Fukushima und wir

JAPAN Die atomare Katastrophe in Fukushima dauert an. Eine Bücherschau zwischen Aufarbeitung und Vorausblick

In Japans Nordosten werden die Menschen noch lange mit den Folgen der dreifachen Katastrophe vom 11. März kämpfen. Die Reaktoren des AKW Fukushima sind noch nicht unter Kontrolle, doch inzwischen sind gleich drei Bücher über die Katastrophe und ihre Folgen erschienen. Als das schwere Beben vor gut einem halben Jahr einen Tsunami und Atom-GAU auslöste, waren die Autoren gerade jeweils in Tokio. Protokollarisch beschreiben sie deshalb zunächst alle ihre jeweils persönlichen Erlebnisse in den ersten Tagen. Sie versuchten sich nach ihren Angehörigen zu erkundigen, was angesichts des gestörten Handynetzes nicht einfach war, und wurden zugleich immer wieder von nervenzehrenden Nachbeben durchgerüttelt.

Der ZDF-Korrespondent Johannes Hano behält in „Das japanische Desaster. Fukushima und die Folgen“ die Tagebuchform fast bis zum Ende durch. Als journalistischer Beobachter, der zugleich von Entstehung wie Vermittlung der Nachrichten über die Katastrophe berichtet, steht er dabei selbst im Mittelpunkt. Zwar lässt er auch Hintergründe einfließen, doch ist das sehr journalistisch geschriebene Buch von den dreien am emotionalsten und persönlichsten. Mit Sätzen wie „Ja, für wie blöd halten die uns denn?“ oder „Das wird ja immer absurder hier“ geht er bewusst über neutrale Beschreibungen hinaus und verweist auf die vielen Widersprüche der offiziellen Informationspolitik.

Der Bonner Japanologe Reinhard Zöllner und der Leiter des deutschen Instituts für Japanstudien in Tokio, Florian Coulmas und seine Koautorin, die niederländische Tokio-Korrespondentin Judith Stalpers, wenden sich in ihren Büchern stärker den Hintergründen zu. Sie erklären so populärwissenschaftlich wie aufschlussreich Japans Erdbebengeschichte und seine bisherige Atomenergiepolitik.

Zöllner widmet sich dabei in „Japan. Fukushima. Und wir“ ausführlich der japanischen Kultur bis hin zur Rolle der Technologie darin und dem Genre des japanischen Katastrophenfilms („Godzilla“). Er versucht, für Japan Verständnis zu erwecken. Die deutschen Reaktionen auf die Katastrophe kritisiert er dagegen als völlig überzogen. Die deutsche Medienberichterstattung sei „Panikmache vom Feinsten“, wobei er auch nicht Hanos ZDF verschont.

Dabei kommt Zöllner selbst vereinzelt zu vernichtenden Urteilen über die japanische Atompolitik, etwa wenn er „eine weit verbreitete Neigung zum Verschweigen und Schönreden von Unfällen“ feststellt. Vernichtend ist auch sein Urteil über japanische Kommissionen zur nuklearen Sicherheit: Da „herrschte geballte bürokratische Inkompetenz und Selbstherrlichkeit. Hauptaktivität solcher Gremien bestand in der Produktion von Hochglanzbroschüren.“

Doch während Zöllner trotzdem insgesamt mild über Japan urteilt und auch das Verschweigen von Informationen während der Katastrophe damit entschuldigt, dass so Panik vermieden werden sollte, verurteilt er die deutschen Reaktionen: „Der vorherrschende Interpretationshintergrund wurde sehr schnell die deutsche Innenpolitik. Im Ergebnis wurde schlecht über Japan geschrieben, um gut über Deutschland schreiben zu können.“ Zweifellos gab es in deutschen Medien Fälle von Übertreibungen und wurden auch handwerkliche Fehler gemacht. Doch Zöllner fragt leider nicht, was die mangelnde japanische Informationspolitik dazu beitrug. Vielmehr wurden seiner Meinung nach die Deutschen durch Fukushima zu „Weltmeistern der Apokalypse“.

Auch Coulmas und Stalpers kritisieren in „Fukushima. Vom Erdbeben zum Super-GAU“ die deutschen Berichte als sensationalistisch. Sie selbst zitieren Japans Regierungssprecher mit den Worten, es bestünde keine Gefahr für die Bevölkerung, und schreiben nur wenige Sätze später, ohne den Widerspruch zu bemerken, dass zu dem Zeitpunkt die Lage in den Reaktoren nicht bekannt war. An anderer Stelle nehmen sie die offizielle Informationspolitik in Schutz. Die Sprecher würden nur berichten, was sie positiv wüssten und nicht spekulieren. Ansonsten sehen Coulmas/Stalpers wie Zöllner in der Reaktion auf den GAU einen Sonderweg deutscher Medien und Politik.

Coulmas/Stalpers stellen am ausführlichsten die eigentliche Katastrophe dar. Sie arbeiten die Unterschiede zu Tschernobyl heraus und beschreiben die Maßnahmen nach dem Tsunami. Insgesamt ist das sehr informativ. Der Wert ihres Buchs besteht in der perspektivischen Einordnung der Katastrophe. Stärker als die anderen wagen sie einen analytischen Vorausblick. Künftig werden ihrer Meinung nach lokale Entscheidungsträger entscheidender für die Zukunft von AKWs in Japan sein als die neue Anti-AKW-Bewegung. Die Katastrophe habe zum Vertrauensschwund in den Staat geführt und dessen überholte Strukturen in den Bereichen Verantwortung und Kommunikation gezeigt. Die Gesellschaft müsse das komplexe Verhältnis von Wirtschaft, Staat und Technik reformieren. Oder wie der zitierte Romancier Haruki Murakami das Dilemma ausdrückt: „Wir sind Opfer und Täter zugleich.“