Marzipankartoffel aus Stahl

VEUVE CLIQUOT John Wayne der deutschen Publizistik: Kurt Scheel, Herausgeber des „Merkur“, geht in Pension

VON KATHRIN PASSIG

Nur nach Hause, nur nach Hause, nur nach Hause gehnwernicht!“, sang Kurt Scheel gegen fünf Uhr morgens in der offenen Tür lehnend. Er hatte leicht singen, denn er war ja schon zu Hause, in seiner 1.000 Quadratmeter großen Charlottenburger Merkur-Redaktion mit angegliedertem Heimkino. Nur wir Gäste mussten noch in die weit entfernten Stadtteile Berlins, in denen man als Inhaber erfundener Berufe so wohnt. Er sang es auch gar nicht so laut, denn Herr Scheel denkt selbst nach mehreren Flaschen Veuve Cliquot an seine Nachbarn.

■ Zeitschrift: „Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken“ heißt der Merkur im Untertitel. Er erscheint monatlich, Auflage ca. 5.000 Exemplare.

■ Disput: Unter den deutschen Intellektuellenzeitschriften ist der Merkur sicherlich diejenige, die in den vergangenen Jahrzehnten von den heftigsten Kontroversen begleitet wurde. Die Vereinigung von BRD und DDR wurde von Herausgeber Karl Heinz Bohrer ausdrücklich begrüßt, was etwa zum Bruch mit Jürgen Habermas führte, bis dahin einer der prominentesten Beiträger. Nach dem 11. September 2001 haben Bohrer und Scheel zusammen ein betont kämpferisches prowestliches Editorial geschrieben, das ihnen den Vorwurf der Islamfeindschaft einbrachte.

■ Fazit: Ein persönliches Resümee ihrer Herausgeberschaft ziehen beide Herausgeber in der aktuellen Ausgabe. Ihr Nachfolger ist Christian Demand. Er hat ab dem Januarheft die Federführung.

Kurt Scheel ist zu Unrecht vor allem dafür bekannt, dass er von 1980 bis 2011 zusammen mit Karl Heinz Bohrer den Merkur herausgegeben hat. („Nein, nicht den Münchner Merkur“, sage ich an dieser Stelle zu meinen Gesprächspartnern. Aber Sie als gebildete taz-Leser wussten bestimmt auch so, dass die Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken gemeint ist.)

Zu Gast bei Herrn Scheel

Weitgehend unbekannt und unterschätzt sind hingegen Scheels Fähigkeiten als Gastgeber. Die internationale Gastgeberqualitätsskala – die links mit „Besuch bei Frau Passig in einem feuchten Pappkarton, dazu ein Glas Wasser“ beginnt –, ist an ihrem rechten Ende mit „Filmabend bei Herrn Scheel“ beschriftet. Die Einladungen beginnen mit einem Hertha-Spiel – gute Plätze, die Karte bekommen Sie zugesandt –, umfassen einen Restaurantbesuch und enden im Redaktionsheimkino, wo Herr Scheel ausgewählte Filme vorführt, während seine Gäste knietief in Qualitätspralinen waten und die Getränke nie zu Ende gehen.

Ich suche bei diesen Filmabenden sehr gern das Scheel’sche Badezimmer auf, einen der wohlgeordnetsten Orte des Universums. Ich erbaue mich an den japanischen Morgenmänteln, der akkuraten Anordnung der Manikürewerkzeuge, ich stelle mir vor, wie der Mitherausgeberkörper zu sicher frühester Morgenstunde damit auf thomasmannhafte Weise von jeder Körperlichkeit befreit wird, und wie es wäre, selbst ein Leben von so reinlicher Aufgeräumtheit zu führen. Ach, das könnte schön sein! Suhrkamp-Klassiker bis ganz zum Ende lesen! Gründliches europäisches Denken!

Dieses hohe Maß an Zivilisiertheit, das Herrn Scheel umstrahlt, bringt die Leute auf falsche Gedanken. „Diese süße, gnubbelige kleine Marzipankartoffel von Mann wollte Krieg führen? Warum nur?“, kommentierte Lord Dahrendorf vor ein paar Jahren einen Artikel im Merkur, in dem Herr Scheel sich zu 9/11 geäußert hatte. (Okay, es war nicht Lord Dahrendorf, sondern Wiglaf Droste. Das sei aber ungerecht, fand Herr Scheel, schließlich kenne er Droste ja nun wirklich nicht sehr gut, und jetzt durchwandere diese Kartoffelmetapher auch noch seinen Nachruhm, nein, Ruhm. „Sie sollten lieber jemanden erwähnen, mit dem ich mich viel intensiver unterhalten habe als mit Wiglaf Droste, der mich besser kennt, sagen wir mal: Lord Dahrendorf.“) Lord Dahrendorf hat es ja nun selbst nicht leicht und wird meistens zusammen mit seiner Physiognomie rezensiert, laut Max Goldt sieht er aus „wie eine westfälische Bäuerin mit immensen Hormonstörungen“. Umso besser sollte er eigentlich wissen, dass man sich von anderer Leute Marzipankartoffelhaftigkeit nicht täuschen lassen darf.

Tatsächlich ist Herr Scheel nur außen herum mit Marzipan furniert. In ihm drin wohnt unter anderem Urs Theckel, sein monströses anagrammatisches Alter Ego. „Urs Theckel“, erklärt Herr Scheel, „ist erkennbar blöder als ich und auch sympathischer, also naiver. Er verbindet das Abgründige des Herrn Scheel mit dem fröhlichen Optimismus eines Zeit-Leitartiklers“, weshalb Theckel logischerweise auch einige Jahre lang eine Kolumne in der Zeit bewirtschaftete.

Jetzt, wo Scheel die Merkur-Mitherausgeberschaft niedergelegt hat (siehe dazu auch Jan Feddersens Interview in der taz vom 19. 9.), spielt er mit dem Gedanken an ein ganzes Urs-Theckel-Buch. Das wird voraussichtlich zu einem derartigen Erstarken Theckels führen, dass er eines Tages eine verbrecherische Solokarriere einschlagen muss wie in Stephen Kings „Dark Half“.

Es wird dann einiges zu tun geben für Theckel, wenn er dem „Abgründigen des Herrn Scheel“ eine Stimme und zwei Fäuste verleihen will: „Meine Verachtung – das muss ich gestehen, es ist wirklich Verachtung – gilt einem Großteil der Journalisten. Besonders widerwärtig und abscheulich sind ja die TV-Fritzen, und wenn ich Nachrichtensendungen sehe: Gott, was haben die einen Durchblick und was wissen die alle Bescheid! Also wirklich, da würde ich gerne handgreiflich werden. Na ja? Und Leitartikler möchte ich auch verprügeln.“ Herr Scheel kichert freundlich, als er das sagt.

Denn Herr Scheel ist eine Marzipankartoffel aus Stahl. Das habe ich herausgefunden, indem ich einen Myers-Briggs-Persönlichkeitstest gemacht und mir dabei vorgestellt habe, ich sei Kurt Scheel. Jemand, der wie Herr Scheel in den 80er Jahren Brigitte-Abonnent war, kann nichts gegen einen seriösen Psychotest haben, und der ergibt, dass Herr Scheel durch und durch mit Urteilen angefüllt ist. Ich will darüber gar nicht urteilen, denn mir ist dieser Wesenszug fremd, wo in Herrn Scheels Testergebnis das Judging sitzt, da kommt bei mir Perceiving („Gneißen“) heraus. Solcherart ausgestattet, gneiße ich mit wissenschaftlicher Präzision, dass für Herrn Scheel jeder Tag Judgement Day ist. Dreißig Jahre lang täglich sieben Zeitungen zu lesen, das kann auch dem Friedlichsten schlechte Laune machen.

Aber wahrscheinlich war Herr Scheel schon vorher gar nicht so friedlich und schuld ist vielmehr das Kino, wie man in seinem 1998 erschienenen Buch „Ich und John Wayne“ nachlesen kann: „Der Western, fürchte ich, hat mein Weltbild stark geprägt: Man muß geduldig und freundlich sein, und dann muß man sie erschießen.“ Die beiden männlichen Protagonisten in Polanskis gerade in den Kinos laufenden „Gott des Gemetzels“ führen ihren Glauben ans Gemetzel ebenfalls auf John Wayne und Ivanhoe zurück, obwohl sie dafür eigentlich zu jung sind. Das lässt sie deutlich besser aussehen als ihre hysterisch kreischend für friedliche Konfliktlösungen plädierenden Ehefrauen Jodie Foster und Kate Winslet. Aber da Polanski selbst im besten Alter für eine Prägung durch John Wayne und Ivanhoe ist, kann man eine gewisse Parteinahme auch hier nicht ausschließen.

Dreißig Jahre lang täglich sieben Zeitungen zu lesen, das kann auch dem Friedlichsten schlechte Laune machen

Simulierte Bescheidenheit

Dabei gibt es im Frieden so wenig Gelegenheit zum Erschießen von Leuten. Die Berliner Verkehrsbetriebe werben derzeit unter dem Motto „Deine Waffe gegen Gewalt“ mit Bildern von Menschen, die mit zur Pistole geformten Hand bei Bedarf den Notrufknopf drücken („Notruf drücken – Zivilcourage zeigen“). Es sind schlechte Zeiten für die Bürger Ivanhoe, Wayne und Scheel. Auch die damsels müssen nicht mehr so oft aus distress gerettet werden wie früher, und nur ein einziges Mal, im Winter 1972, stand Herr Scheel zur rechten Zeit am Tegeler See, wo er ein im Eis eingebrochenes Kind aus dem Wasser zog und dafür die Berliner Rettungsmedaille am Bande bekam. Das ist nicht irgend so eine Kaugummiautomaten-Medaille: „Die Rettungsmedaille am Bande wird nur an diejenigen Personen verliehen, die unter besonders schwierigen, mit erheblich eigener Lebensgefahr Menschen aus Lebensgefahr gerettet haben oder eine von der Allgemeinheit drohende Gefahr abgewendet haben und dabei ein besonderes Maß von Mut und Opferbereitschaft erbracht haben.“

Ich erfuhr davon nach fast zwanzig Jahren Scheelbekanntschaft, und Herr Scheel erzählte es erst, nachdem das Gespräch ohne sein Zutun auf Eiswasser und Unterkühlung gekommen war. So bescheiden ist er, oder so professionell im Simulieren von Bescheidenheit, beides seltene Gaben. Seine Bescheidenheit ging so weit, dass er Medaille und Urkunde umgehend verlor. Falls also ein Mitarbeiter des zuständigen Bezirksamts diesen Beitrag liest: Ich glaube, Herr Scheel würde sich über Ersatz freuen und ihn hin und wieder an die Brust heften, wenn gerade niemand hinsieht.

Im Western werden Männer, die eigentlich nur in Frieden leben und die Zeitung lesen wollen, durch die äußeren Umstände genötigt, in den Kampf zu ziehen. Herr Scheel wird durch die äußeren Umstände genötigt, in Frieden zu leben und die Zeitung zu lesen. Und man braucht sich nicht vorzustellen, dass das zweite Leben einfacher ist als das erste.

Kathrin Passig (geb. 1970 in Deggendorf) lebt in Berlin und ist Merkur-Autorin. Sie hat gerade mit Aleks Scholz und Kai Schreiber „Das neue Lexikon des Unwissens“ bei Rowohlt veröffentlicht