Meditationen gegen das Verschwinden

ESSAYS „So geht’s“: Der Romancier Nicholson Baker denkt über kulturelle Transformationsprozesse nach

Einer der großen Essayisten – es könnte Lichtenberg, Montaigne oder Samuel Johnson gewesen sein – hat mal sehr richtig gesagt, wenn er nicht über sich selbst nachdenke, dann denke er gar nicht nach. Gute Essaysammlungen lassen sich deshalb oft als verlarvte, fragmentarische Autobiografien lesen. „So geht’s“, die zweite Kompilation des Romanciers und archivalischen Aktivisten Nicholson Baker, nach der großartigen Sammlung „U & I – Wie groß sind die Gedanken?“, ist ein gutes Beispiel hierfür. Wenn er die 34 Piecen nicht nach Sachgruppen (Leben, Lesen, Technik, Krieg etc.), sondern schlicht chronologisch geordnet hätte, wäre es womöglich noch offensichtlicher gewesen. Aber auch so materialisiert sich nach und nach das vollbärtige, fast schon pilgervaterhafte Profil dieses nicht unbedingt politisch, aber doch habituell zutiefst konservativen amerikanischen Intellektuellen.

Baker ist kein Ewiggestriger. Er verweigert sich kulturellen Transformationsprozessen nicht. Im Gegenteil, er hat Spaß daran. In einem grandiosen Selbstversuch verdaddelt dieser Büchergelehrte Tage, ja Wochen zusammen mit seinem Sohn bei den allerneuesten Egoshooter-Spielen, taxiert narrative Qualitäten, illuminiert gelungene Set-Designs, nimmt sie also ästhetisch ernst und kommt so zu einer gerechten, von der üblichen Zeigefingerpädagogik freien Bewertung dieser neuen Kunstform. Nur am Ende verspürt er tödliche Übersättigung. Er gehe jetzt vielleicht mal wieder raus, „die Hosenbeine in die Socken gestopft, damit die Mittsommer-Zecken mir nicht die Beine heraufkrabbeln. Ich vermisse Gras.“

In einem anderen Essay outet er sich freimütig als ehemaliger Wikipedia-Süchtling und schwärmt von dem Spaß, den es ihm gemacht hat, wegen vermeintlicher Irrelevanz bedrohte Artikel durch eigene Annotationen und nobilitierende Zitate vor der Löschung zu bewahren. Hier offenbart sich bereits der menschenfreundliche Konservativismus Baker’scher Prägung.

In einem grandiosen Selbstversuch verdaddelt dieser Buchgelehrte Wochen mit einem Egoshooter

Innovationen verursachen bei ihm immer dann Bauchgrimmen, wenn damit die Vernichtung von etwas kulturell Bewährtem oder gesellschaftlich Erprobtem einhergeht. Auch deshalb hat er sich bei Wikipedia eine Weile um die besonders obskuren Fälle gekümmert, um das vermeintlich unnütze Wissen. Dass der Mainstream etwas als obsolet aussondert, sagt ja noch nichts aus über dessen tatsächliche Bedeutung. Der Umstand, dass Dinge in der Vergangenheit mal von Belang waren, sollte ihnen allemal unsere Wertschätzung, zumindest als Archivalien, sichern. Das ist Bakers Credo, und das nimmt er sehr ernst.

Als er erfährt, dass US-amerikanische Bibliotheken, von den horrenden Kosten der Digitalisierung überfordert, ihren Bestand radikal reduzieren, das heißt regalmeterweise alte, seltene Bücher verkaufen oder sogar wegwerfen, macht er die Öffentlichkeit in diversen Aufsätzen und seinem Buch „Der Eckenknick“ mit diesem Skandal bekannt. Als die British Library die letzten erhaltenen Originalexemplare der New York World, einer der wichtigsten und farbenprächtigsten Zeitungen der vorletzten Jahrhundertwende, an Antiquitätenhändler verramschen will, gründen er und seine Frau das American Newspaper Repository, beschaffen das nötige Kleingeld und kaufen die 6.000 Bände, um diese historische Quelle ersten Rangs für die Nachwelt zu erhalten. Und als er während eines Venedig-Urlaubs sieht, wie die Gondel verdrängt wird von den allgegenwärtigen Wassertaxis, schreibt er eine ruhige, kulturhistorisch gesättigte Meditation über die altehrwürdige Kunst des Gondelns.

Man erfährt darin zum Beispiel, „dass dieselbe Energie verbraucht wird, wenn man eine beladene Gondel bei einer Geschwindigkeit von drei Stundenkilometern rudert, wie wenn man mit leeren Händen auf flachem Land im selben Tempo geht“. Eine adäquate Fortbewegungsart in Venedig demnach.

Baker schreibt diese Essays gegen das Verschwinden, um seine Faszination zu teilen, vielleicht auch um sich selbst darüber klarzuwerden, was ihn da genau immer wieder affiziert. Im letzten, poetologischen Essay „Mähen“ wird die Pflege des Rasens zur Metapher für das von Baker präferierte ordnende, hegende Verhältnis innerhalb des kulturellen Claims, den er für sich abgesteckt hat. Und hier geht er dann auch der Frage nach, warum er selbst sich „zu Gelehrsamkeit in dieser altmodischen Art und Weise hingezogen“ fühlt. „Weil ich für ein Stück Leben, für das niemand sonst verantwortlich ist, verantwortlich sein will?“

Vielleicht aber auch, weil er sich wünscht, dass dereinst, wenn sein Ruhm verblasst sein wird, eine ähnlich hegende, pflegende Gärtnerseele sich über sein Werk und seine Person beugt und mit der gleichen liebevollen Empathie einen Essay über ihn schreibt. Das müsste doch hinhauen.