Überall Promenadologen

Ob „Spaziergangswissenschaft“, „Promenadologie“ oder „Strollology“: „Walk!“ heißt die Ausstellung im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, die erklärt, wie Spazierengehen zur Kunstform wird

Was ist bloß aus der guten alten, belanglosen Sonntagnachmittagsschlenderei geworden? Klammheimlich ist sie zur „Spaziergangswissenschaft“ mutiert. Schuld ist der Stadtforscher Lucius Burckhardt, der Ende der Achtzigerjahre seine Studenten aus den Hörsälen der Universität Kassel ins Freie führte. Nach Burckhardts Tod ging das Wandern weiter, in Form eines Seminars: „Promenadologie“, in internationalen Fachkreisen auch „Strollology“ genannt.

Nun stolpert man also auch in Kreuzberg an jeder Ecke über Promenadologen: „Walk!“ heißt die Ausstellung im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, die sich des Spazierengehens als Kunstform annimmt. Es wird eifrig „Spaziergangswissenschaft“ betrieben, die Ausstellung hat ihren eigenen Handapparat.

Die Konkretisierung der Gedanken beim Ausschreiten ist ja ein altbekanntes Phänomen. Nur die Rolle des Spaziergängers ändert sich: Ein Baudelaire flanierte noch als distanzierter Beobachter durch Paris, ergötzte sich am Spektakel der Straße und am Anblick schöner Frauen. Deutlich fahriger driftete schon Leopold Bloom in Joyce’ „Ulysses“ durch Dublin und die eigene Gedankenwelt – wobei er trotzdem ein offenes Auge für den Hintern der Metzgerskundin behielt. Von solchen Flaneuren alter Schule gibt es in der Kunst nicht mehr allzu viele.

Vielleicht ist Thomas Hauser noch einer von ihnen. Er spaziert mit der Kamera in der Hand durch Berlin. Seine atmosphärischen Schwarz-Weiß-Fotografien zeigen in leichter Unschärfe die Oranienstraße – und junge Frauen, die dem Künstler ahnungslos vorauslaufen. „Girls from behind“ heißt die Schnappschuss-Serie. Die anzügliche Doppeldeutigkeit ist wohl intendiert, der Künstler jedenfalls thematisiert seine Klischeerolle als Flaneur offen.

Dass Hauser unbeschwert seiner eigenen Begierde hinterherläuft, ist schon deshalb bemerkenswert, weil die Urform des künstlerischen Flanierens, die ungelenkte Reportage, in der Ausstellung sonst nicht auftaucht. Bei „Walk!“ promenieren die Künstler bevorzugt in konstruierten Kontexten, was aber auch interessante Erkenntnisse mit sich bringt. Zum Beispiel, dass Spazierengehen harte Arbeit sein kann.

Stichwort Francis Alýs: Die Nase gen Asphalt gerichtet, schiebt der Schlacks einen Eisblock so lange durch die Straßen von Mexiko-Stadt, bis sich der Block zu einer Wasserpfütze verflüchtigt hat. „Sometimes making something leads to nothing“ heißt der grandiose Videofilm. Eine Parabel auf die Sinnfreiheit menschlichen Handelns. Ähnlich kann man auch die Arbeit von Christian Philipp Müller verstehen, der als Wiedergänger von Jacques Tatis „Monsieur Hulot“ in einem Videoloop erscheint. In endloser Wiederholung hastet der Künstler die Treppen verschiedener Fußgängerunterführungen hinab und gleich wieder hinauf, gefangen in den Alltagsritualen der Nachkriegsmoderne.

Es ist die Forderung nach Geschwindigkeit und Effizienz, der sich der entschleunigte Flaneur verweigert. Die Figur blieb in der Kunst stets präsent, geriet aber leicht in die Rolle des kritischen Sonderlings: 1969 lief Vito Acconci auf den Straßen New Yorks ahnungslosen Menschen hinterher. Eine Dokumentation dieser „Following Pieces“ hängt jetzt bei „Walk!“ direkt neben Timm Ulrichs Arbeit „Schuß und Gegenschuß“. Ulrichs wanderte 1993 mit der Videokamera in der Hand von seiner Hannoveraner Wohnung bis zum örtlichen Sprengel-Museum. Er hatte zudem veranlasst, dass er auf seinem Weg von den Verkehrsüberwachungskameras der Polizei gefilmt wurde. Die Arbeit präsentiert beide Filme simultan: Ulrichs Videoaufnahmen und die krisseligen Bilder der Überwachungskameras. In der titelgebenden Sequenz treffen sich einmal die Objektive. Handkamera filmt Polizeikamera und vice versa. Ulrichs Promenade antizipiert den fortgeschrittenen Überwachungsstaat.

Deutlich angenehmere Begleitung bekommt man auf den Themenspaziergängen, die Kulturschaffende jeden Sonntag während der Ausstellung anbieten. Die Autorin Tanja Dückers führt zum Beispiel durch die „Schokoladenseiten“ Berlins. Jonathan Monk lädt ganz schlicht ein, ihn auf seinem „Walk Home“ zu begleiten.

„I want you to walk with me“ – dieser Satz ist eben immer noch mehr Versprechen als Drohung. Janet Cardiff flüstert ihn dem Adressanten ins Ohr und schickt ihn per Kopfhörer auf eine Reise, die reales Stadtumfeld und erdachtes Schauermärchen vermischt. Leider kann der Kunstraum/Kreuzberg Cardiffs Audio-Walks nur als Künstlerbuch zeigen. Das Spektakuläre der Arbeit, das vollständige Überlassen in die Obhut einer körperlosen Stimme, geht so verloren.

Ein trauriger Cardiff-Epigone ist zudem Christoph Mayer, dessen Audio-Walk über das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Gusen führt. Ein Film in der Ausstellung zeigt das Projekt – zu didaktisch, zu berechenbar. Da freut man sich eher über die gewollt schrägen Beiträge zu „Walk!“: Die Britin Lenka Clayton ist mit einem Erich-Honecker-Double durch Berlin promeniert, und Wolfgang Müller schaffte es 1997 mit seinem urkomischen „Elfenrundgang“ durch Schöneberg sogar bis zu „Spiegel TV“. Lustig ist auch eine mentale Landkarte von Ingeborg Lockmann. Die Künstlerin hat mit Piktogrammen und Pfeilen das Straßenballett festgehalten, das Polizisten und Demonstranten alljährlich am 1. Mai in Kreuzberg aufführen. So viel Kiezkenntnis wiegt locker ein, zwei Semester „Strollology“-Studium auf.