„Und das wirkt nun weltweit“

In Rojava sehen wir eine echte Frauenrevolution – die ohne die PKK nicht zu verstehen ist. Ein Gespräch mit Dilar Dirik, die über die kurdische Frauenbewegung forscht

■ Dilar Dirik, Jahrgang 1991, ist kurdische Aktivistin und Doktorandin an der Universität Cambridge. Lesenswert: ihr Blog dilar91.blogspot.de

INTERVIEW SYBILLE BIERMANN

taz: Wie sind Sie dazu gekommen, sich mit der kurdischen Frauenbewegung auseinanderzusetzen? Ich bin selbst eine kurdische Frau und als Asylbewerberin nach Deutschland gekommen. Somit war Politik immer relevant für mein Leben. Als ich damit begonnen habe, mich auch akademisch mit kurdischen Frauen zu befassen, war das ein Underdog-Thema. Es gab kaum Quellen, auf die ich mich stützen konnte. Jetzt gibt es ein großes Interesse und ich werde angesprochen. Das hat erst mit den Morden an Sakine Cansiz, Fidan Dogan und Leyla Saylemez 2013 in Paris begonnen. Freut Sie das aktuelle Interesse? Einerseits – aber in den Medien wird der Kampf der Frauen oft banalisiert. Dass die Frauen schon lange ideologisch aufgestellt sind und nicht plötzlich aus dem Nichts gekommen sind, wird übergangen. Stattdessen wird das auf einer ganz banalen Mädchen-gegen-harte-Jungs-Ebene dargestellt. Der Kampf der Frauenbewegung geht weit über die aktuelle Situation mit dem IS hinaus. Wie sind die Frauen organsiert? Unter der Dachorganisation Yekitiya Starin Rojava, zu der auch die Frauenverteidigungseinheiten YPJ gehören, gibt es Frauenräte, Kommunen, Kooperativen und Akademien, in denen Frauen militärisch aber auch politisch ausgebildet werden. In der Verwaltung sind Frauen gleichberechtigt präsent, es gibt Frauenquoten und es gilt das Prinzip der Ko-Präsidentschaft. Posten sind also jeweils von einer Frau und einem Mann besetzt. Darüber hinaus gibt es eine ganze Reihe an Organen, in denen sich Frauen wirtschaftlich und sozialautonom organisieren. Darin sind auch assyrische und arabische Frauen vertreten, das ist im mittleren Osten ein einmaliges Modell. Es geht also auch um die Revolution innerhalb der eigenen Gesellschaft, nicht nur umden Krieg. Eines der wiederkehrenden Bilder ist die Angst der IS-Kämpfer, dass ihnen das Paradies verwehrt bleibt, wenn sie durch Frauenhand sterben. Genau. Das System des IS ist auf die systematische Zerstörung von Frauen ausgerichtet, ein Feminizid. Daher zielt der Kampf der Frauen auch auf diese Ideologie ab. In den westlichen Medien wird das aber so dargestellt, als ginge es lediglich darum, dass der IS Angst vor Frauen habe. Man erschafft so einen sympathischen Feind des IS, ohne die Forderungen der Frauen selbst zu unterstützen. Gibt es dafür Gründe, dass dem ideologischen Unterbau der Frauenbewegung aus dem Weg gegangen wird? Die kurdische Partei der Demokratischen Union, PYD, ist der PKK zwar nicht organisch, aber ideologisch verbunden. Die PKK und Öcalan werden aus der Debatte jedoch ausgeklammert. Dabei beziehen sich die Frauen direkt auf deren Ideologie und frühere Kämpfe von PKK-Frauen in der Türkei. Ohne diesen Hintergrund kann man die Bewegung nicht verstehen und wird ihr auch nicht gerecht, auch wenn die PKK als terroristische Organisation angesehen wird. Sie sehen in Rojava ein Modell, sogar eine Avantgarde einer freien Gesellschaft. In Rojava werden alle Bevölkerungsgruppen integriert, die Befreiung der Frau gilt als ein Kernprinzip. Für viele Frauen hat sich dadurch ihr Leben verändert. Sie werden nicht einfach wieder in ihr altes Leben zurückkehren, wie man es so oft in anderen Revolutionen gesehen hat, in denen die Frauen zuerst mobilisiert und dann vergessen wurden. Rojava ist eine Frauenrevolution, und der Erfolg der Bewegung wird an der Stellung der Frau in der Gesellschaft gemessen. Dabei hat man das Tabu einer bewaffneten autonomen Frau gebrochen – und das wirkt nun weltweit. Welche konkreten Forderungen haben Sie im Anschluss an die weltweite Aufmerksamkeit? Aktuell unterliegt Rojava einem Embargo und ist somit auf sich gestellt. Medizin, Nahrung aber auch NGOs kommen nicht durch, es fehlt an allem. Gleichzeitig reisen viele Flüchtlinge ein, um in Rojava Schutz zu suchen. Das Embargo muss weg, sonst verhungern die Menschen. Die Rojava-Verwaltung muss anerkannt werden, denn sie bietet dem Nahen Osten eine wahrhaftig alternative Perspektive. Auch das PKK-Verbot sowie die Veränderungen, die in der Partei stattgefunden haben, müssen überdacht werden. Es sind letztendlich die Ideen der PKK, die hier in Rojava gerade umgesetzt werden, mit denen Frauen gegen den IS kämpfen und internationale Aufmerksamkeit bekommen. Mit einem Festhalten an dem PKK-Verbot werden Kurden weltweit kriminalisiert, auch inDeutschland. Es schränkt auch meine akademische Arbeit ein. Das muss sich ändern.