Der Vorkämpfer

Für seinen Ruhestand hat sich der ehemalige evangelische Pastor Hans-Jürgen Meyer vorgenommen, noch ein paar weniger alltägliche Dinge zu tun. „Letztes Jahr bin ich 800 Kilometer auf dem Jakobsweg durch Spanien gewandert, dieses Jahr habe ich das Buch herausgebracht“, sagt Meyer. „Und nächstes Jahr werde ich mich dann verpartnern.“

Heiraten wird der 62-jährige Meyer seinen Freund – und diese Trauung mit einem Mann hat eine gesellschaftspolitische Dimension: Der Hannoveraner Meyer wurde in den 1980er Jahren als bekennend schwuler Pastor zu einem Präzedenzfall in der evangelischen Kirche. Wegen des Zusammenlebens mit seinem Partner – im Pfarrhaus! – und eines öffentlichen Bekenntnisses zur Homosexualität wurde er 1984 nach zwei Disziplinarverfahren des Amtes enthoben. Seine Lebensgeschichte hat Meyer nun als Buch veröffentlicht. Der Titel: „Lieben – Leiden – Lachen. Ein schwuler Pastor erzählt“.

Natürlich habe es auch in anderen Landeskirchen homosexuell lebende Pastoren gegeben, sagt Meyer, aber dort sei die Sache still gelöst worden: „Keine andere Landeskirche hat ein Disziplinarverfahren angestrengt.“

Das Buch enthält unter anderem eine Dokumentation der Auseinandersetzung, die Meyer mit der Kirchenleitung führte. Das Ergebnis des jahrelangen Rechtsstreits war, dass Meyer zwar nicht rausgeschmissen wurde, aber in den „Wartestand“ versetzt: Der Pastor durfte fünf Jahre lang nicht predigen, beerdigen oder trauen. Im Jahr 2000 verschaffte ihm dann Margot Käßmann eine halbe Stelle als Krankenhausseelsorger in der Henriettenstiftung in Hannover. 2005 übernahm Meyer zusätzliche Aufgaben in der Behindertenarbeit, der Wartestand wurde formell aufgehoben.

Nach wie vor ist Meyer Sprecher der hannoverschen Abteilung der Gruppe „Homosexuelle und Kirche“. Sein Kampf hat sich gelohnt, bilanziert er: „Heute kann man als schwuler Pastor oder lesbische Pastorin mit Partner im Pfarrhaus leben, wenn die Gemeinde einwilligt.“