Ein streibarer Mensch

Maria* ist grantig. Sie sitzt da und will sich nicht anziehen. Verschränkt die Arme. Guckt ihre Schulkameraden mit eingezogenem Kopf an. „Komm Maria“, sagen die Kinder, „es gibt heute Milchreis.“ Maria ist das egal. „Mag keinen Milchreis“, blafft sie den Jungen neben sich an. Und knufft ihn. Doch der lässt sich nicht beirren, er hält seiner Mitschülerin Schuhe hin, die sie schließlich mürrisch überstreift. Irgendwann ziehen sie dann los Richtung Kantine. Eine Schar Kinder, mittendrin Maria, zehn Jahre alt, untergehakt, das Mädchen mit einem Ast zu viel auf Chromosom 21.

Früger sagte man zu Kindern wie Maria: Du Mongo. Mongoloide, so hieß es, sind behindert, verrückt, nicht ganz dicht. Dass man mit einem Downsyndromkind zusammen hätte lernen können – undenkbar. Damals.

In der Waldhofschule in Templin sagt niemand Mongo. Keines der Kinder, die hier zur Schule gehen, käme auf die Idee, Maria als verrückt zu bezeichnen. Nicht normal zu sein, ist hier ganz normal. Alles ist anders.

„Hochbegabung und geistige Behinderung sind die zwei Pole eines Spektrums“

Früher war die Waldhofschule eine Förderschule für Verrückte, korrekt: Schule für geistig Behinderte, heute eine Schule für alle. Alle heißt wirklich alle. Hier soll nicht bloß die heilige Schuldreifaltigkeit überwunden werden – Gymnasium, Haupt- und Realschule –, hier gehen Behinderte und Nichtbehinderte in eine Schule. Sie lernen zusammen. Ein, zwei Behinderte in einer Klasse – das gibt es heutzutage oft. Die Waldhofschule aber, eine Einrichtung der gemeinnützigen Hoffbauer GmbH am Rande Templins, macht etwas, das unvorstellbar ist für die meisten Menschen. Sie mischt die Klassen fifty-fifty, halb behindert, halb nicht behindert. Und bekommt dafür möglicherweise an diesem Montag den deutschen Schulpreis.

Achtzehn Kinder sitzen zusammen in einer Klasse, das heißt, eigentlich sitzen sie nicht. Der übliche Trubel einer Grundschulklasse, die sich auf einen offenen Tag mit Eltern vorbereitet. Manche knobeln an letzten Aufgaben in ihren Arbeitsheften, andere basteln Schmuck. Viele laufen herbei, stellen Fragen, „wer bist’n du, wo kommst du her“. Und der Besucher merkt, dass in ihm bei jedem Schüler ein hässlicher Gedanke heraufzieht: „Gehörst du zu den Behinderten?“

„Das ist für uns ganz normaler Schulalltag, wir achten gar nicht mehr darauf“, sagt Birgit Beyer, eine aus dem dreiköpfigen Lehrerteam für die Klasse. Das stimmt – und auch wieder nicht, denn im Unterricht weiß die Pädagogin natürlich sehr genau, wer zur gehandikapten Hälfte ihrer Kinder gehört und wer zu der anderen. Aber halbiert wird nicht, die Waldhof-Kinder lernen nicht getrennt in zwei Gruppen, sondern zusammen. Die Kinder lernen gemeinsam – und doch vor allem jeder für sich. Was draußen, außerhalb der Waldhofschule, oft eine blöde Floskel ist, wird hier praktiziert: Individuelle Förderung. Anders ginge es gar nicht: „Jeder soll in seiner eigenen Geschwindigkeit lernen, auch Maria“, sagt Birgit Beyer.

Da kommt dieser Mann, ein Bär von Kerl. Wilfried W. Steinert, der Schulleiter, ist ein Energiebündel. Und dabei sehr warm, sehr freundlich und nachdenklich. Steinert hat im Jahr 2003 das Kunststück fertiggebracht, Integration im Waldhof einfach umzudrehen. Er integrierte eine Regelschule in eine Förderschule für geistig Behinderte. Die Nachfrage für die Waldhofschule von Kindern, die in keiner anderen Schule ihren Platz finden, sei enorm, sagt er. „Wir müssen aufpassen, die Mischung ist wichtig.“ Er will damit sagen: Hier werden auch normale Kinder gebraucht. „Das Projekt ist offensichtlich sehr erfolgreich“, sagt Frank Hohn, Geschäftsführer der Hoffbauer GmbH, die rund dreißig Schulen und Bildungseinrichtungen betreibt. Aber kann das denn gehen? Behinderte und Nichtbehinderte in einer Klasse? „Ja, indem wir den Lehrplan in Aufgaben zerteilen, die dasselbe Thema auf verschiedenen Niveaus behandeln“, sagt Pädagogin Beyer.

Maria sitzt auf dem Lesethron, von wo sie den anderen vorliest. Maria erfindet eine Geschichte. Sie ahmt Lesen nach, denn sie kann nicht lesen. Das ist egal, es zählt so viel, wie wenn Rosa „Der schlaue Urfin und die Holzsoldaten“ vorliest. Rosa macht es wie eine Schauspielerin, sie zieht alle in ihren Bann. Rosa ist eine exzellente Schülerin.

„Hochbegabung und geistige Behinderung sind die zwei Pole eines Spektrums“, sagt Wilfried Steinert, „dazwischen muss sich die ganze Vielfalt des Lernens entfalten.“ Das ist seine Lernphilosophie. Innovationen kommen meist von den Sonderlingen.

Steinert ist auch ein streitbarer Mensch. „Wo der auftaucht“, sagen seine Widersacher, „gibt es Krach.“ Steinert hat in den 90ern als Bildungsreferent der evangelischen Kirche Brandenburgs für einen gleichberechtigten Religionsunterricht gekämpft. Seit an Seit mit Bischof Huber – bis es pädagogische Differenzen gab. Da begann Steinert etwas Neues, der Bischof soll empört gewesen sein, dass ihm jemand den Rücken kehrte. Als Steinert später an der Spitze des Bundeselternrats zu oft „Schule für alle“ sagte, passte das den Elternräten der Gymnasiasten in Niedersachsen nicht. Sie organisierten einen Putsch gegen Steinert, den dieser erst zurückschlug – und dann zurücktrat. „Ich habe Besseres zu tun als mich mit Leuten über Begriffe herumzustreiten, ich will die Bildungssituation verbessern, zum Beispiel mit der Waldhofschule“, sagte er damals. Aber wie konnte er glauben, sich mit einer solchen Position im Bundeselternrat durchzusetzen? Da schmunzelt Steinert noch im nachhinein: „Ich habe als Bundeselternsprecher die Interessen aller Eltern zu vertreten. Ich wollte nicht verantworten, dass Kinder in Schulformen abgeschoben werden, in denen sie keine Teilhabechance bekommen.“

Typisch Steinert. Der Alles-oder-nichts-Mann. Er hat sich vom Fernsehtechniker bis zum Pastor hochgekämpft. Aber er hat nie nur für sich gestritten. Zusammen mit seiner Frau hat er zwölf Kinder großgezogen. Vier eigene und acht Pflegekinder. „Aus Kindern, die keiner mehr haben will“, sagt er, „müssen keine Professoren werden. Aber jeder, egal wie begabt er ist, hat ein Feuer in sich. Man muss es anzünden.“

Matthias liegt mehr in seinem Rollstuhl, als dass er sitzt. Er ist 21 Jahre alt und wird jetzt die Schule verlassen. Die Hände hält er seltsam verkeilt vor den Bauch, weil er an einer schweren Spastik leidet. Es scheint, als registriere er nichts. Doch als die Klassenkameraden von Maria, die zu seinem Abschied Musik machen, Gitarre spielen, beginnt Matthias zu beben. Er schnauft immer lauter, er schluchzt, er weint. Und auch die anderen können die Tränen kaum zurückhalten.

Matthias ist einer jener „Irren“, wie die Menschen in Templin leider manchmal sagen, die hier in die alte Förderschule für geistig Behinderte gingen. Die jetzt Jahrgang für Jahrgang durch die Schule für alle ersetzt wird. Matthias kann nicht sprechen, schreiben muss er mit einer speziellen Tastatur. „Trotzdem“, sagt Steinert, „wenn wir früher so weit gewesen wären wie heute, hätte Matthias vielleicht den Hauptschulabschluss schaffen können.“ Die Lernatmosphäre, das zeigen wissenschaftliche Untersuchungen, ist in gemischten Klassen viel förderlicher als in reinen Behindertengruppen.

Aber was lernen die anderen eigentlich, die so genannten normalen Kinder? Das ist eine Frage, auf die Birgit Beyer und Wilfried Steinert halb genervt, halb triumphierend reagieren. Genervt, weil es ja etwas Diskriminierendes hat, eine integrative Schule nur dann zuzulassen, wenn sie die Gesunden nicht behindert. Und triumphierend, weil sie es Schwarz auf Weiß haben, dass die Regelschüler in ihren Lese- und Rechenleistungen deutlich über dem Schnitt der Brandenburger Vergleichsarbeiten liegen.

Nirgends können Schulen so viel Geld und so viel Ruhm gewinnen wie beim Deutschen Schulpreis. Die beste Schule erhält 50.000 Euro, vier weitere Sieger je 10.000 Euro. Ausgewählt werden sie von einer Jury aus Bildungsexperten, darunter Generalsekretär Erich Thies von der Kultusministerkonferenz. Nominiert sind 10 Schulen aus ganz Deutschland, ausgewählt aus 170 Bewerbungen, darunter die Helene-Lange-Schule in Wiesbaden, die Montessori-Gesamtschule in Potsdam und die Waldhofschule in Templin. Der letzte Sieger war die Grundschule an der Kleinen Kielstraße in Dortmund, eine Schule mit 80 Prozent Zuwandererkindern. Gestiftet wurde der Preis von der Bosch-Stiftung und der Heidehof-Stiftung.

Eigentlich ist die Waldhofschule von Templin ein Traum. Etwas, das bisher in der deutschen Schullandschaft nicht möglich zu sein schien. Und: Der Traum von Templin ist womöglich noch nicht zu Ende geträumt. Denn kaum dass die Grundschüler ihrer Primarstufe entwachsen waren, tauchte ein Investor auf. Der Mann kaufte das Joachimsthalsche Gymnasium von Templin, will es wieder in Betrieb nehmen – und mit der Waldhofschule kooperieren. Um so eine Sekundarschule für alle zu ermöglichen.

Noch ist nichts entschieden. Der Hoffbauer-Geschäftsführer sagt: „Die Fortsetzung der Waldhofschule als Sekundarstufe wäre ein anstrebenswertes Projekt.“ Und das Joachimsthalsche Gymnasium, gegründet 1650 als preußische Vorzeigeschule, käme im 21. Jahrhundert erneut in diese Rolle.

* Namen der SchülerInnen von der Redaktion geändert