört sich Hinz. Hier finanziere der Staat Veranstaltungen wie den Weltjugendtag auch noch.

Meisners Reevangelisierung den Kampf angesagt hat Jacques Tilly schon länger. Der Düsseldorfer Bildhauer und „Heidenspaß“-Aktivist gestaltete dieses Jahr in seiner Stadt einen Karnevalswagen: Meisner verbrennt eine Frau auf dem Scheiterhaufen, die abgetrieben hat. Meisner habe mit einem seiner berüchtigten Ausfälle die Steilvorlage dafür geliefert, sagt Tilly. „Es war klar, dass das Kölner Karnevalskomitee das nicht aufgreift. Deshalb haben wir das in Düsseldorf gemacht.“ Die Kirche war natürlich empört.

„Die Linke damals in Köln fühlte sich durch den Papstbesuch herausgefordert“, sagt Winfried Wolf. Heute, meint der Düsseldorfer Künstler Jacques Tilly, fehlten die Subkulturen, die solche Proteste getragen haben

Als kleine Minderheit kommt sich die „Heidenspaß“-Fraktion dabei nicht vor. In Wirklichkeit gebe es längst mehr Konfessionslose als Katholiken in Deutschland, sagt der Sozialwissenschaftler Schmidt-Salomon. Außerdem teilten viele Katholiken gar nicht mehr die religiösen Grundlagen ihrer Kirche. „Weniger als die Hälfte glaubt noch an einen personalisierten Gott“, sagt Schmidt-Salomon – womit dann die Voraussetzung für Religion fehle. Mit dem Weltjugendtag würde die Kirche aber wieder so tun, als stünden alle Jugendlichen, die nach Köln kommen, hinter ihr, ärgert er sich.

Auffallend ist, wie wenig Protest gegen Ratzinger aus Köln selbst kommt. Eine offizielle Position zum Beispiel der Grünen-Fraktion im Kölner Rat gibt es nicht, berichtet deren Vorsitzende Barbara Moritz. Das Thema sei in der Partei umstritten. Ihre Partei trenne aber zwischen Weltjugendtag und Papst, dessen Ansichten auch die Grünen für kritikwürdig halten. So hat die Fraktion schließlich städtische Zuschüsse für die Veranstaltung abgesegnet – wenn auch nur mit knapper Mehrheit.

Als sie nach Gleichgesinnten in der Domstadt gesucht habe, habe sie erstmal keine gefunden, erzählt die Düsseldorferin Ricarda Hinz. „Die sind alle sehr eingeschüchtert durch den Papst-Hype“, vermutet sie als Grund dafür, dass selbst unter liberalen Christen so wenig Protest gegen Ratzinger laut wird.

Beim letzten Papstbesuch in Köln im Jahr 1987 war das noch anders. Der Besuch fiel auf den 1. Mai, erinnert sich Joachim Römer, einer der Aktivisten von damals. „Das haben viele als besondere Provokation empfunden.“ Linksradikale, Frauengruppen, Schwule, Gewerkschafter und andere haben damals Veranstaltungen organisiert, erzählt Römer. Höhepunkt der Proteste sei eine Demo gewesen: Die frisch ausgerufene Gegenpäpstin Johanna wurde dabei von nackten Männern auf einer Sänfte durch die Straßen getragen. „Das war ziemlich extraordinär“, sagt Römer heute. Es gab auch eine Massenzeitung gegen den Papst: BLIND, eine satirische Bild-Nachahmung. Winfried Wolf, heute Ex-Bundestagsabgeordneter der PDS, damals Journalist in Köln, hatte darin einen Artikel geschrieben, in dem er das Dogma der unbefleckten Empfängnis lächerlich machte – und wurde vom Bistum Speyer verklagt. Das Verfahren wurde eingestellt.

Warum gibt es solche Proteste heute so nicht mehr? Das gesellschaftliche Klima war anders, sagen alle Aktivisten. „Der Papst war damals nicht so beliebt wie heute“, so Römer. Mit Äußerungen zu Schwulen und Aids hätte der Papst die Leute aufgebracht. „Die Linke damals in Köln fühlte sich durch den Papstbesuch herausgefordert“, sagt Winfried Wolf. Heute seien Linke und Kirche einfach getrennte Welten, vermutet er. Und: „Das Thema Abtreibung war viel virulenter.“

Die Subkulturen, die damals solche Proteste getragen haben, fehlten heute, sagt auch Jacques Tilly. „Das muss man zur Kenntnis nehmen.“ Ihn wird das nicht abhalten, seine Wut ist groß genug. „Den Kirchen gelingt es immer wieder, die christliche Ethik als Leitkultur zu vermitteln“, empört er sich. „Dabei ist die ganze Freiheit, die wir haben, gegen die Kirche durchgesetzt worden.“