Alle wollen Ivo

STREIT Ivo Andric machte die Brücke von Visegrad mit einem Roman berühmt. Vor 50 Jahren bekam er den Literaturnobelpreis, die Brücke wurde zum Symbol Jugoslawiens. Und heute? Zerren Kroaten, Bosnier und Serben an ihm

VON DORIS AKRAP

Es gibt dieses Bild von Ivo Andric, wie er vor der Brücke in Visegrad steht. Andric trägt seine Brille mit den schwarzen dicken Rändern und den Mantel wie immer zugeknöpft. Er blickt ernst. Jeder Jugoslawe kannte das Foto.

Andric, der berühmte Schriftsteller, und seine Brücke. Sein Roman „Die Brücke über die Drina“ machte sie zum Symbol für „Brüderlichkeit und Einheit“, das Motto, unter dem Titos Sozialismus die Völker Jugoslawiens verbinden wollte. 1961 wurde Andric für das Buch mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Als einziger Jugoslawe.

■ Der Mann: Ivo Andric wurde am 10. Oktober 1892 im Dorf Dolac bei Travnik im damaligen Bosnien geboren, das zu Österreich-Ungarn gehörte. Er studierte Philosophie und Geschichte in Zagreb, Wien, Krakau und Graz. Am 13. März 1975 starb er in Belgrad.

■ Das Buch: 1945 erschien „Na Drini Cuprija“, mit dem er seinen internationalen Ruhm begründete: „Die Brücke über die Drina“ wurde 1953 auf Deutsch veröffentlicht. 1961 wurde Andric der Literaturnobelpreis verliehen. 2011 erschien im Wiener Zsolnay-Verlag eine viel gelobte Neuübersetzung.

■ Das Bauwerk: Die Drinabrücke in Visegrad wurde zwischen 1571 und 1577/78 erbaut. In elf Bögen schwingt sie sich über den Fluss, seit 2007 zählt sie zum Weltkulturerbe. In Jugoslawien war sie das Symbol für „Brüderlichkeit und Einheit“, den Slogan, der die Klammer um Titos Vielvölkerstaat bildete.

■ Der Streit: Ivo Andric’ gesamtjugoslawischer Lebensweg weckt Begehrlichkeiten: Serben, Kroaten und Bosnier reklamieren den Autor für sich.

Jetzt, da es fünfzig Jahre her ist, dass er den Preis verliehen bekam, ist das Bild wieder aktuell. Denn es gibt Streit um Ivo Andric und sein Erbe. Ein Streit, der viel erzählt über den Zustand der Staaten, die alle einmal Jugoslawien waren. Der Streit klingt wie eine Lappalie. Es geht um ein Buch. Aber eben nicht nur, dahinter bricht die ganze Welt der nationalistischen Vorurteile und Feindschaften wieder auf. Als bräuchten die jungen Staaten den Nobelpreisträger, um sich ihrer Eigenständigkeit zu vergewissern – oder den Beweis dafür, dass die anderen immer schon die Bösen waren.

Zwanzig Jahre nach dem Zerfall der sozialistischen Föderation Jugoslawien hätte jede der ehemaligen Teilrepubliken Bosnien, Serbien und Kroatien Ivo Andric gern für sich. Die einen beanspruchen ihn als serbischen Schriftsteller, die anderen als Kroaten, wieder andere würden ihn am liebsten verbieten.

Die Brücke über die Drina im ostbosnischen Visegrad steht in einer Region, die jahrhundertelang umkämpft war und bis heute nicht zur Ruhe kommt. Hier traf Westrom auf Ostrom, der Okzident auf den Orient, die Osmanen auf die Habsburger, die Katholiken auf die Orthodoxen, die Serben auf die Muslime.

Die schlichte Steinbrücke wurde 2007 von der Unesco zum Weltkulturerbe ernannt. Noch in diesem Jahr soll sie aufwendig restauriert werden, und gerade hat der Regisseur Emir Kusturica dort mit dem Bau einer ganzen Kulissenstadt begonnen, um Andric’ Roman zu verfilmen. Er nennt es sein „Lebensprojekt“.

Ausgerechnet jetzt zerren sie alle an diesem weltbekannten Brückenbauer.

Dragan Dragojlovic sitzt in Belgrad hinter verwitterten Fensterläden vor einem Bücherstapel, 140 Kilometer von der Brücke entfernt, und sagt: „Wir machen nichts anderes als den letzten Willen von Ivo Andric zu erfüllen.“ Dragojlovic ist ein kleiner Mann, 69 Jahre alt, fahler Teint, tiefe Augenringe. Er trägt einen kleinkarierten Anzug. In diesem Haus, das von außen aussieht, als stünde es leer, verwaltet Dragojlovic den Nachlass von Andric. Er ist Direktor der Ivo-Andric-Stiftung in Belgrad, die seit dem Tod des Schriftstellers 1975 die Autorenrechte besitzt. Vor dem Zerfall Jugoslawiens waren Schriftsteller aus allen Teilrepubliken Mitglied der Stiftung. Als der Krieg ausbrach, blieben nur noch serbische Autoren in Belgrad und kümmerten sich um das Vermächtnis des großen jugoslawischen Schriftstellers.

2007 zogen die Verwalter um Dragan Dragojlovic vor Gericht. In die Anthologie „Kroatische Literatur aus Bosnien und Herzegowina in 100 Büchern“ hatten die bosnisch-kroatischen Herausgeber vier Werke von Ivo Andric aufgenommen, darunter die „Brücke über die Drina“. Die serbischen Rechteverwalter entgegneten, Andric dürfe nicht unter dem Etikett „kroatischer Autor“ publiziert werden. Sie bekamen recht, die Herausgeber legten Berufung ein. Es ging hin und her, im Frühjahr titelten serbische Zeitungen: „Kroaten klauen Andric.“ Im Haus der Andric-Stiftung in Belgrad redet Dragan Dragojlovic mit leiser, zittriger Stimme und blättert in einem Buch mit vergilbten Seiten aus dem Jahr 1980, das Dokumente aus Andric’ Leben versammelt. „Niemand hat mich angerufen, um nachzufragen, was die Wahrheit ist“, sagt der Stiftungsdirektor. Auf der ersten Seite des Buches, in dem er die Wahrheit verortet, ist das faksimilierte Testament Andric’ von 1974 in kyrillischer Schrift abgedruckt. Darin habe der Autor festgelegt, dass er als serbischer Schriftsteller verstanden werden will, sagt Dragojlovic. Tatsächlich steht in dem Testament lediglich, dass er seinen Nachlass der serbischen Akademie der Wissenschaften überlässt.

Warum also klagen sie? „Es gibt ausreichende Belege dafür, dass sich Andric als serbischer Autor verstanden hat“, sagt Dragojlodvic. Andric habe seine Hauptwerke auf Ekavica geschrieben, der vor allem in Serbien benutzten Variante des Serbokroatischen, kroatische Übersetzungen abgelehnt und den größten Teil seines Leben im serbischen Belgrad verbracht.

Der Streit zwischen den Nachlassverwaltern in Serbien und den Verlegern in Kroatien und in Bosnien beschäftigt weiter die Richter. Wie bizarr die Auseinandersetzung ist, versteht man erst, wenn man sich Ivo Andric und sein Werk genauer ansieht. In seinen Romanen tritt die multikulturelle Gesellschaft Bosniens auf. In der „Brücke über die Drina“ lässt er an die hundert Figuren den Fluss überqueren: österreichische Beamte, jüdische Handwerker, religiöse und politische Eiferer, islamische Händler, serbische Bauern, katholische Gläubige. Es gibt keine Hauptfigur. Nur die Brücke hält alles zusammen, bildet das Zentrum dieses Panoramas einer disparaten Gesellschaft zwischen dem Bau der Brücke durch den Großwesir des Osmanischen Reichs 1579 bis zur Sprengung dreier Pfeiler durch die abziehenden Truppen des Habsburger Reichs 1914.

Es ist ein Buch voller Gewalt zwischen sich bekämpfenden Großreichen und Individuen. Andric schildert sie mit einer Intensität, die kaum zu ertragen ist. Aber nicht nach dem Muster: böse Eroberer, gute Einheimische. Auf allen Seiten zeigt Andric jene, die für Macht, Geld, Liebe und Anerkennung über Leichen gehen, und die, die sich auch unter barbarischen Bedingungen Humor, Herz und Hirn bewahren. Mit denen verbindet Andric die Hoffnung auf Versöhnung der Kulturen.

Diese Hoffnung hat Andric nie aufgegeben. Er glaubte schon vor dem Ersten Weltkrieg an die jugoslawischen Idee, an die Vereinigung aller südslawischen Völker.

Das kann doch auch einer wie Dragan Dragojlovic nicht ignorieren, oder? „Niemand bestreitet das“, sagt er, „aber Jugoslawien gibt es nicht mehr, und was bleibt den Autoren anderes als die Sprache, in der sie geschrieben haben?“ Und dann ist es eben so: „Andric hat in Ekavica geschrieben.“ Die Stiftung will bald ein Buch herausgeben mit allen Dokumenten, die zeigen sollen, dass Andric ein serbischer Schriftsteller war.

Ein Gericht urteilt, welcher Nationalität Andric war. Dabei hatte er mit Nationalismen nie etwas zu tun

Andric war Jugoslawe. Aber das reicht nicht mehr

Vor einem Gericht in Sarajevo, der Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina, wird derzeit verhandelt, ob Ivo Andric auch Kroate oder nur Serbe genannt werden darf. In Sarajevo ist auch die Anthologie „Kroatische Literatur aus Bosnien und Herzegowina in 100 Büchern“ herausgegeben worden – von der bosnische Filiale der Matica Hrvatska. Sie ist die wichtigste Institution zur Pflege der kroatischen Sprache und Literatur. Die Idee für die Anthologie hatte Mirko Marjanovic, Direktor der Matica Hrvatska in Sarajevo. Marjanovic, 71 Jahre alt, ist ein bosnisch-kroatischer Schriftsteller. In den 1980er Jahren war er Mitglied der Ivo-Andric-Stiftung in Belgrad und gab eine Reihe von Andric’ Büchern heraus. Seit der Streit um Andric in die Medien geriet, steht sein Telefon nicht mehr still.

Marjanovic ist Katholik, er empfängt im weiß getünchten Saal eines Gemeindehauses, um zu begründen, warum er im Recht ist. Obwohl Marjanovic müde wirkt, will er alle Details darlegen: dass Andric aus einer katholisch-kroatischen Familie stammt, dass die Stiftung eine viel zu hohe Summe für den Abdruck in der Anthologie gefordert hat und dass das angebliche Testament wahrscheinlich eine Fälschung sei.

So wie sein Gegenspieler Dragojlovic in Belgrad legt auch Marjanovic kopierte Dokumente vor, die die Nationalität Andric’ beweisen sollen: Auszüge aus dem Geburtsregister und dem Register der Universität Zagreb, wo Andric 1912 unter Religionszugehörigkeit „römisch-katholisch“ und als Muttersprache „kroatisch“ angegeben hat. Wie Dragojlovic plant auch Marjanovic ein Buch mit Dokumenten und Essays, die belegen sollen, dass Andric allen gehört – auch den Kroaten.

„Andric war natürlich Kroate, sonst hieße er ja Jovan und nicht Ivo“, witzelt man in Kroatien, doch jeder fügt sofort hinzu, dass Andric selbstverständlich Jugoslawe war. Das ist es, worauf man sich einigen kann – aber das reicht jetzt nicht mehr.

Andric’ Lebensweg könnte kaum gesamtjugoslawischer sein: Geboren in eine katholisch-kroatische Familie bei Travnik in Westbosnien, aufgewachsen im mehrheitlich muslimisch geprägten Visegrad in Ostbosnien, das Gymnasium absolviert im zentral gelegenen Sarajevo, studiert im kroatischen Zagreb, lebte er ab 1941 ständig in Belgrad. Bis dahin war er sogar Diplomat des Königreichs Jugoslawien, zuletzt von 1939 bis 1941 in Berlin. Nach Kriegsende wurde er von den neuen Funktionären zu einer kulturellen Ikone aufgebaut. „Die Brücke über die Drina“ erschien im Januar 1945 als einer der ersten Romane im neuen Jugoslawien. Der Autor, das Buch und die Brücke bildeten eine Trias, mit der die neue brüderliche Einheit illustriert werden konnte. Dabei hat Andric nie öffentlich über seine Haltung zu Titos Jugoslawien gesprochen, so wie er auch sonst nicht viel und schon gar nicht über seine politischen Ansichten geredet haben soll. Für Nationalismus jeglicher Couleur hatte Andric nie etwas übrig. Dass er in der serbischen Sprachvariante schrieb, ist nicht ungewöhnlich für einen Autor, der in Belgrad lebte. Im Original gab Andric seinem Roman den Titel „Na Drini Cuprija“. Cuprija ist weder das serbische noch das bosnische oder kroatische Wort für Brücke – sondern das türkische. Andric schrieb in der zeitgemäßen Sprache seiner Romanfiguren, um ihnen möglichst nahezukommen.

Im Hauptsitz der Matica Hrvatska in Zagreb herrscht keine allzu große Aufregung, wenn das Gespräch auf Andric kommt. Andric sei eben Kroate. Daraus spricht auch das Selbstbewusstsein des Staates, der sich seiner Identität und Stärke zwanzig Jahre nach dem Beginn der Balkankriege am sichersten ist.

Aber ist es nicht paradox, von allen Seiten einen Autor für eigene Zwecke zu beanspruchen, der durch seinen Roman versuchte, eine Brücke zwischen den Nationen zu bauen? „Als das Symbol der Versöhnung und Vereinigung gelten Brücken uns erst heute. Die Osmanen haben die Brücke zur Expansion, zur Eroberung bauen lassen“, sagt der Direktor der Matica Hrvatska.

Jeder liest das Buch so, wie es in seine Ideologie passt

■ Gestern: Als Ivo Andric 1892 in eine kroatisch-katholische Familie in Bosnien geboren wurde, hatte das Land gerade einen historischen Einschnitt erlebt: Nach gut 400 Jahren war 1878 die Herrschaft des Osmanischen Reiches über Bosnien beendet worden, seither stand es unter Verwaltung Österreich-Ungarns. Als Mitglied der revolutionären Bewegung Mlada Bosna, die sich gegen die österreichisch-ungarische Herrschaft wandte, wurde Andric im Ersten Weltkrieg interniert. Nach dem Krieg wurde er Diplomat des Königreichs Jugoslawien, unter anderem als Gesandter in Berlin bis 1941. Von da an schrieb er zurückgezogen in Belgrad an seinen Romanen. In Titos sozialistischem Jugoslawien war Andric Abgeordneter des Parlaments.

■ Heute: Dem Zusammenbruch Jugoslawiens folgte ab 1991 ein Jahrzehnt der Kriege auf dem Balkan. An deren Ende standen sieben unabhängige Nationalstaaten: Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Mazedonien, Kosovo, Montenegro und Serbien. Diese nationalistische Kleinstaaterei wäre einem Autor wie Ivo Andric fremd gewesen.

Massiv und elegant schwingen sich elf Bögen 180 Meter über die rasend schnelle und tiefgrüne Drina. Es soll nur zwei weitere Brücken im ganzen Reich gegeben haben, die es mit ihrer Schönheit aufnehmen konnten, heißt es bei Andric. Tatsächlich hat der mächtigste Großwesir des Osmanischen Reichs, Mehmet Pasa Sokolovic, die Brücke im 16. Jahrhunderts erbauen lassen, um eine Verbindung zwischen Sarajevo und Konstantinopel, der Hauptstadt des Osmanischen Reichs, zu schaffen. Es gibt aber noch einen weiteren Grund, warum der Großwesir die Brücke an diese Stelle baute: er stammte aus der Gegend und wollte seiner Heimatregion mit dem Bau der Brücke zu Prosperität durch Handel verhelfen.

Eine Tafel an der Brücke erinnert an ihren Erbauer, ein Lobpreis, den Andric in seinem Roman einbindet, als hätte er geahnt, wie unterschiedlich ein Text gelesen werden kann, wie sehr eines Tages auch um sein Werk gestritten werden würde: Diese Inschrift, schreibt Andric, war „den Deutungen aller Menschen, der klugen wie der dummen, der böswilligen wie der wohlmeinenden, ausgesetzt“ und „wurde auf verschiedenste Art, häufig verändert und bis zur Sinnlosigkeit entstellt, wiederholt.“

Andric’ Roman ergeht es nicht anders, auf beiden Seiten der Drina wird das Buch so interpretiert, wie es gerade passt. Über die längste Strecke ihrer 486 Kilometer markiert die Drina die Grenze zwischen Bosnien und Serbien, es ist auch eine ideologische Grenze. Muslime behaupten, Andric beweise, dass Serben und Kroaten ihnen gegenüber schon immer rassistisch auftraten. Serbische Nationalisten auf der anderen Flussseite führen das Buch als Beweis dafür an, dass mit den Muslimen kein gemeinsames Leben möglich ist. In der Republika Srpska, dem im Osten Bosniens gelegenen serbisch dominierten Teilstaat, in dem auch die Stadt Visegrad liegt, wird Andric so vereinnahmt: Der Präsident der Republika Srpska, Milorad Dodik, hat für das Andric-Jubiläumsjahr jedem serbischen Haushalt ein Gratisexemplar der „Brücke“ versprochen. Dodik trieb in den vergangenen Monaten ein Referendum über den Austritt der Republika Srpska aus Bosnien voran. Er glaubt, dass es mit den bosnischen Muslimen keine friedliche Koexistenz geben kann.

„Andric wurde nach dem Zerfall Jugoslawiens zum Opfer und Mittel der neuen nationalen Identitätsbildung auf allen Seiten. Aber das traurigste Kapitel spielt sich in Bosnien ab“, meint Ivan Lovrenovic, bosnisch-kroatischer Schriftsteller aus Sarajevo, Kulturhistoriker und Kenner von Andric’ Werk. Die Matica Hrvatska hat ihn damit beauftragt, die vier Bücher der Anthologie zu edieren, die den aktuellen Streit ausgelöst haben. Lovrenovic, 68, sitzt im Foyer des Café Europa im Zentrum Sarajevos. Seine dunkle, leise Stimme ist zwischen Stimmengewirr und Geschirrklappern kaum zu verstehen. Er verkörpert die intellektuelle Sicht auf den Streit, er will sich nicht in kleinteiligen Nationalismen verirren.

In Bosnien werde Andric zu einem islamophoben Dämon aufgebaut, sagt Lovrenovic. Politische Strömungen, die die bosnische Identität islamisieren wollten, bekämen seit Jahren Schützenhilfe eines Lehrstuhls für bosnisch-muslimische Literatur. Von dort heißt es, Andrics Bücher hätten den Muslimen mehr Leid zugefügt als die verschiedenen militärischen Verbände in den 1990er Jahren. „Das ist lächerlich“, sagt Lovrenovic, „Orthodoxe und Juden kommen auch nicht besser weg.“ Lovrenovic hält diese Debatte für den größten Test der bosnischen Gesellschaft. „Wenn Andric als antimuslimischer Dämon installiert wird, dann ruiniert das jegliches gemeinsames Leben in diesem Staat“, sagt er. Die Frage ist, ob das gemeinsame Leben in diesem fragilen Staat, der erst 1995 durch das Dayton-Abkommen entstand, jemals funktioniert hat.

Wie sieht es in Visegrad selbst aus. Dort, wo die Brücke steht?

In der Stadt wurden zwischen 1992 und 1995 etwa 3.000 Muslime von serbischen Paramilitärs, Polizisten und Einheimischen ermordet. Hunderte wurden auf der Brücke massakriert und in den Fluss geworfen. Die meisten Bosnier vermeiden es noch heute, die berühmte Forelle aus der Drina zu essen. Vor dem Krieg lebten in Visegrad rund 22.000 Menschen, fast zwei Drittel von ihnen Muslime. Heute sind gerade mal ein Fünftel der etwa 11.000 verbliebenen Einwohner Muslime.

Die Brücke von Visegrad war einmal das Zentrum der Stadt. Das ist längst anders geworden

Bilal Memisevic wurde in der Stadt geboren. Seit 2001 ist er hier Hodscha, muslimischer Geistlicher, und Mitglied des Stadtparlaments. Für Memisevic ist Andric eine ambivalente Figur. „Er war kein Rassist. Doch manches, was er schreibt, macht mich wütend“, sagt Memisevic. Der Hodscha sitzt im Schatten der 1992 niedergebrannten Moschee Visegrads, die vor einigen Jahren rekonstruiert worden ist. Er wirkt in seinem adretten Anzug und mit seinem selbstbewussten Auftreten wie ein smarter Geschäftsmann. Memisevic hat den Bosnienkrieg nicht miterlebt, er studierte in der Zeit in Algerien. Seine Eltern wurden in den 1990er Jahren in Visegrad ermordet. Doch er ist zurückgekehrt und hat die muslimische Gemeinde nach dem Krieg wieder aufgebaut.

Anders als die Brücke von Mostar wurde die Brücke über die Drina in den 1990er Jahren nicht zerstört. Lediglich die Lampen, die die Brücke nachts beleuchteten, wurden zerschossen. Bis heute sind sie nicht repariert. Die Andric-Büste, die muslimische Extremisten 1992 mit einem Hammer zertrümmert haben, steht renoviert neben der Brücke. Er hat sie als Treffpunkt beschrieben, den Ort, an dem die Stadt lebt. Das ist längst vorbei. Nur ein paar Schüler sitzen in der Mittagspause dort, selbst die Pärchen, die sich abends in den Klubs der Stadt finden, flanieren später nicht auf der Brücke, sondern auf der Promenade entlang der zu jugoslawischen Zeiten gebauten Sportparkanlange, abseits des Stadtkerns. Dort treffen sich die jungen Pärchen und geben sich ihre ersten Küsse.

Wenn Andric das Leben im Visegrad von heute beschreiben müsste, dann würde er sich vielleicht diesen Sportpark vornehmen. Lange allerdings wird es ihn nicht mehr geben. Der Regisseur Emir Kusturica arbeitet seit einer Weile an einem Film über „Die Brücke“. Er will eine „Andric-Stadt“ errichten – als Filmkulisse. Auch auf dem Gelände der Sportanlage, selbst das Rathaus soll zu einem Teil dieser „Andric-Stadt“ werden. Wenn der Film fertig ist, soll sie stehen bleiben.

Den Hodscha stören Kusturicas Pläne nicht. „Im Herbst beginnen wir mit der Restaurierung der Brücke. Dann werden auch die Lampen wieder installiert.“ Und dann werde die Brücke sicher wieder das sein, was Andric darin gesehen hat: ein Zentrum, auf dem sich das Leben abspielt.

In Belgrad, in Sarajevo und in Zagreb warten sie weiter auf ein Urteil der Richter, das Gewissheit geben soll, ob Andric nur ein serbischer Autor war oder alle ihren Ivo haben dürfen.

Doris Akrap, 37, taz-Redakteurin im Schwerpunkt, besaß bis 1991 einen jugoslawischen Pass