Eine tiefe, metaphysische Liebe

NEUKÖLLN Uli Hannemanns zweites Neuköllnbuch ist witzig, böse und wahr: An Kleinigkeiten erklärt es uns die Welt

Es ist die Liebesgeschichte des Jahres. Wenig glamourös und doch ganz tief und herzzerreißend: Uli Hannemann und Neukölln, die können nicht anders, die gehören zusammen. Hannemanns Buch „Neulich in Neukölln“ war eine erste, direkte Anmache an die Wahlheimat Neukölln. Das ist jetzt vier Jahre her. Die Aufgeregtheit der jungen Verliebten ist verflogen, ein Geheimnis nach dem anderen hat Hannemann gelüftet. Dann, vor zwei Jahren, „Neulich im Taxi“: Geschichten übers Autofahren und Keingeldverdienen, Neukölln nur einmal kurz erwähnt. Da geht noch was, dachte man. Und nun „Neukölln, mon amour“ – die endgültige Liebeserklärung. Endlich.

Eine gewisse Vertrautheit hat sich eingestellt, aber keine Langeweile: In 51 Texten erzählt Hannemann aus dem Leben rund um Hermannplatz und Hasenheide. Er lässt sich die Fahrradreifen aufstechen, sinniert über dämliche Jogger, lernt feengleiche Dealer kennen und erklärt nebenbei, wie sich Neukölln in den letzten Jahren verändert hat.

„Anekdoten vom Boden der Tatsachen“ lautet der Untertitel seines Buches. Das stimmt zwar irgendwie, ist aber zugleich maßlos untertrieben. Hannemanns Geschichten sind nicht einfach nur witzig oder überraschend oder böse, sie sind auch nicht bloß locker und nett, sondern verdammt intelligent und auf eine metaphysisch anmutende Art tief und wahr. Wer sie liest, lernt nicht nur etwas über Hundekacke, das Stadtbad Neukölln und Sauerscharfsuppe, sondern blickt auch der Fratze des Alltags direkt ins Gesicht. Man versteht die Widrigkeiten und logischen Fehler menschlicher Existenz.

Hannemann, der als Autor auch für die taz schreibt und regelmäßig an den Lesebühnen „LSD (Liebe statt Drogen)“ und „Reformbühne Heim & Welt“ teilnimmt, kommt aus dem kalten, grauen Braunschweig. Mit der Entschlossenheit einer kleinen, nervigen Katze, die jedes Mal wieder auf den verbotenen Küchentisch springt, erforscht er nun das Universum Neukölln. Skrupellose Bauarbeiter, verzweifelte Arzthelferinnen und bekloppte Kinder säumen seinen Weg. Er erzählt von zwanghaften Nazivergleichen am Wursttresen und einer toten Ratte auf der Straße, die unendlich oft überfahren wird.

Ein wiederkehrendes, doch nicht träge werdendes Muster von Hannemanns Texten ist dieses: Er erlebt etwas Klitzekleines, Unbedeutendes – ein Satz, eine kurze Szene. Dieses kleine Etwas zieht er dann an allen greifbaren Ecken in die Länge und Breite, dehnt es, bis es fast reißt, setzt sich dann noch mal drauf und walzt den Rest noch mit einem Nudelholz platt, bis aus dem kleinen Etwas ein dreiseitiger Text geworden ist, der die gesamte Bescheuertheit oder Liebenswürdigkeit oder Ausweglosigkeit des Weltgeschehens zeigt, meistens jedoch all das zusammen.

Dabei ist er sich nicht zu fein, in aller Ausführlichkeit seine Jagd nach dem geheimen Treppenhauspisser zu beschreiben oder mitzuteilen, wie er die Sexszenen eines Romans in der U-Bahn studiert, und die Frau neben ihm einfach mitliest: „Scheiße, ausgerechnet jetzt – vorher ging es 300 Seiten lang um Politik.“ Einige seiner Texte werden zu dreisten Sozialanalysen, andere zu knallhart frei assoziierenden Psychogrammen seiner Mitmenschen – um nicht zu sagen seiner Opfer.

Wieder andere Texte schwächeln leider durch den Platthumor des großen Jungen: Da nähert sich eine „Frau mit vier Möpsen“, die eben bloß eine Hundehalterin ist, die ihre vier Viecher spazieren führt. Da sieht der Protagonist bei Karstadt im Dachgartenrestaurant eine „Hübsche“, die „nimm mich“ zu sagen scheint und sich als ein Stück Erdbeertorte entpuppt. Haha, lacht die Leserin, noch nie gehört so was. Vielleicht gehört aber gerade das zur extremen Ehrlichkeit des Uli Hannemann, der die menschlicher Begierden und Abgründe nicht scheut, auch wenn sie womöglich seine eigenen sind. Vielleicht muss er deswegen alles zulassen, alles nehmen, wie es kommt, damit seine Leserinnen und Leser lernen zu verstehen, worin seine Liebe begründet ist: in der unendlich facettenreichen Schönheit und Wahrheit Neuköllns. Hannemann nimmt Neukölln, wie es ist – und umgekehrt.