Taxifahrt im Klassenzimmer

LEBENSENTWÜRFE Wenn die akademische Laufbahn in die Sackgasse führt, bleibt noch das Taxifahren. Das kann schließlich jeder. Doch was ist dran an diesem Klischee? Innenansichten einer Berliner Taxischule

„Cem*, fahre von Ibis Berlin-Spandau nach Berliner Congress Center.“ Mit dieser Aufforderung beginnt Cems Taxifahrt durch Berlin: „Ruhlebener Straße geradeaus, Charlottenburger Chaussee geradeaus, Spandauer Damm geradeaus.“ Während er die Route abspult, wickelt sein Lehrer geduldig einen Bindfaden mit seinen Fingern auf. Die anderen Schüler der „Taxi Akademie“ in Kreuzberg fahren in Gedanken mit. Kurz vorm Ziel kommt Cem ins Stottern, nach der dritten falschen Abbiegung muss er das fiktive Steuer übergeben. Diese Taxifahrt findet im Klassenzimmer einer Taxischule statt. Der arbeitslose Akademiker, der ungelernte Arbeiter, der perspektivlose Migrant – Klischees über Taxifahrer gibt es viele. Der Beruf gilt als Auffangbecken für gescheiterte Existenzen.

Der 44-jährige Taxischüler Adam* hat andere Erfahrungen gemacht: „Eine gute Festplatte ist wichtig.“ Neben 1.400 Straßennamen muss ein Taxifahrer in Berlin die Lage etlicher Hotels, Sehenswürdigkeiten und Kultureinrichtungen kennen. „Allein für diese 700 Objekte ergeben sich quadriert 490.000 mögliche Verbindungsstrecken“, sagt die 37-jährige Dozentin Katrin*. Sie ergänzt: „Die Taxiprüfung hier ist eine der härtesten Europas.“

Fünf Monate haben die Schüler Zeit, um sich jeden Winkel des Berliner Straßennetzes zu merken. Kadim* ist bei seinem ersten Versuch daran gescheitert. Für seinen Taxischein nimmt der 43-Jährige den zweiten Anlauf. „Taxifahren ist ein sicherer Nebenjob, man verdient gutes Geld und ist zeitlich flexibel.“ Auch die 42-jährige Musikschullehrerin Yasemin* sagt: „Taxifahren ist eine ideale Ergänzung zum Unterrichten. Früher habe ich Pizzen ausgeliefert, aber Autofahren macht mir einfach mehr Spaß.“ Eine gewisse Koordinationsfähigkeit ist unverzichtbar, meint Adam. „Du musst auf den Verkehr achten, die Zentrale funkt dich an, dein Handy klingelt und dein Fahrgast quatscht dich voll.“ Eine gefestigte Persönlichkeit halten alle drei Taxischüler für die wichtigste Voraussetzung. „Man muss sich selbst kennen“, sagt Yasemin. Adam greift zu einem Vergleich: „Ein Fahrgast ist wie ein Ehepartner.“ In einer Ehe sind Kompromisse unverzichtbar. „Ich unterhalte mich gerne mit Fahrgästen. Bei heiklen Themen wie Politik habe ich mir aber angewöhnt zu schweigen.“

Wer diesen Herausforderungen gewachsen ist, kann auf dem Taxifahren „hängen bleiben“, wie es Dozentin Katrin ausdrückt. Schon vor elf Jahren setzte sie sich zum ersten Mal ins Taxi, um ihr BWL-Studium zu finanzieren. Das Studium hat sie nie abgeschlossen, aber als gescheiterte Existenz empfindet sie sich nicht. „Wenn Menschen nicht mehr vom Taxifahren loskommen, dann wollen sie im Grunde auch gar nichts anderes machen“, erklärt sie. „Taxifahren ist keine Notlösung, sondern für viele ein Neuanfang.“

*Namen geändert