Keinen Bock auf Blog

FANZINES Beim Zinefest in der Neuköllner „Werkstatt der Kulturen“ präsentieren MacherInnen ihre Do-it-yourself-Magazine

Tack, tack, tack – eine Schreibmaschine rattert im Hinterzimmer, ein junger Mann mit wirrem Haar sitzt davor und haut ein paar Zeilen auf ein Blatt aus einem Schulheft. Ein junges Mädchen sitzt daneben, schneidet Babyköpfe aus Magazinen aus und bastelt eine Collage daraus. Das Klackern der Scheren, das Kritzeln mit fetten Filzern, das Reißen von Stoff. „Nur an die Button-Maschine trauen sich die Leute noch nicht so recht ran“, sagt Steffi, eine der Helferinnen, und nimmt einen gefertigten Button in die Hand. „Zinefest Berlin 2011“ steht auf dem Anstecker.

Das Zinefest feiert in diesem Jahr in der „Werkstatt der Kulturen“ in Neukölln. Fanzine-Macher aus ganz Europa präsentieren ihre Hefte. Fanzines – das sind Postillen, die meist in Heimarbeit und ohne kommerziellen Verwendungszweck hergestellt werden; oft sogar manuell, mit Schere, Klebestift und Kopierer. „In den letzten Jahren waren die Fanzines etwas in der Versenkung verschwunden“, sagt Mitorganisatorin Kathrin, „jetzt wird’s aber langsam wieder mehr – mit unserem Treffen wollen wir dazu beitragen, diese Form der Subkultur zu bewahren.“

Am Tisch wird collagiert und experimentiert wie weiland bei William S. Burroughs

Handgemachte papierne Hefte, die man im Klub oder im Atelier an Freunde und Interessierte verkauft – geht das nicht längst über Blogs alles viel billiger und einfacher? „Nee, viele haben auch schon gesagt: ‚Keinen Bock auf Blog‘ “, sagt Kathrin, „die brauchen einfach wieder den Austausch und den Kontakt mit den Käufern des Heftes.“ Und sie wollen das haptische Medium – auch darin begründe sich die Renaissance des Fanzines.

Antoine führt sein ausfaltbares Siebdruck-Leporello vor. „Ich verkaufe meinen Kram seit drei Jahren“, sagt er. „Durch’s Fanzinemachen ist für mich ein Netzwerk von Freunden entstanden.“ Antoine – groß, schmal, bärtig – ist aus Lille gekommen und zeigt neben Siebdrucken seine Artzines, also Comic- und Kunsthefte. Er findet Fanzines auch historisch bedeutsam: „Ich habe Leute getroffen, die 68 in Paris revoltiert haben und da schon politische Fanzines gemacht haben – das war so cool.“ Erste Fanzines entstanden aber bereits in den dreißiger Jahren, relevant wurde das Medium vor allem im Punk ab Ende der Siebziger. Im Probierraum ist der Tisch nach wie vor voll besetzt. Auch die Buttonmaschine wird mittlerweile bedient: Ein junger Mann kreiert aus einem „Bravo“-Poster einen Anstecker.

Steffi überblickt den Tisch, malt selbst vor sich hin. „Eine Zinemacherin hat mir mal gesagt, allein die Form von Fanzines rege die Leute zur Beschäftigung damit an.“ Gerade das Amateurhafte mache den Reiz aus – entwickelten sich die Fanzines erst zu Magazinen wie am Kiosk, so verschwände dieser. Ihren Reiz spürt man auch hier im Raum: Es wird collagiert, montiert, experimentiert – der Tisch sieht aus wie das Arbeitszimmer von William S. Burroughs.

Dessen Willen zur Entgrenzung lässt sich schon bei den Hefttiteln am Zinefest erahnen. Das „Abnormal Journal“ stellt sich vor, daneben sind die „Lipstick Terrorists“, einen Stand weiter stellt eine Frau ihre „Adventures in Menstruating“ vor. 40 Zines sind insgesamt vertreten, Queer/Feminist- genauso wie Punk-, Kunst und Comic-Hefte. Alle selbstverständlich handgefertigt, mit etwas Glück sogar mit selbst gebackenem Keks als Beigabe – er wird den Käufern persönlich ans Heft getackert.

JENS UTHOFF