Den sozialen Muskel trainieren

KUNSTPROJEKT Eine Gemeinschaft, die nicht immer nur kapitalistisch verwertbar sein soll: Der Social Muscle Club erprobt neue Formen des Miteinanders. Statt auf Professionalität setzen die Macher lieber auf Experimente

VON CLAUDIA BASRAWI

Der Social Muscle Club hat eine Kerngruppe, das sind Jill Emerson, Jared Gradinger, Rahel Savoldelli, Till Rothmund. Angefangen hatte alles vor ein paar Jahren in Jills Wohnzimmer mit Diskussionen, dass die Zeit reif sei für Veränderung. Es war ein echtes Bedürfnis und eine Energie, die nur aus einer Krise heraus entsteht. Allen war irgendwie klar, dass die Überforderung des Einzelnen nur durch eine Gemeinschaft oder gemeinsames Bewusstsein überwunden werden kann. Aber was für eine Gemeinschaft sollte das sein? Man muss es einfach ausprobieren und den sozialen Muskel trainieren! Ein Projekt entstand, das Kunst und Soziales miteinander verbindet – aber so, dass es Spaß macht.

Erst später stellte sich heraus, dass die Idee von Josef Beuys’ Sozialer Plastik und die Behauptung, dass jeder Mensch ein Künstler sei, dem Grundgedanken von SMC sehr nahe kommt. Eine Gemeinschaft sein, die durch künstlerisches Denken und Empfinden belebt wird und nicht immer nur von kapitalistischer Verwertbarkeit bestimmt ist, das ist Grundgedanke des Social Muscle Club. Und er stellt die Mitglieder immer wieder vor neue Herausforderungen.

Nach anderthalb Jahren verließ die Kerngruppe Jills Wohnzimmer. Die neuen SMC Sessions fanden in den Sophiensaelen statt. Das Publikum hat sich geübt im Geben und Nehmen – das ist das Prinzip –, aufgelockert durch Musik und Showeinlagen. In einer Garagensiedlung in Pankow mit Hobby-Keller-Ambiente luden die Sophiensaele den SMC für ihre Eröffnung von „Menschen in Garagen“ ein. Statt in einem großen Saal saßen jeweils zehn Leute in einer Garage. Es war ein Experiment, die Atmosphäre intim.

Es gab eine professionelle Pop-Performance auf einem Autodach von Transformer di Robota. Dann wollte ein brasilianischer Bondagekünstler Berlin kennenlernen und bot als Gegenleistung seine Fesselkünste an. Spontan ließen sich zwei Mädchen aus dem Publikum verknoten. Danach haben fünf Obdachlose, mit denen Jill Emerson arbeitet, aus vollem Herzen Schlager gesungen.

Im SMC funktionieren drei so unterschiedliche Akts nebeneinander. Sie ergeben Sinn. Die „Trying to Talk“-Tour im Sommer 2014 hatte bewirkt, dass der Kreis um den SMC größer wurde, mit dem Resultat, dass einige ihre eigenen Ideen vorstellten. Sie wollten auch Teil des SMC werden. Dann kam die Frage auf, ob man ein Gremium braucht, das entscheidet, was die richtige Mischung aus Kunst, Popkultur und sozialem Austausch ist – und wie es überhaupt weitergehen sollte.

In Berlin hatte es der SMC inzwischen zu Fame und Publicity gebracht. Das ist nicht verwunderlich, denn die Mitglieder sind alle großartige Performer mit Charisma und Profil. Aber sich einfach auf diesen Lorbeeren ausruhen, war nicht das Ziel.

Also erst mal pausieren, da sich die Sache nicht richtig angefühlt hat. Trotzdem wollte der SMC wachsen. Doch im engen Kreis funktioniert das nicht. Nach ein paar Monaten stand fest: „Give it away!“ Lass andere das Format nutzen. Das interaktive Grundkonzept bleibt.

„Gift for the future“ ist das Motto des nächsten SMC, der am 13. Februar von „nowMomentnow“ in den Sophiensaelen veranstaltet wird. In Bristol gab bereits einen SMC ohne die Kerngruppe, und mit ein wenig Geburtshilfe soll auch in der Baseler Markthalle ein SMC entstehen.

Das zweite Projekt nennt sich Practice – Soziale Praxis Üben – und findet einmal im Monat in den Ufer Studios statt. Was kann das sein? Fußreflexzonenmassage, Blumenbeet bauen? Die SMCs hatten kein Interesse an einem klassischen Workshop. Sondern an einer sozialen Praxis, die sich noch im Experimentierstadium befindet. Im Expertenstadium lernt man den Menschen nicht so gut kennen wie in der ganzen Unsicherheit des Suchens, war der Gedanke.

Juli Reinartz hatte ihre Idee während der „Trying to Talk“-Tour vorgestellt. Sie bot an, psychologisches und ökologisches networking zu praktizieren. Obwohl die anderen SMCs sich darunter nichts Genaues vorstellen konnten, ließen sie sich gern überraschen. Das Setting in dem Raum war nicht ungewöhnlich, aber was dann tatsächlich dort geschah – etwas mit Pflanzen –, war für die Gruppe völlig neu.

Jill hat es sehr gefallen, und trotzdem blieb für sie die Frage, ob das für die Welt da draußen wichtig ist. Die nächste Practice Idee für den 17. Februar in den Uferstudios kommt direkt aus der ersten Gruppe. Der SMC gibt den Leuten so ein Gefühl, dass Vertrauen entsteht und die Sache weiter wachsen kann. Sie lassen sich darauf ein. „Give it away.“