Unbehauste Zeitgenossen

FERNSEHGESCHICHTE Das Zeughauskino blickt zurück auf eine Zeit, als die öffentlich-rechtlichen Sender Freude am Experiment hatten und Fernsehspiele wie „Abschied“ von Peter Lilienthal ermöglichten

ARD und ZDF geben sich merkwürdig dement, wenn es um ihre eigene Programmgeschichte geht. Ihre einstige Vielfalt und Experimentierfreudigkeit wird von den Kritikern des heutigen Formatfernsehens gern ins Feld geführt, und gelegentlich tauchen „Fernsehnebenwerke“ in Retrospektiven auf – eine gute Chance, historische Fernsehspiele für Programmkinos und Festivals zu kuratieren, existiert nicht. Was da in den Archiven schlummert, muss mühsam recherchiert werden, wird ungern zugänglich gemacht und taucht meist nur noch klein geschnipselt in Gedenkformaten auf.

Das Zeughauskino und der Kurator Jan Gympel starten nun eine neue Initiative, die jeweils einmal im Monat in Kooperation mit dem RBB ein historisches Fernsehspiel aus dem Archiv der Vorgänger-Institution Sender Freies Berlin auf die Leinwand bringt. „Abschied“, ein Schwarzweißfilm von Drehbuchautor Günter Herburger, Regisseur Peter Lilienthal und Kameramann Michael Ballhaus aus dem Jahr 1965, bildet den Auftakt. Das Fernsehspiel war einst selbst zur Hauptsendezeit ein Terrain, auf dem die regionalen Sendeanstalten ohne den Quotendruck fragwürdig ausgezählter Zuschauerzahlen aushandelten, was das Genre für den kleinen Bildschirm hergeben solle. Alte Theaterhasen adaptierten Bühnendramen auf Zelluloid, junge Cineasten eher das stilistische Repertoire der Nouvelle Vague. Obwohl Fernsehspiele komplett von den regionalen Sendern selbst produziert wurden, gab man den Machern im Rahmen kleiner Budgets die Carte Blanche.

Herburger, Ballhaus und Lilienthal, der in den 1970er-Jahren für seine in Südamerika angesiedelten Diktatur-kritischen Spielfilme bekannt wurde, hatten sich Ende der 1950er-Jahre beim Südwestrundfunk in Baden-Baden kennengelernt. In „Abschied“ nutzten sie die vom SFB gewährte Freiheit für einen Film, der die nervöse Reizbarkeit der Bergman-Frauen ebenso zitiert wie etwa das unterkühlte Jazz-Feeling der führen John-Cassavetes-Filme.

Stillstehende Zeit

„Abschied“ erzählt wortkarg und atmosphärisch dicht von einer namenlosen zerrissenen Familie, die zur Beerdigung der verstorbenen Mutter für einen Tag zusammentrifft. Schauplatz ist das nur notdürftig wiederaufgebaute Charlottenburg. Die Zimmer der Toten werden bereits für neue Mieter renoviert, der alte Lebenspartner (Max Haufler) hat in der Baustelle keinen Ort der Trauer. Die spröde Tochter (Susanne Grosske) weist in der stillstehenden Zeit zwischen Beerdigung und Kaffeeklatsch die Avancen ihres angereisten Exmanns (der Schauspieler und Dokumentarfilmer Peter Nestler) und ihrer Geliebten (Angelica Hurwicz) ab, ihre Beziehung weiterzuleben. Das Auto muss verkauft werden, um die Beerdigung zu bezahlen – eine Szene, in der der Regisseur Will Tremper als Gebrauchtwagenhändler den ruppigen Typ mit Berliner Schnauze gibt.

„Abschied“ zeigt die provisorischen Lebensmuster „unbehauster“ Zeitgenossen, eine existentielle Fremdheit in einem alles andere als leuchtenden Westberlin.